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Die dunkle Seite von Yoga

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Die dunkle Seite von Yoga | Video verfügbar bis 06.04.2018
Teilnehmerin einer Yogaklasse im abwärts schauenden Hund.
Wer sich zu viel abverlangt, riskiert Verletzungen.

Die Geschichte des Yogas ist die eines phänomenalen Erfolgs. Weltweit klemmen sich Yoga-Fans die Matte unter den Arm und pilgern ins Studio, sobald es ihr Terminkalender zulässt. Allein in Deutschland geht man von vier bis fünf Millionen Menschen aus, die regelmäßig Yoga praktizieren. Längst ist aus dem Nischen- ein Massenphänomen geworden, und wissenschaftliche Studien belegen die positiven Effekte. Doch es mehren sich die Zeichen, dass Yoga auch unerwünschte Folgen haben kann.

Die dunkle Seite von Yoga | Video verfügbar bis 04.04.2018

Yoga ist kein Leistungssport

Dr. Günter Niessen vor der MRT-Aufnahme eines Bandscheibenvorfalls
Viele Patienten von Dr. Niessen haben sich beim Yoga verletzt.

In einer Berliner Yogaschule nehmen die Teilnehmer eines Kurses mit etwas Schweiß auf der Stirn verschiedene Positionen ein, die sehr bildliche Namen tragen: Sonnengruß, Hund, Krieger. Die Teilnehmer wollen sich etwas Gutes tun - für den Körper, und die Seele. "Yoga hilft mir, meinen Alltag zu bewältigen", sagt eine Teilnehmerin. "Anschließend strahle ich; das merkt sogar mein Partner", erzählt eine andere. Ihre Lehrerin freut sich über jeden, der sich mit ihr an Yoga begeistert. Manchmal aber muss sie ihre Teilnehmer bremsen und daran erinnern, dass Yoga kein Leistungssport ist. Sie weiß aus eigener Erfahrung: Wer sich aus falsch verstandenem Ehrgeiz zu viel abverlangt, riskiert unerwünschte Nebenwirkungen bis hin zu Verletzungen.

In der Tat mischen sich neuerdings immer öfter Buh-Rufe in den allgemeinen Jubel. In den USA ist sogar ein regelrechter Glaubenskrieg darüber entbrannt, ob Yoga wirklich so gesund ist oder eher gefährlich. Belastbare Daten allerdings gibt es kaum: Dafür ist das Phänomen Yoga zu jung. Eine der wenigen existierenden Studien aus den USA sammelte 2009 weltweit Daten von über 1.300 Yogalehrern und -Therapeuten, die sich einig waren: Verletzungsgefährdet sind vor allem der Nacken, die Schultern, die Knie und die Lendenwirbelsäule.

Bei manchen Yoga-Positionen überwiegt das Risiko

Dr. Niessen beobachtet eine Patientin in einer Yogaposition
Auch kleinste Fehlhaltungen sollen vermieden werden.

Dr. Günter Niessen ist Orthopäde und Yogatherapeut. Das heißt, er setzt Yoga ein, um Beschwerden bei seinen Patienten zu lindern und zu heilen. Diese Kombination ist gefragt: In seine Berliner Praxis kommen mittlerweile Patienten aus ganz Deutschland. Dass viele von ihnen mit Beschwerden und Verletzungen zu ihm kommen, die beim Yoga entstanden sind, hat ihn anfangs selbst überrascht. "Das sind bestimmt 20 bis 30 Prozent meiner Patienten", erzählt er. Durch falsches Üben entstehen zum Teil schwerwiegende Verletzungen bis hin zu Bandscheibenvorfällen.

Aus Sicht von Dr. Niessen gibt es im Yoga sogar Übungen, bei denen das Risiko generell größer ist als der therapeutische Nutzen. Dazu gehören für ihn vor allem die Positionen, die den Nacken sehr belasten: der sogenannte Pflug und der Schulterstand. "Beide kann man aber in abgewandelter Form üben", weiß er, etwa mit einer Decke unter der Schulter, welche die Druckbelastung im Nacken reduziert. Die überproportional häufigen Bandscheibenvorfälle im Bereich der Halswirbelsäule - eigentlich eine eher seltene Verletzung -  führt Dr. Niessen auf eben solche Yogapositionen zurück, die den Nacken extrem strapazieren.

Auch das Knie, so die Erfahrung von Dr. Niessen, gerät im Yoga oft in Mitleidenschaft. In vielen Yogapositionen wird es stark gebeugt. Dadurch kann der Innenmeniskus im Knie regelrecht zusammengequetscht werden. Die normale Reaktion des Körpers in so einem Fall: Das Knie schmerzt. Dann wäre es richtig, die entsprechende Position nicht mehr einzunehmen. Wer trotz Schmerzen weiterübt, riskiert viel: Im schlimmsten Fall reißt der Meniskus ein. Eine solche Verletzung ist schmerzhaft und langwierig zu heilen. 

Wer richtig übt, profitiert vom Yoga

Die Teilnehmer einer Yoga-Klasse üben den Schulterstand mit untergelegter Decke
Mit untergelegter Decke ist der Nacken besser geschützt.

Gerade weil sich manch eine Verletzung erst über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt, ist es umso wichtiger, auch kleine Fehlhaltungen in den zum Teil komplexen Yoga-Positionen zu vermeiden. Die richtige Technik ist entscheiden. Dr. Günter Niessen sicher: Wer richtig übt, profitiert vom Yoga, zumal das Ziel keineswegs darin besteht, möglichst viele anspruchsvolle Yogapositionen perfekt  zu beherrschen. Yoga, sagen viele Yogalehrer, ist eine "geistige Disziplin". Es geht darum, dem eigenen Körper ganz zuhören zu lernen. Die Körperübungen sind "nur" der Weg dahin.

Gerade für Anfänger ist es allerdings oft schwierig, sich angesichts der Vielzahl der Angebote zurechtzufinden. Sie verfügen noch nicht über das Wissen und die eigene Erfahrung, die Qualität eines Angebots und die Qualifikation eines Yogalehrers zu beurteilen. Dabei ist gerade die Wahl des Lehrers von entscheidender Bedeutung.

Autorin: Birgit Thater (WDR)

Stand: 18.06.2013 16:02 Uhr