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Wolf und Hund

Wolf und Hund | Video verfügbar bis 16.02.2018

Ziemlich beste Freunde: Wolf, Hund und Mensch

Ein Wolf
Viele Menschen haben gegenüber Wölfen Vorbehalte.

Während wir den Hund oft genug als "besten Freund des Menschen" bezeichnen, schreiben wir seinem Stammvater, dem Wolf, keine besonders sympathischen Eigenschaften zu. Im Märchen ist er stets der Böse - heimtückisch, verschlagen und aggressiv. Aber sind das nicht Vorurteile? Immerhin war es der Wolf, der vor Urzeiten eine der erstaunlichsten Verwandlungen der Naturgeschichte vollzog: Er, das wilde Raubtier, wurde zum Hund und damit zu unserem engen Begleiter. Dazu kam es nicht, wie sonst häufig in der Evolution, wegen neuer, physischer Eigenschaften. Vielmehr waren es seine kommunikativen Fähigkeiten, die dem Hund einen Lebensraum in der Nähe des Menschen eröffneten, den keine andere Art besetzen konnte.

Wie stark unterscheiden sich Wolf und Hund?

Zwei Wölfe
Timberwölfe gelten als sozial und friedlich.

Dieser Frage gehen Wissenschaftler am Wolfforschungszentrum im österreichischen Ernstbrunn nach. Kurt Kotrschal, Friederike Range und Zsófia Virányi versuchen mit Hilfe von Experimenten die angeborenen Wesensunterschiede zwischen Wolf und Hund genau zu definieren. Dazu haben sie einen neuen Ansatz gewählt: Anders als andere Forscher wollen sie Wölfe nicht unverfälscht in der Wildnis oder in großen Gehegen beobachten, sondern sie zähmen sie: Jungtiere werden mit der Flasche groß gezogen und schlafen mit ihren Betreuern in einem Bett. So sollen sie zu kooperativen Tieren werden, die gern und freiwillig mit Menschen zusammenarbeiten. Insgesamt leben inzwischen 14 Wölfe in den insgesamt 20.000 Quadratmeter großen Gehegen des Wildparks Ernstbrunn - manche mit grauem, manche aber auch mit weißem oder schwarzem Fell, aber allesamt Timberwölfe. Diese Art gilt als besonders sozial und friedlich.

Mischlingshunde zum Vergleich

Mischlingshunde
Die Mischlingshunde leben im Gehege wie die Wölfe.

Genauso wie die Wölfe wachsen auch die jungen Hunde auf, die als Vergleichsgruppe dienen. Eine wichtige Frage für die Wissenschaftler zu Beginn des Projektes: Was für Hunde sollten das sein? Sich auf eine bestimmte Rasse zu fokussieren, hätte die Aussagekraft jedes Ergebnisses eingeschränkt. Für die Vergleichbarkeit war es zudem wichtig, dass auch die Hundewelpen kurz nach der Geburt in engem Kontakt mit Menschen und mit der Flasche großgezogen wurden. Die Lösung beider Probleme war schließlich, Welpen aus ungarischen Hundeauffangstationen zu beziehen. Inzwischen leben 13 Mischlingshunde in weiteren, 10.000 Quadratmeter großen Gehegen, nicht weit von den Wölfen entfernt. Wie die Wölfe auch werden die Hunde mit toten Kaninchen, Rehen, Hühnern gefüttert - und zur Belohnung gibt es meist Trockenfutter. Lebende Tiere zu verfüttern ist laut österreichischem Tierschutzgesetz verboten. Hinzu kommt: Die Wissenschaftler haben kein Interesse daran, den Jagdtrieb der Hunde und insbesondere der Wölfe intensiv zu fördern.

Spazieren gehen mit Wolf und Hund

Ein Mann geht mit einem Wolf und einem Hund spazieren
Wolf Kenai und Hündin Bolita gehorchen Prof. Kurt Kotrschal aufs Wort.

