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Valium & Co: Die Sucht der Senioren

Valium & Co: Die Sucht der Senioren | Video verfügbar bis 24.02.2018

Nach nur vier Wochen: Vom "guten" zum "bösen" Medikament

Ein Glas Wasser steht neben einer Tablettenschachtel
Medikamente mit Wirkstoff Benzodiazepin wirken nach einiger Zeit weniger gut.

Schlaf- und Beruhigungsmitteln mit dem Wirkstoff Benzodiazepin wirken anfangs meist sehr gut. Deswegen werden die sogenannten Benzos gern verschrieben und viel genommen. Erst im längeren Verlauf treten Nebenwirkungen auf. Darauf sind weder Ärzte noch Patienten gut vorbereitet: Ein Medikament, das am Anfang super geholfen hat, verliert langsam aber sicher seine Wirkung. Es kommt sogar zu einer Wirkumkehr! Die Patienten werden, wenn sie die Tabletten länger als vier Wochen nehmen, wieder ängstlicher, die Schlafstörungen nehmen zu statt ab. Wenn sie das Medikament dann weglassen, werden sie noch unruhiger und denken, das Mittel habe gewirkt. In Wirklichkeit haben sie nur Entzugserscheinungen.

Die stille Sucht

Verschiedene Tabletten
Es gibt keine genauen Zahlen über die Anzahl an Medikamentensüchtigen.

Suchtexperten schätzen, dass circa 1,9 Millionen Menschen in Deutschland von Medikamenten abhängig sind. Vor allem von Schmerzmitteln, Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Und davon sind zwei Drittel Senioren! Die fallen nicht auf - wenn sie stiller werden, sich zurückziehen, weniger sprechen, immer weniger mobil werden - dann gilt das oft als normaler Alterungsprozess, als beginnende Demenz. Alte Menschen begehren nicht auf. Ein stilles Leiden, zum Teil gut versteckt hinter den Mauern von Seniorenheimen.

Bei Schlaf- und Beruhigungsmittel gehen Experten davon aus, dass es circa 1,2 Millionen Langzeitkonsumenten gibt, die die Medikamente über Jahrzehnte nehmen. Das Erschreckende: Davon sind maximal 10.000 in einem stationären Entzug, eine Entwöhnungstherapie machen noch nicht einmal 500 Menschen. Das heißt viel weniger als ein Prozent!

Dr. Rüdiger Holzbach leitet den Entzug in den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein. Bei ihm im stationären Entzug sind kaum Medikamentenabhängige und davon auch nur ganz vereinzelt Senioren. Das Problem: Weder Ärzte, noch Betroffene noch deren Angehörige nehmen die Sucht als solche wahr. Seine Einschätzung ist, dass Ärzte immer nur einseitig auf das Problem der Abhängigkeit mit dem Symptom des Kontrollverlustes schielen, das heißt, solange die alte Dame nur ein bis zwei Tabletten nimmt, wird das nicht als Sucht, wird das nicht als Abhängigkeit gesehen. Dieses Modell, dass die Menschen dann nach längerer Einnahme - zwar noch vor der Sucht - emotional abstumpfen, Konzentrationsstörungen entwickeln, denen die körperliche Energie und Spannkraft fehlt, das wird nicht als Symptom der Langzeiteinnahme verstanden. Das ist insbesondere bei älteren Menschen fatal, denn die lassen unter Umständen von der geistigen Leistungsfähigkeit nach, dann wird es dem Alter zugeschrieben und nicht den Tabletten.

Wer könnte einschreiten?

Woher sollen die Patienten wissen, dass die Vergesslichkeit und die Stürze eventuell auf die langfristige Einnahme eines Schlafmittels zurückzuführen sind? "Das verschreibt mir doch mein Arzt", "Das brauche ich halt zum Schlafen" sind die üblichen Antworten der Betroffenen, sagt der Apotheker Ernst Pallenbach. Das muss sich ändern, so seine Überzeugung. Er schult seine Kollegen in einem bundesweiten Modellprojekt, um die Apotheker für das Problem zu sensibilisieren und in die Suchtbekämpfung mit einzubeziehen.

Apotheker, Arzt und Patient müssen es zusammen versuchen

Ein Mann hält ein Informationsblatt zu Beruhigungs- und Schlafmittel in der Hand.
Beratende Gespräche können ein erster Schritt sein.

Selbst für einen engagierten Hausarzt ist es im Alleingang nicht einfach, seinen Patienten von einer oftmals langjährigen Abhängigkeit zu befreien. Hier kann der Apotheker helfen und den Patienten, den er oft auch schon seit vielen Jahren kennt, ganz vorsichtig auf seine Dauereinnahme ansprechen: "Helfen Ihnen die Tabletten noch so gut beim Schlafen wie früher?" "Fühlen Sie sich tagsüber antriebs- oder teilnahmslos?" Ohne zu drängen könnte der Apotheker Ernst Pallenbach einen Weg aufzeigen, wie in Absprache mit dem Hausarzt ganz vorsichtig die Dosis gesenkt werden könnte. "Erfreulich viele alte Menschen konnte ich im Rahmen eines Pilotprojektes nach diesem Konzept erreichen, weit mehr als die Hälfte kam - auch nach 30jähriger Abhängigkeit - am Ende ganz ohne Benzodiazepin aus und fühlte sich besser. Eine 82-jährige Dame hat sich nach dem Absetzen nach Jahrzehnten erstmals wieder in ein Schwimmbad getraut. Eine Banalität, aber Beweis für die Verbesserung der Lebensqualität und die Sinnhaftigkeit."

Mehr Aufmerksamkeit hilft also, und ist notwendig - bei Ärzten und Apothekern, und natürlich auch bei Angehörigen.

Autorin: Nicoletta Renz (BR)

Buchtipp:
Ernst Pallenbach:
Die stille Sucht: Missbrauch und Abhängigkeit bei Arzneimitteln
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (1. Juli 2009)

Stand: 07.11.2014 11:41 Uhr

Sendetermin

So, 24.02.13 | 17:00 Uhr