SENDETERMIN Sa, 11.10.14 | 16:00 Uhr

BARF - biologisch artgerechte Rohfütterung

PlayKatze
BARF - biologisch artgerechte Rohfütterung | Video verfügbar bis 11.10.2019

Fast 20 Millionen Katzen und Hunde leben in deutschen Haushalten. Ihr Appetit lässt die Kassen der Fertigfutterhersteller klingeln: Etwa drei Milliarden Euro geben die Halter jährlich für die Ernährung ihrer Haustiere aus. Zum Vergleich: Der Markt für Babynahrung und -pflege ist nur halb so groß. Die Hersteller betonen, dass im Fertigfutter alle Nährstoffe, die die Tiere brauchen, in bedarfsgerechten Mengen enthalten seien. Kritiker wie die Autorin Jutta Ziegler sehen das ganz anders. Die seit über 30 Jahren praktizierende Tierärztin hält Fertigfuttermittel für ungeeignet.

"Totes Futter"

Regal mit Hundefutter
Tiernahrung: Drei Milliarden Euro Umsatz

Einen Grund dafür sieht sie im Herstellungsverfahren des Tierfutters: "Durch hohe Erhitzung und hohen Druck werden fast alle Nährstoffe, Aminosäuren, Vitamine, Enzyme und Vitalstoffe komplett zerstört. Die müssen darum später in Form von synthetischen Stoffen zugeführt werden. Man kann nicht einfach Kohlenhydrate, Fett und Eiweiße mixen und künstliche Vitamine dazugeben, das ergibt keine vollwertige Ernährung. Dieses Futter ist tot."

Ebenso kritisiert sie den meist viel zu hohen Getreideanteil. "Eine Katze braucht überhaupt kein Getreide", sagt Ziegler. "Die Katze ist ein reiner Fleischfresser, doch die meisten Fertigfutter enthalten überwiegend Getreide." Hunde seien zwar keine reinen Fleischfresser, doch auch sie könnten einen zu hohen Getreideanteil nicht wirklich verstoffwechseln. Die Folgen seien massive Verdauungsbeschwerden und mitunter sogar Allergien.

"Rohfutter ist artgerecht"

Katze bekommt einen Teller mit Fressen
Katzen sind reine Fleischfresser

Ziegler hat mit ihrem 2011 erschienenen Bestseller "Hunde würden länger leben, wenn..." einen Trend mitbefördert, der die Industrie einiges an Umsatz kosten dürfte. Denn immer mehr Tierhalter setzen statt auf Fertigfutter auf "biologisch artgerechte Fütterung", kurz BARF. Im Internet tauschen sie sich aus über optimale Mengen und Zusammensetzung und über Bezugsquellen für das Futter. Auch die Tierheilpraktikerin Silke Volkmann aus Hamburg "barft" ihren vier Jahre alten Bordercollie: "Biber" kriegt ausschließlich rohe Kost, eine Fleisch-Gemüse-Kombination, die ihm offenbar bestens bekommt. Das Fleisch liefert ein auf BARF spezialisierter Händler tiefgekühlt frei Haus. Das Gemüse kauft Volkmann einmal die Woche frisch auf dem Markt ein. "Biber" schmeckt es.

Kampf um die Futternäpfe

Doch die Tiernahrungsbranche will die lukrativen Futternäpfe nicht kampflos aufgeben. Sie warnt vor Mangelerscheinungen und Krankheiten bei den Tieren: Gebarftes Futter könne die "Anforderungen an ausgewogenen Mengen der jeweiligen Bedarfselemente nicht erfüllen" (Deutscher Verband Tiernahrung). Der renommierte Tierernährungswissenschaftler Prof. Jürgen Zentek von der Freien Universität Berlin sieht das differenzierter: Eine ausgewogene Ernährung mittels BARFen sei durchaus möglich. Doch rohes Fleisch könne Träger von Keimen und Parasiten, wie etwa Salmonellen oder Toxoplasma gondi, sein. Schwangere oder immunsupprimierte Personen (etwa Aids- oder Krebspatienten) sollten bei der Rohfleischfütterung daher vorsichtig sein. Zudem bestehe beim BARFen natürlich auch das Risiko einer Unterversorgung mit bestimmten Nährstoffen.

Keine Wissenschaft

Ein Hund kaut auf einem Knochen herum.
Rohe Knochen für Zahnpflege und Nährstoffversorgung.

Tierheilpraktikerin Volkmann will das so nicht stehen lassen. "Rohfütterung ist keine Wissenschaft", sagt sie. "Vor Einführung der Fertigfuttermittel haben Generationen von Tierhaltern schließlich nichts Anderes gemacht." Möglichen Mangelerscheinungen bei "Biber" beugt sie durch eine ausgewogene Ernährung vor - zu der ab und an auch ein roher Knochen zum darauf Rumkauen gehört. "Der sorgt gleichzeitig für Mineralstoffzufuhr und eine gute Zahnpflege."

"Barfer" wie Volkmann nehmen gern etwas Mehrarbeit in Kauf, um ihren Tieren etwas Gutes zu tun. Auch wenn dies eher ein subjektives Gefühl ist, denn wissenschaftlich abgesichert ist das Ganze bisher nicht. Es gibt bislang keine einzige unabhängige Studie, die die Rohfütterung mit der von hocherhitzten Fertigfuttermitteln vergleicht. Das räumt auch Jürgen Zentek ein: "Es gibt kaum Daten zur Gegenüberstellung von BARF zu Trockennahrung. Man müsste das über eine lange Zeit beobachten."