Um eine gute Beziehung zu Wölfen und Hunden zu entwickeln, gehen die Wissenschaftler und Trainer am Wolfsforschungszentrum regelmäßig mit den Tieren im Wald des Wildparks spazieren. Die Ausflüge dienen auch als Test für die Kooperationsbereitschaft mit Menschen: Wer zieht wen durch die Gegend? Oder treffen Tier und Mensch gemeinsam die Entscheidung? Erste Ergebnisse zeigen: Hunde arbeiten nicht unbedingt besser mit Menschen zusammen, sondern Wölfe sind schlicht wählerischer. "Ein Hund kooperiert schon eher mal mit einem fremden, netten Menschen", hat Kurt Kotrschal beobachtet. "Ein Wolf will ganz genau wissen, wer das ist."

Das Deuten von menschlichen Gesten

Eine Mitarbeiterin des Wolfscenters zeigt auf einen Eimer mit Fleisch
Ein Experiment zeigt: Hunde können menschliche Gesten besser deuten.

Neben den Spaziergängen gibt es zahlreiche weitere Tests, mit denen die Wissenschaftler das Kommunikations- und Kooperationsverhalten von Hunden und Wölfen untersuchen. So wollen sie beispielsweise herausfinden, wie gut Wölfe und Hunde menschliche Gesten deuten können. Einer der Wissenschaftler zeigt für dieses Experiment mit der Hand auf einen von zwei Eimern, in dem frisches Fleisch versteckt ist. Geht das Tier zum richtigen, bekommt es das Fleisch als Belohnung. Wählt es den falschen Eimer, beginnt der Versuch von Neuem. Das Ergebnis: Hunde können unsere Gesten hervorragend deuten, sie brauchen nicht lange um das Experiment zu durchschauen. Wölfe dagegen tun sich schwer. Nach einiger Zeit ist ihre Trefferrate zwar höher als die Zufallswahrscheinlichkeit, doch so gut wie Hunde sind sie bei Weitem nicht.

Eine leichte Abwandlung des Experiments bringt jedoch ein erstaunliches Ergebnis: Zeigen die Wissenschaftler nicht mit der Hand auf den Eimer, sondern versuchen sie dem Wolf nur mit Blicken verständlich zu machen, wo das Futter versteckt ist, klappt die Kommunikation wesentlich besser. Für die Wissenschaftler ein klares Indiz: Wölfe verstehen uns sehr wohl - nur mit unseren Händen können sie schlicht nichts anfangen. Hunde dagegen haben mit der Zeit verstanden, auch unsere Gesten zu deuten.

Die Verbundenheit von Dingen

Möglicherweise, so eine These der Forscher, haben sich einige Fähigkeiten des Hundes während seiner langen Freundschaft mit dem Menschen aber auch zurückentwickelt. Ihr Verständnis für die Verbundenheit von Dingen ist beispielsweise nicht besonders gut ausgeprägt: Ist am Ende eines Seils ein Stück Fleisch befestigt, gelingt es Hunden zwar, dieses zu sich heranzuziehen. Liegen zwei Seile jedoch über Kreuz, wählen die Hunde in der Regel das Falsche: Nämlich das, das näher am Fleisch liegt und nicht das, das mit dem Fleisch verbunden ist. Das gleiche Experiment mit den Wölfen zeigt den Wissenschaftlern in Ernstbrunn jedoch: Diese Fähigkeit hat der Hund nicht im Zuge der Domestikation verlernt. Er hat sie, wie auch sein Stammvater, schlicht nie besessen.

Die Wissenschaftler am Wolfforschungszentrum planen noch viele weitere Verhaltensexperimente. Ihre ersten Ergebnisse zeigen jedoch bereits, dass Hunde und Wölfe sich in ihrem Verhalten gegenüber dem Menschen viel ähnlicher sind, als wir allgemein annehmen.

Autorin: Jennie Radü (NDR)

Stand: 21.07.2015 15:21 Uhr