SENDETERMIN So, 22.06.14 | 17:00 Uhr

Schulmilch auf dem Prüfstand

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Schulmilch auf dem Prüfstand | Video verfügbar bis 21.06.2019
Fettarme haltbare Schulmilch
Wie sinnvoll ist Schulmilch?

Ein gesundes Lebensmittel, von der EU und den Ländern offiziell gefördert und das auch noch zu einem vergünstigten Preis, alles um Kindern eine vollwertige Ernährung zu ermöglichen. In der Theorie klingt das Schulmilchprogramm der EU hierzulande wie ein rundum gelungenes Projekt - eigentlich fast zu schön, um wahr zu sein.

Was ist wirklich drin und dran?

Fünf Annahmen rund um den subventionierten Pausensnack.

Annahme 1: Schulmilch ist wirklich Schulmilch

So naheliegend und simpel diese Behauptung auch klingen mag, sie ist eigentlich nicht ganz richtig. Laut Angaben des Verbandes der Milchwirtschaft in Nordrhein-Westfalen macht die echte Schulmilch nur noch zehn Prozent der Bestellungen aus, Milchmixgetränke werden von doppelt so vielen Kindern getrunken und Kakao ordern sogar mehr als Zweidrittel der Besteller. Schulmilch ist also eigentlich Schulkakao!

Annahme 2: Schulmilch ist gesund und soll der Fettleibigkeit von Kindern vorbeugen

Verschiedene Gläser mit Milchgetränken, auf denen der Zuckergehalt steht.
Zuckergehalt der Milchgetränke

Dies gilt als eines der erklärten Ziele des EU-Schulmilchprogramms. Ein Blick auf die Inhaltsstoffe lässt an dessen Umsetzbarkeit jedoch erhebliche Zweifel aufkommen: Zwischen 20 und 25 Gramm Zucker enthalten der Kakao und die Milchmixgetränke, die ebenfalls als "Schulmilch" angeboten werden. Das entspricht je nach Expertenmeinung bereits dem Tagesbedarf an Zucker eines Grundschulkindes, vom erhöhten Karies-Risiko einmal ganz abgesehen.

Doch auch schon die pure Schulmilch mit ihren zehn Gramm Milchzucker kann Übergewicht fördern. In Kombination mit einem Frühstück und einem Pausenbrot stellt sie eine sprichwörtliche Extraportion dar. Der tägliche Viertelliter darf nicht fälschlicherweise als durstlöschendes Getränk verstanden werden, sondern vielmehr als vollwertige Zwischenmahlzeit, und ist deshalb eher für Kinder sinnvoll, die mit leerem Magen zur Schule kommen. Nicht umsonst zählen Milchprodukte in der Ernährungspyramide nur zu den mäßig zu verzehrenden Lebensmitteln.

Annahme 3: Schulmilch ist wichtig für die Kalziumversorgung.

Die Kalzium-Rechnung: Aus Käse und Müsli erhält ein Kind ausreichend Kalzium
Die Kalzium-Rechnung: Aus Käse und Müsli erhält ein Kind ausreichend Kalzium.

Tatsächlich ist Schulmilch eine Kalziumquelle. Inwiefern diese für eine ausreichende Versorgung mit dem Mineralstoff jedoch notwendig ist, hängt ganz von den Essgewohnheiten des Kindes ab. Ein Grundschulkind, das morgens eine Schüssel Müsli zu sich nimmt und ein Pausenbrot mit einer Scheibe Käse isst, hat seinen Tagesbedarf an Kalzium bereits fast gedeckt, zusätzliche Quellen wie Mineralwasser oder Vollkornbrot nicht mitgerechnet. Der Viertelliter Schulmilch ist für den Kalziumhaushalt bei ausgewogener Ernährung also verzichtbar, nur für unterversorgte Kinder ist er sinnvoll.

Annahme 4: Schulmilch ist eine gute Investition.

Auszug aus der Studie von 2011: "Wirksamkeit ... begrenzt"
Auszug aus der Studie von 2011: "Wirksamkeit ... begrenzt"

2014 sollen aus EU-Kassen rund 80 Millionen Euro in das Schulmilch-Förderprogramm fließen, um den Milchkonsum von Schulkindern anzukurbeln. Eine sinnvolle Investition in die Ernährung junger Europäer? Der Europäische Rechnungshof kommt in einer Studie aus dem Jahr 2011 zu dem Schluss, dass die "Wirksamkeit nach wie vor bestenfalls sehr begrenzt" sei. Wie schon 1999 von der EU-Kommission gefordert, empfehlen auch die europäischen Finanzkontrolleure das Programm einzustellen.

Trotz aller Finanzspritzen zahlen deutsche Schüler bei der "vergünstigt" angebotenen Schulmilch am Ende drauf: Bei etwa 40 Cent pro Portion liegt der Literpreis immer noch klar über dem vergleichbarer Produkte im Supermarkt, weil Verwaltung, Verpackung und Vertriebswege zusätzliche Kosten verursachen. Die Subventionen kommen bei den Kindern als Endverbraucher nicht mehr an.

Annahme 5: Schulmilch kommt dem Kind zugute.

In der Nachkriegszeit diente Milch im Rahmen der Schulspeisung in vielen Regionen Deutschlands dazu, ausgehungerte und mangelernährte Schulkinder wieder aufzupäppeln. Sie war nahrhaft und hatte einen hohen Fettgehalt, damals genau das Richtige. Davon ist heute nicht mehr viel geblieben. Länger haltbar und fettarm, dafür aber teils aromatisiert und übersüß gilt sie in einem ausgewogenen Ernährungsplan längst als verzichtbar. Warum dann dennoch die horrenden Fördersummen aus den Kassen der EU und der Länder?

Den eigentlichen Zweck sah schon 1982 der damalige Landwirtschaftsminister in NRW, Hans Otto Bäumer (SPD), ausschließlich darin "den Milchabsatz zu heben, mehr Umsatz zu erreichen". Daran hat sich wohl auch über 30 Jahre später nichts geändert, einzig die Strategie wurde verbessert, vermutet Verbraucherschützerin Anne Markwardt von foodwatch: "Die Politik gibt dem dann noch den Anstrich, dass das Ganze eine Art Gesundheitsförderungsprogramm ist."

Hinzu kommt das sogenannte Branding. Die Herstellerfirmen können über die Schulmilch ganz unverhohlen in der Schule Werbung für ihre Marke machen und bei den Kindern schon früh ein positives Markenimage aufbauen. Das Wohl der Kinder muss sich all dem unterordnen.

Schulmilch ist bei Weitem nicht so sinnvoll, wie oft behauptet. Eltern sollten in jedem Fall genau hinsehen, was wirklich gut für die Gesundheit ihrer Kinder ist und was nicht, bevor sie es bestellen.

Autor: P. Bastian Welte (WDR)

Stand: 22.06.2014 14:56 Uhr