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Fremdgesteuert durch Parasiten

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Fremdgesteuert durch Parasiten | Video verfügbar bis 20.04.2018
Parasit Toxoplasma gondii
Parasit Toxoplasma gondii (Bild: elib4vet.com)

Es klingt wie aus dem Drehbuch eines Horrorfilms: Ein fremdes Wesen befällt uns und übernimmt die Kontrolle über unser Gehirn. Plötzlich ändert sich unser Verhalten und wir können nichts dagegen tun, wir merken es nicht einmal. Das Wesen ist kein Außerirdischer, sondern ein mikroskopisch kleiner Einzeller, der Parasit Toxoplasma gondii. Und er ist fast allgegenwärtig. Insgesamt sind rund 30 Prozent der Menschen von ihm befallen.

Manipuliert durch einen Einzeller?

Menschen an Marionettenfäden
Kann ein einzelliger Parasit unser Verhalten beeinflussen?

Professor Jaroslav Flegr von der Karlsuniversität in Prag erforscht den Parasiten seit 20 Jahren. Damals stellte er fest, dass er selbst Träger des Parasiten ist und fragte sich: Was macht Toxoplasma gondii mit mir? Seitdem hat er Tausende von Menschen untersucht und festgestellt: Wer mit Toxoplasma infiziert ist, verhält sich anders als ein Gesunder. Befallene Männer befolgen weniger gern Befehle, sie sind tendenziell misstrauischer, eifersüchtiger und introvertierter, gleichzeitig nehmen sie größere Risiken auf sich als Nichtinfizierte. Bei Frauen ist es eher anders herum: Sie sind freundlicher und sozialer eingestellt, nehmen weniger Risiken auf sich und sind bereitwilliger folgsam.

Fatales Interesse am Fressfeind

Grafische Darstellung des Parasiten Toxoplasma gondii
Ziel des Parasiten ist es, dass die Katze eine befallene Maus frisst.

Eindeutige Zusammenhänge zwischen Parasit und Verhalten seines Wirts haben Flegr und Kollegen aus den USA, Großbritannien und Deutschland in Experimenten mit Ratten und Mäusen festgestellt. Gesunde Nager fürchten sich instinktiv vor ihrem Fressfeind, der Katze. Mit Toxoplasma infizierte Tiere verlieren diese Angst offenbar, sie werden vom Geruch von Katzenurin geradezu angezogen - ganz so, als ob sie gefressen werden wollten. Und genau das entspricht der Strategie des Parasiten. Hauptwirt von Toxoplasma ist die Katze, nur in ihrem Darm kann er sich geschlechtlich fortpflanzen. Er muss irgendwie in den Katzendarm gelangen, um seinen Lebenszyklus zu vollenden. Also bringt er seinen Zwischenwirt Maus dazu, sich vom Hauptwirt fressen zu lassen.

Parasiten, die auf die Nerven gehen

Das Prinzip Fremdsteuerung, also der Eingriff ins Nervensystem der Wirte, ist auch von anderen Parasiten bekannt. Der Einzeller Plasmodium, Erreger der Malaria, verändert den Körpergeruch seiner Opfer so, dass diese für die Anopheles-Mücke, den Überträger von Plasmodium, besonders attraktiv sind. Der Erreger der Syphilis, ein Bakterium, steigert die sexuelle Aktivität infizierter Menschen. Und der kleine Leberegel, ein Parasit der Wiederkäuer, sorgt dafür, dass sein Zwischenwirt, eine Ameisenart, sich an der Spitze von Grashalmen verbeißt. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sein Hauptwirt die Ameise frisst. Im Laufe von Millionen Jahren Evolution haben die Parasiten solche Strategien entwickelt, um ihre komplizierten Lebenszyklen zu schließen und so sicher zu stellen, dass ihre Art überlebt.

Verschiedene Infektionsquellen

Eine Knollenpflanze
Toxoplasmose wird auch durch verunreinigtes Gemüse übertragen.

