SENDETERMIN So, 01.06.14 | 17:00 Uhr

Repair-Café: Reparieren statt Wegwerfen

Repair-Café: Reparieren statt Wegwerfen | Video verfügbar bis 31.05.2019
Viele verschiedene Werkzeuge hängen übersichtlich an einer Wand.
Repair-Cafés sind zu einer politischen Bewegung geworden.

In der Repair-Café-Bewegung pflegen Technikfreaks und versierte Handwerker die alte, fast vergessene Kunst des Reparierens. Menschen mit defekten Gegenständen - ob die kaputte Jeans, der defekte Stuhl oder der streikende CD-Player - kommen dorthin und erhalten Hilfe zur Selbsthilfe. Sie sparen sich die meist zu teure Reparatur durch den Hersteller und erleben die große Befriedigung, selbst etwas ausrichten zu können. Reparieren wird zum politischen Manifest gegen die Wegwerfgesellschaft.

Das erste Repair-Café entstand in Amsterdam

Die Besitzer des alten Radios brauchen Hilfe beim Reparieren.
Der Zuspruch war von Anfang an groß.

Entstanden sind die Repair-Cafés in Holland. Die Journalistin und Bloggerin Martine Postma hatte die Idee dazu. Sie wiederum war inspiriert durch eine Kampfschrift holländischer Designer, in der es hieß: "Sei kein Sklave der Technologie - sei ihr Beherrscher!" oder "Reparieren ist kreativ! Reparieren überlebt die Mode!" 2009 gründete sie das erste Repair-Café in Amsterdam. Was folgte war eine kleine Sensation. Radiosender berichteten über sie und von überall her meldeten sich Freiwillige. Die Bewegung wurde so groß, dass Martine Postma eine Stiftung gründete, die unter anderem vom niederländischen Umweltministerium unterstützt wird.

Von den Niederlanden in die ganze Welt

Der Fachmann öffnet das alte Radio mit einem Schraubenzieher
Alte Geräte sind leicht zu reparieren - wenn man weiß, wie.

Mittlerweile gibt es in den Niederlanden 50 Repair-Cafés. Blogger verbreiteten die Idee im Netz, wo sie mit rasender Geschwindigkeit auch international weitergegeben wird. Längst gibt es Repair-Cafés in Belgien, Frankreich, Kanada und den Vereinigten Staaten. In Deutschland ist die Resonanz auf die Repair-Kultur besonders groß. Rund 40 verschiedene Orte und Initiativen organisieren hierzulande Repair-Cafés.

Die Pioniere aus Köln

Köln war eine der ersten Städte in Deutschland, in denen kreative Reparatur-Fans ein Repair-Café ins Leben riefen. Inspiriert durch einen Fernsehbericht über die holländische Bewegung, organisierten einige Mitglieder der Kölner "Dingfabrik" im April 2012 das erste Kölner Repair-Café. Der Publikumszuspruch war von Anfang an groß. Schon zum zweiten Termin kamen über 50 Besucher. Seither findet das Repair-Café der "Dingfabrik" - einem Verein von und für Menschen, die gern basteln - in Abständen von ungefähr zwei Monaten regelmäßig statt.

Die Repair-Experten

Eine ältere Besucherin sucht Rat bei den Repair-Experten
Im Repair-Café bekommt jeder Hilfe zur Selbsthilfe.

Das Grundprinzip der Repair-Cafés lautet: Jeder ist willkommen, ob als Besucher oder Repair-Experte. Denn neue Reparateure sind immer gesucht. Viele der Bastler, die beim Repair-Café der Kölner "Dingfabrik" aktiv sind, kommen aus einem technischen Beruf, aber längst nicht alle. Jeder tut das, was er am besten kann. Der eine "kann eigentlich gar nicht reparieren", behauptet er. Aber er hat das Talent, diejenigen Reparateure miteinander zu vernetzen, die eine schwierige Reparatur gemeinsam hinkriegen. Anderen geht es um den Spaß am Basteln. Gemeinsam ist allen der Antrieb, etwas "gegen den Wegwerfwahn" und etwas "ökologisch Sinnvolles" zu tun.

Hilfe zur Selbsthilfe

Ein defektes Elektrogerät wurde komplett geöffnet.
Gerade bei neuen Geräten ist eine Reparatur nicht vorgesehen.

Die Macher des Repair-Cafés wollen keine kostenlosen Reparateure sein, sondern Hilfe zur Selbsthilfe geben, den Spaß am Selbermachen vermitteln und Hemmschwellen abbauen. Schwieriger wird es, wenn Geräte mit Absicht so konstruiert sind, dass die Reparatur schwierig wird. "Man versucht es den Kunden so schwer wie möglich zu machen, eine Reparatur selbst auszuführen, indem man die Schrauben so gut wie möglich versteckt", kritisiert ein Repair-Experte. Gerade Computer sind oft so konstruiert, dass schon das Öffnen des Gehäuses große Probleme verursacht. Aber fast immer gelingt es am Ende doch, so dass die meisten Besucher das Repair-Event zufrieden verlassen. "Es hat Spaß gemacht", erzählt einer, "das ist eine super Einrichtung hier! Das hat uns weitergeholfen. Ansonsten hätten wir das Laptop wegwerfen müssen!"

Autorin: Birgit Thater (WDR)

Lesetipp
Die Kultur der Reparatur
Wolfgang M. Heckl
Carl Hanser Verlag, München 2013
ISBN978-3446436787

Stand: 01.06.2014 17:49 Uhr