Tierfutterhersteller an den Universitäten

Und das wäre teuer. Doch unabhängige Forschung im Bereich Tierernährung gibt es kaum. An den Universitäten läuft kaum etwas ohne die Fördermittel der großen Tiernahrungshersteller. Zentek kennt Studien, die zeigen, dass Getreide für die Heimtiere durchaus verträglich ist, räumt aber ein: "Wenn der Hund die Wahl hat, frisst er Fleisch."

Tierärztin Jutta Ziegler meint sogar, dass industrielle Fertigfutter Haustiere krank machen können. Die Zunahme chronischer Erkrankungen wie Verdauungsstörungen und Allergien führt sie vor allem auf Fertigfutter zurück: "Es kommen zwar noch andere Faktoren wie Impfungen, Medikamente und Umweltfaktoren dazu, aber bei der Zunahme von Allergien sind die Fertigfuttermittel mit Sicherheit die Hauptursache."

Problemfall Tierarzt

Bulldogge "Helga"
Bulldogge "Helga" hatte lange mit Allergien zu kämpfen.

Ihre eigene Zunft sieht Ziegler dabei besonders kritisch: Statt den Ursachen von Allergien nachzugehen, verkauften viele Tierärzte am liebsten teure Diätfuttermittel. In ihre Praxis in der Nähe von Salzburg kämen immer wieder Tierhalter, die eine wahre Odyssee durch Tierarztpraxen hinter sich haben. Beispiel Helga, eine französische Bulldogge, die jahrelang nur Trockenfutter bekam, bis sie allergisch reagierte. Ihre Besitzerin lief mit Helga von Tierarzt zu Tierarzt. Alle verkauften ihr spezielle Diätfuttermittel. Geholfen hat keines. Erst Dr. Zieglers Umstellung auf Rohfleischfütterung war erfolgreich.

Solche Fallbeispiele kennt Ziegler viele. Was genau die zunehmenden Allergien verursacht, ist kaum erforscht. Es könnten Zusatzstoffe oder auch minderwertige Zutaten sein, die in der Fertignahrung verarbeitet werden, meint die Tierärztin. "Manch großer Konzern entsorgt die Abfälle aus der Fertiglebensmittelindustrie in der Tierfutterproduktion. Da kommen nicht nur die ganzen Reste aus der Müsliverarbeitung und der Zuckerherstellung rein, sondern auch Schlachtabfälle der Kategorie 3, wie etwa Hufe, Klauen, Federn, Sehnen, Ohren, Fell, Haut, Harnblasen und Därme".

Trockennahrung für Wüstentiere

Eine Katze trinkt Wasser
Katzen trinken viel zu wenig, müssen Flüssigkeit daher mit feuchter Nahrung aufnehmen.

Insgesamt sei der Fleischanteil von Fertignahrung oft viel zu niedrig, vor allem für Katzen. "Die Katze ist ein Wüstentier", sagt Ziegler, "sie trinkt in der Regel viel zu wenig". Die mangelnde Flüssigkeitszufuhr führe zu Harnsteinen und Blasenentzündungen. Gerade Katzen helfe bei vielen Krankheitsbildern eine Umstellung auf Rohfleischfütterung. Die sorge auch für eine bessere Flüssigkeitsversorgung der Stubentiger, vor allem, wenn sie zuvor mit Trockennahrung gefüttert wurden. "Wir hatten noch nie so viele Probleme der harnableitenden Wege bei Katzen, wie seit es Trockenfutter gibt", sagt Ziegler.

Macht Fertigfutter grundsätzlich krank?

"Viele Katzen fressen Trockenfutter lebenslang und haben damit kein Problem", entgegnet Jürgen Zentek. Die Zunahme degenerativer Erkrankungen könne auch einfach damit zusammenhängen, dass die Tiere immer älter werden. "Trockenfutter ist unproblematisch, so lange die Tiere nicht überfüttert werden. Die Umsätze mit industrieller Fertignahrung zeigen, dass die Mehrzahl der Tierhalter es gerne bequem haben.

"Es gibt sicherlich auch hochwertige Trockenfutter", räumt Ziegler ein, "also solche mit geringem Getreideanteil und sehr viel Fleisch. Aber die meisten, die gängigen und vor allen Dingen die, die beim Tierarzt als Diätfuttermittel verkauft werden, beinhalten einen hohen Anteil an Getreide." Und den könnten Hunde und vor allem Katzen nun mal nicht gebrauchen.

Auch Tierheilpraktikerin Silke Volkmann empfiehlt fast immer eine Umstellung auf Barfen, wenn Ihre Patienten gesundheitliche Probleme haben. Grundsätzlich aber rät sie zur Gelassenheit. "Man sollte diese Art der Fütterung jetzt auch nicht zur Religion erheben. Ein Hund überlebt auch mit Dose, aber Rohfütterung ist eben einfach besser."

Autor: Güven Purtul (NDR)

Stand: 21.10.2014 12:19 Uhr