Toxoplasma gondii ist der am weitesten verbreitete Parasit weltweit. Der primäre Überträger ist die Katze, infizierte Tiere scheiden eine Weile lang Parasiteneier, sogenannte Oocyten aus. Über kontaminierte Nahrung gelangen die Oocyten in den Darm von Säugetieren, Vögeln und vom Menschen. In diesen Zwischenwirten befallen sie Zellen, vermehren sich ungeschlechtlich, wandern durch den Körper und kapseln sich schließlich dauerhaft in sogenannten Zysten in Gehirn und Muskulatur ein. Auch diese Dauerformen sind infektiös. Die meisten Menschen stecken sich daher gar nicht an Katzen, sondern über rohes Fleisch infizierter Tiere oder ungewaschenes, mit Kot verschmutztes Gemüse an.

Gefährlicher als gedacht?

Grafik
Besteht ein Zusammenhang zwischen Toxoplasmose-Infektionen und Verkehrsunfällen?

Bei gesundem Immunsystem galt die Infektion bisher als harmlos, die Symptome ähneln denen einer Erkältung und klingen schnell wieder ab. Nur schwangere Frauen wurden stets vor Toxoplasma gewarnt, da der Parasit den Embryo schädigen kann. Doch die Hinweise mehren sich, dass eine Infektion mit Toxoplasma noch ganz andere Risiken birgt: Dänische Wissenschaftler haben in einer Studie mit 45.000 Frauen festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit für Selbstmordversuche bei Frauen mit Infektion um 50 Prozent höher liegt als bei Nicht-Infizierten.

Schon seit einigen Jahren stehen die Parasiten auch unter dem Verdacht, Schizophrenie und Verhaltensauffälligkeiten auszulösen. Untersuchungen von Jaroslav Flegr haben gezeigt, dass Schizophrenie-Patienten mit Toxplasma-Infektion in einigen Gehirnbereichen einen Rückgang der grauen Substanz aufweisen. Und seine Untersuchung an 4.000 Rekruten der tschechischen Armee hat ergeben, dass mit dem Parasiten infizierte Männer 2,6 Mal häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt sind als Nicht-Infizierte. In weiteren Versuchen hat Flegr herausgefunden, dass sich die Reaktionszeit befallener Menschen verlangsamt. Das könnte die höheren Unfallzahlen erklären.

Das Echo der Wissenschaft

Die Zahlen und Statistiken von Flegr und Kollegen sind beeindruckend. Sie haben bloß einen Nachteil. Sie stellen eindeutige Korrelationen dar, sind aber kein Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Parasit Toxoplasma gondii und der Verhaltensauffälligkeit. Eine Vermutung: Toxoplasma setzt sich im Hirn seiner Opfer fest und beeinflusst dort unter anderem den Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin. Das könnte Verhaltensänderungen hervorrufen, aber eindeutig beweisen lässt sich das nicht.

Auch Flegr’s Kritiker streiten nicht ab, dass der Prager Professor möglicherweise Recht hat, wollen sich aber nicht nur auf Korrelationen verlassen. "Das ist wie mit dem Dorf in Brandenburg, in das jedes Jahr die Störche zurückkehren und das eine hohe Geburtenrate hat. Das heißt aber nicht, dass die Störche die Kinder bringen", fasst der Parasitologe Professor Carsten Lüder von der Universität Göttingen die Zweifel der Fachwelt zusammen.

Ein Erbe der Evolution?

Es bleibt die Frage, was der Einzeller davon hätte, auch uns Menschen fremdzusteuern. Für Professor Flegr liegt die Antwort auf der Hand: Der Parasit pflanzt sich im Katzendarm fort. Aber Katze heißt nicht nur Hauskatze, sondern auch Großkatze wie Löwe oder Tiger. Noch vor einigen tausend Jahren standen wir Menschen noch auf der Speisekarte dieser Großkatzen. Da war es für Toxoplasma gondii durchaus von Nutzen, uns langsamer und risikobereiter zu machen.

Ralf Hoogestraat (NDR)

Stand: 18.06.2013 15:34 Uhr

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So, 21.04.13 | 17:00 Uhr