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Therapie für die Darmflora

Therapie für die Darmflora | Video verfügbar bis 11.05.2018
Grafik des Darmtraktes, bunte Kügelchen und bunte Ringe stellen die Darmflora dar
Der Bakterienrasen im Darm hat eine ganz bestimmte Zusammensetzung.

Unsere Darmflora besteht aus mindestens 160 Bakterienarten. Forscher schätzen, dass es sogar sehr viel mehr sind, vermutlich an die 1.000 unterschiedliche Bakterien. Das Zusammenspiel der Darmbakterien regelt nicht nur Aufgaben der Verdauung, sondern auch der Immunabwehr. Wie wichtig das Zusammenspiel der Mikroorganismen ist, zeigt sich genau dann, wenn es nicht mehr einwandfrei funktioniert.

Antibiotika zerstören große Teile der Darmflora

Rasterelektronenmikroskopaufnahme von Bakterien
Clostridium difficile: einer der gefährlichsten Krankenhauskeime.

Nach einer Herz-Operation wird die Seniorin Elisabeth D. mit Antibiotika behandelt. Die unangenehme Nebenwirkung einer Antibiotikatherapie ist, dass sie große Teile der Bakterien in der Darmflora zerstört. Laut Studien kann das Medikament bis zu einem Drittel der Darmbakterien vernichten. Kann der Körper die Darmflora nicht schnell genug wieder neu aufbauen, können sich schädliche Bakterien in die entstandenen "Lücken" setzen und sich ungehindert ausbreiten. So geschieht es bei der Seniorin. Sie infiziert sich noch im Krankenhaus mit einem der gefährlichsten Krankenhauskeime: Clostridium difficile. Die Folge ist ein entzündeter Darm und wochenlange chronische Durchfälle.

Lebensgefährliche Clostridien

Ärztin legt Mundschutz an
Clostridienkeime sind hochansteckend.

Der Keim ist hochansteckend und kann beispielsweise über Hautkontakt weitergegeben werden. Wochenlang sieht die Patientin nur Gesichter mit Mundschutz und Handschuhhände. Auch Besuch darf sie nur so empfangen. Sie verliert von Tag zu Tag mehr Gewicht. Die einzig medikamentöse Behandlung der sogenannten wiederkehrenden Clostridiencollitis ist wiederum eine spezielle Antibiotikabehandlung. Doch auch wenn es die Ärzte schaffen, den aggressiven Keim für kurze Zeit zu verdrängen, so infiziert er die Patientin immer wieder neu. Gerade ältere und kranke Menschen sind von dieser schweren Form der Krankheit betroffen.

Bakterien aus dem Darm eines Gesunden transplantieren

Grafik des Darmtraktes mit Spritze. Die Grafik zeigt die Stelle, wo die Lösung eingeimpft wurde.
Per Koloskopie wird die fremde Darmflora in den erkrankten Darm geimpft.

In dieser lebensbedrohlichen Situation will ihr Arzt, Professor Max Reinshagen, der Chefarzt im Klinikum Braunschweig eine letzte Chance ergreifen. Es gibt eine ungewöhnliche Therapie, die in Deutschland noch nicht zum Einsatz kam, eine sogenannte Stuhl-Transplantation. Stuhl eines gesunden Spenders wird dabei in den kranken Darm übertragen und mit ihm die natürliche Zusammensetzung der Bakterienflora. Das Verfahren wurde in Deutschland zuvor klinisch noch nicht angewendet. Deswegen sichert sich der Enterologe bei der Ärztekammer Niedersachsen ab. Als "individuellen Heilversuch" kann er die Methode wagen, um das Leben seiner Patientin zu retten.

Die Stuhl-Probe des Spenders wird vor dem Eingriff so genau wie möglich untersucht, um möglichst das Risiko auszuschließen, dass schädliche Keime mitübertragen werden. Die Lösung wird dann, wie bei einer Darmspiegelung, mit einem Koloskop in den Dickdarm eingeimpft. Die Hoffnung ist, dass sich die fremden Bakterien aus der Lösung im kranken Darm der Patientin ausbreiten und ansiedeln. So könnte die neue, transplantierte Darmflora die gefährlichen Clostridien bekämpfen.

In Zukunft chronische Darmerkrankungen heilen

Erst nach einigen Wochen wird klar, ob die Therapie erfolgreich war. Der schwere Durchfall kehrt nicht wieder. Die neue Darmflora hat den Keim bekämpft. Die ungewöhnliche Therapie hat Elisabeth D. das Leben gerettet.

Bislang kam die Stuhl-Transplantation zwar international schon zum Einsatz und wurde in Fachzeitschriften dokumentiert. Um es aber in Deutschland routinemäßig einsetzen zu können, müssten noch Studien folgen. Die Forschung ist gerade dabei, die Bakterien der Darmflora zu identifizieren und zu "kartieren". Eines Tages könnte möglicherweise eine künstliche Darmflora entwickelt werden, die nicht mehr das Risiko birgt, auch schädliche Keime zu enthalten. Erste Ergebnisse in diese Richtung lieferten bereits kanadische Forscher.

Professor Max Reinshagens Hoffnung für die Zukunft ist, dass künftig noch mehr Patienten vom neuen Wissen über die Darmflora profitieren und mit Hilfe der Stuhltransplantation auch andere chronische Darmkrankheiten geheilt werden könnten.

Autorin: Anke Rau (WDR)

Stand: 03.12.2015 13:40 Uhr

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