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Die Rückkehr des Wolfes

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Die Rückkehr des Wolfes | Video verfügbar bis 28.04.2018

Keine Angst vor wilden Wölfen

Wolf heult auf einem Feld in Sachsen
Auf dem Vormarsch: der Wolf

Über 100 Jahre war der Wolf in Deutschland ausgestorben. Doch das Raubtier ist zurück. Die ersten Tiere wanderten aus Polen über die Elbe nach Ostsachsen, wo sie sich niederließen und vermehrten. Doch das Comeback des Wolfs ist nicht auf den Osten beschränkt. Wölfe tauchen inzwischen in ganz Deutschland auf. Aber ist er damit auch wieder heimisch? Muss man Angst haben, einem Wolf zu begegnen? [W] wie Wissen macht den Wolf-Check.

Eine tödliche Begegnung zwischen Mensch und Wolf

Erschossener Wolf in Gensingen /Rheinland-Pfalz
Im Westerwald erschossen

Im April 2012 kommt es mitten im Westerwald zu einer Begegnung, die für Schlagzeilen sorgen wird. Es ist eine Begegnung zwischen Mensch und Tier. Ein junger Wolf streift durch den Wald, eingewandert aus Norditalien. Ein Jäger sieht das Tier, das zwei Rehe über eine Lichtung hetzt. Wenig später erschießt er den Wolf - dabei stehen Wölfe bei uns unter strengem Schutz. Vor Gericht wird er sich damit verteidigen, er habe den Vierbeiner für einen wildernden Hund gehalten, mit einem Wolf habe er im Westen Deutschlands nicht rechnen können. Der Richter gibt ihm in diesem Punkt Recht: Der Mann erhält nur eine relativ milde Geldstrafe.

Die ersten Wölfe in Sachsen

Markus Bathen, Wolfsexperte des Naturschutzbunds (NABU)
Markus Bathen, Wolfsexperte des Naturschutzbunds (NABU)

Seit 1996 leben wieder Wölfe in Deutschland. Die ersten kamen aus Polen in die Lausitz in Ostsachsen. Auf Truppenübungsplätzen ließen sie sich nieder. Da es in Deutschland nicht an Wild mangelt, vermehrten sich die Raubtiere dort gut. Doch diese sächsischen Wölfe waren nicht die ersten, die versuchten, Deutschland wieder zu besiedeln. "Wölfe haben immer wieder versucht, nach Deutschland zurückzukommen", sagt Markus Bathen, Wolfsexperte beim Naturschutzbund (NABU). "Zwischen 1945 und 1990 weiß man von mindestens 23 Wölfen. Die wurden aber alle abgeschossen oder überfahren. Und erst seit er unter Naturschutz gestellt wurde, erlauben wir es dem Wolf, hier zu bleiben."

Hunderte Kilometer auf Wanderschaft

Wolfsfamilie läuft über Truppenübungsplatz
Wolfsfamilie in Sachsen

Was selbst viele Biologen lange nicht wussten: Wenn sich Wölfe vermehren, wird das Wolfsrudel nicht immer größer. Europäische Wölfe leben in kleinen Familien - Eltern mit ihren Kindern. Ältere Jungtiere müssen das Rudel verlassen. Sie sind gezwungen, sich ein eigenes Revier zu suchen und gehen auf Wanderschaft. So können sie mehrere Hundert Kilometer zurücklegen - oft unbemerkt von den Menschen. Dieses Verhalten sorgt dafür, dass die Wölfe sich weiter ausbreiten. Und dass sie auch in Deutschland immer neue Familien gründen. 19 Wolfsfamilien streifen inzwischen durch Deutschland - in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. 2012 dann die Sensation: Auf dem Truppenübungsplatz Munster in Niedersachsen bekam ein Wolfspaar Nachwuchs - erstmalig seit 150 Jahren in einem der alten Bundesländer.

Ganz Deutschland kann Wolfsland werden

Deutschlandkarte zeigt die Verbreitung der Wölfe
Wölfe breiten sich in ganz Deutschland aus.

