SENDETERMIN So, 02.03.14 | 17:00 Uhr

Sehen mit den Ohren

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Sehen mit den Ohren | Video verfügbar bis 01.03.2019
Fledermaus "Kleine Lanzennase", Phyllostomus discolor
Wissenschaftler an der Münchner Ludwig Maximilian Universität erforschen die Schallorientierung der Fledermäuse.

Im Keller der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität lebt eine Kolonie "kleiner Lanzennasen". Die Fledermäuse aus Südamerika helfen dem Neurobiologen Lutz Wiegrebe und seinem Team zu erforschen, wie sich Mensch und Tier mit der Hilfe von Schall orientieren. Dazu trainieren sie auch Normal-Sehende darauf, sich mit verbundenen Augen nur mit Zungenklicks und deren Echos in einem Gang zu bewegen ohne anzustoßen.

Die Methode beruht auf folgendem Phänomen: Licht ist zwar schneller als Schall, aber die Augen arbeiten wesentlich langsamer als die Ohren. Ein Beispiel: Das Fünfzig-Hertz-Flackern einer Neonröhre kann man nicht sehen, aber wenn man fünfzig Mal pro Sekunde einen Schall an- und ausschaltet, hört man diese Fluktuation sehr deutlich. Fledermäuse und Zahnwale wie zum Beispiel Delphine können sich so ein Bild von ihrer Umgebung zu machen. Echo-Sonar nennt man diese Technik im Tierreich, beim Mensch: Klicksonar.

Wie Blinde ihre Umwelt erklicken

Ein Junge steht auf dem Schulhof.
Der blinde Jason klickt sich durch seine Umwelt. Mit dieser Technik findet er Hindernisse oder Durchgänge.

Der US-Amerikaner Daniel Kish erblindete im Alter von 13 Monaten völlig. Der Junge war aber ein neugieriges, lebhaftes Kind, das mit seinen Freuden draußen spielen wollte. Nach und nach entdeckte Kish, dass er mit Hilfe von Schallunterschieden seine Umgebung akustisch erkunden kann. Dazu produziert er mit der Zunge Klicklaute und lauscht deren Echos . So "sieht" er mit Hilfe des Schalls, ob ein Gegenstand klein oder groß ist, er erkennt die Größe und Tiefe eines Raumes und findet Eingänge und Türen. Kish sagt, dass jeder diese Technik lernen kann. Und je früher man damit beginnt, desto besser kann man sie beherrschen.

In Köln - an der LVR-Severinschule für blinde und sehbehinderte Kinder - werden bereits Kindergartenkinder in der "Klicksonar"-Technik unterrichtet. Wie erfolgreich diese Schulung sein kann, zeigt der neunjährige Jason. Der blinde Junge fährt ganz ohne Hilfe auf dem Schulhof Fahrrad. Hindernissen weicht er geschickt aus.

Experimente mit Echos

Ein Mann trägt eine abgeklebte Brille.
Sehende sollen mit Klickgeräuschen einen Raum erkunden, den der Computer simuliert.

Das Gehirn von "Fledermausmann" Daniel Kish bringt die Forscherwelt zum Staunen - sein Hirn-Scan zeigt: Orientiert sich Kish mit der Hilfe von Zungenklicks und deren Echos leuchtet sein visueller Cortex auf – das Sehzentrum des Hirns. Kish macht sich also per Schall ein Bild von der Umgebung. Hört er dagegen Musik, ist sein auditorischer Cortex aktiv. Das Hörzentrum funktioniert bei Kish wie bei sehenden Menschen.

Mit Hilfe einer Versuchsreihe will der Münchner Forscher Lutz Wiegrebe erkunden, wie gut sehende Versuchsteilnehmer diese Klicksonar-Technik erlernen und anwenden können. Normalerweise orientiert sich der Mensch mit den Augen. Das Gehirn filtert alle Echos aus der Klangumgebung heraus, denn die stören nur. Im Experiment müssen die Teilnehmer drei Monate lang trainieren, sich in einem Raum mühelos zu bewegen, indem sie nur auf die Echos achten.

Das Ergebnis dieses Versuchs: Konzentrieren sich Menschen auf die akustische Wahrnehmung, können sie innerhalb von kurzer Zeit ihre Echo-Ortungs-Fähigkeiten deutlich verbessern. Kish hat also Recht: Jeder kann seine Ohren schulen und wie eine Fledermaus hören. Und für Blinde ist es eine weitere Möglichkeit ihren Alltag unabhängiger zu meistern.

Autor: Carsten Linder (WDR)

Fachausdruck: Visueller Cortex
Der für das Sehen zuständige Bereich des Gehirns ist einer der am höchsten entwickelten Teile des Gehirns. Der visuelle Cortex wird in primäres und sekundäres Sehzentrum unterteilt. Das primäre Sehzentrum verarbeitet die einkommenden Informationen aus der Netzhaut des Auges.

Stand: 02.03.2014 18:14 Uhr