SENDETERMIN So, 11.08.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Was macht eine Stadt erfolgreich?

Blick vom Rhein auf Kölner Dom und Hohenzollernbrücke.
Die Stadt Köln hat eine mehr als 2000jährige Beziehung zum Rhein.

Warum zieht die Stadt seit jeher die Menschen an? Was macht sie erfolgreich, lässt sie wachsen, wirtschaftlich und kulturell aufblühen? Eine Antwort findet man, wenn man eine Stadt aus einer bestimmten Perspektive ansieht: vom Wasser aus. Praktisch alle deutschen Großstädte liegen an einem Fluss. Schon vor vielen Hundert Jahren bot das viele Vorteile: Ein Fluss ist Trinkwasserreservoir, natürliche Grenze und Transportweg. Besonders anschaulich lassen sich diese Vorteile an einer der ältesten deutschen Städte nachvollziehen: Köln mit seiner mehr als 2000jährigen Beziehung zum Rhein.

Die Römer gründen Köln am Fluss

Bauarbeiter vor einem ausgegrabenen römischen Schiff.
Beim Bau einer U-Bahn-Linie stoßen die Archäologen auf den römischen Hafen

Ein Zusammenspiel von richtigen Voraussetzungen und Entscheidungen hat Köln über Jahrhunderte zur Millionenstadt gemacht. Heute vor allem berühmt für seinen Karneval und den Dom, war etwas ganz anderes entscheidend für die Entwicklung der Stadt: der Fluss! Der Rhein ist die Lebensader der Stadt - und brachte ihr als erstes: die Kultur. An einer hochwassergeschützten Stelle am Fluss gründeten vor über 2000 Jahren die Römer ein Garnisonslager. Bald entwickelte sich der Ort zu einer Stadt mit dem Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Hier gab es einen prächtigen Tempel, öffentliche Bäder, Wohn- und Geschäftshäuser, während die germanischen Bauern im Umland noch in kargen Hütten hausten. Im ersten Jahrhundert nach Christus lebten in Köln schon mehr als 50.000 Menschen. Lange konnten die Stadtforscher die Bedeutung des römischen Hafens für Köln nur erahnen, denn er liegt heute mehrere Meter tief unter der Altstadt begraben. Erst als ab 2003 eine neue U-Bahn-Linie unter der Stadt gegraben wird, stoßen die Archäologen auf das alte Hafenbecken. Sie finden gut erhaltenen hölzerne Spundwände, Werkzeuge, Boote und vieles mehr.

Waren aus aller Welt

Landkarte Europas mit den Herkunftsorten der Handelswaren
Waren aus ganz Europa kamen nach Köln

Die Stadtforscher finden bei den Ausgrabungen im alten römischen Hafen Kölns erstaunlich gut erhaltene Handelswaren und mächtige Flachboote. Auf denen haben die Römer Waren und Menschen von weit her in die Stadt geschafft: Waffen, Handwerker, Lebensmittel und vieles mehr. In einer Ausstellung des Römisch Germanischen Museums - ganz in der Nähe des alten römischen Hafens - ist heute ein Teil der Funde zu sehen. Unzählige beschriftete Amphoren belegen, welche Kultur in der Stadt gepflegt wurde. Mitten im weitgehend unzivilisierten Germanien flossen vor 2000 Jahren Köstlichkeiten aus der ganzen damals bekannten Welt nach Köln: Wein aus Spanien, Italien und Griechenland; Öl aus Nordafrika; Würze aus Spanien und Südfrankreich. Auch Parfümfläschchen und Glaskaraffen zeigen: In der Stadt blühte die Kultur - dank fremder Einflüsse und dem Austausch mit fernen Ländern.

Der Fluss als Quelle des Reichtums

 Kupferstich Kölns im 16. Jahrhundert
Das Stapelrecht macht Köln zu einer reichen Stadt

Neben den kulturellen Techniken und Produkten für den eigenen Bedarf strömten auch schon immer Handelswaren über den Fluss nach Köln. Das ist der zweite Schlüssel zum Erfolg: die Stadt als Handelsplatz. Ohne über nennenswerte Produktionsstätten zu verfügen, belieferten die Kölner im Spätmittelalter halb Europa mit Waren. Sie nutzten dafür geschickt ihre privilegierte Lage am Fluss; lenkten den Strom der Waren per Gesetz durch die Stadt. Mit dem sogenannten Stapelrecht zwangen sie jeden, der vorbei wollte, seine Waren in der Stadt anzubieten. Alle Kaufleute, die auf dem Rhein vorbeikamen, mussten alles ausladen, in Köln drei Tage lang stapeln und den Kölnern zum Kauf anbieten. Die nutzten ihr Vorkaufsrecht, um die Preise zu drücken und die erworbene Waren dann mit Gewinn weiterzuverkaufen. Dieses Stapelrecht, das den Kölnern erstmals im Jahr 1259 vom Erzbischof mit Brief und Siegel verliehen wurde, hatte für mehr als 500 Jahre Bestand. Köln wurde so dank des Rheins ein unerhörter Wohlstand direkt vor die Tore geliefert. Kaufleute, Bürger, Handwerker - alle profitierten. Anfang des 14. Jahrhunderts war Köln nicht nur die größte Stadt Deutschlands, sondern sogar ganz Nordeuropas - größer als Paris oder London.

Der Hafen in der industriellen Revolution

Lagerhallen "Siebengebirge" am Rhein
Die alten Lagerhallen sind heute Wohnungen.

Schließlich gelang es Köln auch in einer dritten Kategorie den Erfolg als wachsende Stadt fortzusetzen und wieder spielte der Fluss eine zentrale Rolle. Mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert wächst auch Köln immer weiter. Innerhalb von 40 Jahren verdoppelt sich die Einwohnerzahl auf 100.000 Menschen. Der Stadt gelingt es, sich als zentraler Industriestandort zu etablieren. Auf dem Rhein hält die Dampfschifffahrt Einzug und treibt die Industrieproduktion immer weiter an. Köln schafft es, im entscheidenden Moment seine zentrale Rolle zu stärken, eröffnet 1898 einen neuen, großen Industriehafen. Eine direkte Anbindung an die Eisenbahn festigte die Stellung als Versorgungszentrum des ganzen Umlandes. Der Warenumsatz stieg von 300.0000 Tonnen im Jahr 1850 auf 1,25 Millionen Tonnen 1910. Die alten Kräne im „Rheinauhafen“ zeugen noch heute von der Bedeutung des Flusses für den wirtschaftliche Entwicklung.

Längst ist die Industrie aus der Innenstadt an die Peripherie gezogen. Die riesigen Lagerhallen am Fluss sind gerade erst zu Wohnungen geworden. Auch das teilt Köln mit vielen anderen Großstädten am Fluss. Es dauerte viele Jahrzehnte, bis sich die Menschen die alten Hafengebiete als Naherholungsgebiete oder für Wohnraum wieder zurückeroberten. In der Zeit globaler Konkurrenz gibt es andere Transportwege und der Fluss ist jetzt ein attraktiver Naturraum in der Stadt.

Autor: Daniel Münter (WDR)

Buchtipp:
Hafenstadt Köln
Werner Schäfke (Herausgeber)
Emons (12. November 2012), 310 Seiten, EUR 39,95
ISBN-10: 3954510014
ISBN-13: 978-3954510016

Stand: 11.08.2013 17:00 Uhr