In Deutschland verbreiten sich die Wölfe langsam von Sachsen Richtung Nordwest. Einzelne Wölfe wurden auch schon in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen nachgewiesen. Zwei Wölfe sind dieses Jahr von Sachsen bis nach Dänemark gelaufen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in Bundesländern wie Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen wieder Wolfsfamilien durch die Wälder streifen. "'Wolfsgeeignete' Gebiete gibt es in allen Flächenbundesländern", erklärt Markus Bathen. Seit einigen Jahren wandern Wölfe auch aus den südlichen Alpen, aus Italien und Frankreich, nach Deutschland. So auch der Wolf, der 2012 im Westerwald erschossen wurde. In Deutschland könnten sich die beiden Populationen - Wölfe aus den Alpen und aus Osteuropa - wieder treffen. Markus Bathen: "Deutschland spielt eine entscheidende Rolle bei der Wiederkehr des Wolfes in Europa. Studien zeigen, dass es in Deutschland theoretisch Platz für etwa 200 Wolfsfamilien gäbe." Das bedeutet nicht, dass irgendwann wirklich so viele Wölfe in Deutschland leben werden. Platz und Nahrung gäbe es aber genug.

Gefährliches Raubtier?

Einem Wolf zu begegnen, ist äußerst unwahrscheinlich. Wölfe vermeiden den direkten Kontakt zum Menschen. Trotzdem halten sie sich manchmal in der Nähe von Feldern oder Dörfern auf. Muss man also Angst haben, dass plötzlich ein gefährliches Raubtier vor einem stehen könnte?

Der Wolf ist von Natur aus ein Jäger, der Beute macht. Auf dem Speisezettel des Wolfs stehen vor allem Rehe, Wildschweine und Hirsche. Zumeist erwischt der Wolf die alten, schwachen und kranken Tiere. Menschen sind nicht in Gefahr. "Wie vor jedem Wildtier sollte man aber vor dem Wolf Respekt haben", mahnt Bernd Schneider, Kreisjagdmeister im Westerwald. "Man sollte Distanz halten, den Wolf nicht füttern oder versuchen zu streicheln, oder ihm nachsetzen." So vermeidet man Situationen, in denen sich der Wolf in die Enge gedrängt fühlt und doch aggressiv werden könnte - etwa um seinen Nachwuchs zu verteidigen. Die Rotkäppchen-Legende vom bösen Wolf, der Menschen frisst, gehört aber definitiv ins Reich der Märchen. Hundebesitzer sollten allerdings ihre Vierbeiner im Wolfsrevier an die Leine nehmen. Der Hund stammt vom Wolf ab und kann von seinen Ahnen als Eindringling im Revier angegriffen werden.

Wem macht der Wolf Probleme?

Großer Herdenschutzhund mit Schafen auf Schafsweide
Herdenschutzhunde schützen Schafe vor dem Wolf.

Der Wolf ist zwar für den Menschen ungefährlich, aber nicht bei jedem willkommen. Die Raubtiere unterscheiden nicht zwischen Wild- und Haustieren. Besonders Schafe können für sie eine leichte Beute werden. Jedes tote Schaf ist nicht nur ein finanzieller Schaden für die Schäfer, sondern macht die Wölfe auch unbeliebter. Dabei kann man Schafe vor dem Wolf schützen. Sachsen ist hier Vorbild für alle anderen Bundesländer: Der Freistaat unterstützt Schäfer bei der Anschaffung von Elektrozäunen und speziell ausgebildeten Herdenschutzhunden. Wird doch mal ein Schaf von einem Wolf gerissen, bekommt der Schafsbauer eine Entschädigung. Die Schutzmaßnahen für die Schafe zahlen sich inzwischen aus, weiß Markus Bathen: "In Sachsen haben wir eine Situation erreicht, wo nur 0,2 Prozent der Schafe, die im Wolfsgebiet leben - nicht aller Schafe in Sachsen - an die Wölfe verloren gehen. Da spricht man dann von 4.000 Euro, die jährlich als Entschädigung ausgezahlt werden müssen. Das ist auch Geld, aber sehr wenig." Eine gute Perspektive auch für westliche Bundesländer, meint der Naturschützer. Rheinland-Pfalz hat jedenfalls das Schicksal des Westerwald-Wolfs nun zum Anlass genommen, einen eigenen Managementplan für den Wolf zu beschließen.

Autoren: Frank Nischk, Herbert Ostwald (WDR)

Stand: 11.11.2015 13:23 Uhr

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