SENDETERMIN So, 26.01.14 | 17:00 Uhr

Wozu Zähne?

Wozu Zähne? | Video verfügbar bis 25.01.2019
Eine Frau beisst in Salzstangen.
Menschliche Zähne im Einsatz.

Zähne sind zum Beißen da! Oder vielleicht sogar ein bisschen mehr? Schon früh im Laufe der Evolution hat sich der Kieferbesatz mit zahnschmelzüberzogenen Kauwerkzeugen als Erfolgsmodell etabliert. Bereits vor 400 Millionen Jahren schwammen Ur-Haie, bewehrt mit einem äußerst scharfen Gebiss, durch die Meere. Um Fische festzuhalten, Knochen zu zerlegen, Gras zu zermahlen oder Nüsse zu knacken sind Zähne ideale Werkzeuge. Manche Tierarten setzen ihre Beißer aber auch für Zwecke ein, die überhaupt nichts mit der Nahrungsaufnahme zu tun haben!

Zähne als Werkzeug

Grauhörnchen hält eine Nuss zwischen den Vorderpfoten
Nagetiere - geborene Nussknacker

Der Nacktmull ist ein afrikanisches Nagetier, das - ähnlich unserem Maulwurf - unterirdische Gänge anlegt. Wo der Maulwurf sich aber mit seinen Krallen durchs Erdreich gräbt, beißt sich der Nacktmull durch den Boden. Die scharfen Schneidezähne werden zu Spitzhacke und Spaten, die neue Tunnel erschließen. Die Abnutzung der Zähne dadurch ist groß, aber zum Glück für den Nacktmull wird das durch das lebenslange Wachstum der Zähne ausgeglichen.

Bei ausgewachsenen Robben wachsen die Zähne nicht weiter, was im Fall der Wedellrobben dazu führt, dass sie im Alter von 20 bis 30 Jahren oft nur noch über glattpolierte Stummel verfügen. Sie setzen ihre Zähne nämlich dazu ein, Atemlöcher im Packeis der Antarktis offen zu halten. Die Ränder werden nach jedem Tauchgang mit dem Oberkiefer abgeraspelt, um ein Zufrieren der überlebenswichtigen Zugänge zu verhindern. Dabei hilft den Wedellrobben eine weitere Anpassung: Keine andere Robbe kann ihr Maul so weit aufreißen und den Unterkiefer so weit herunter klappen. Dadurch kann sie ihre Zähne auch an relativ hohen und nahezu senkrechten Eiswänden einsetzen.

Zu groß fürs Maul - besonders geformte Zähne

Walross am Strand, dolchartige Eckzähne ragen aus dem Maul.
Walross auf Spitzbergen

Bei einigen Tierarten haben manche Zähne sogar eine besondere Form angenommen. Sie können gar nicht mehr zum Kauen oder Beißen eingesetzt werden, sie haben eine neue, besondere Funktion und dienen ausschließlich als Werkzeug. Häufig passen diese Spezialinstrumente gar nicht mehr ins Maul ihrer Besitzer. Das bekannteste Beispiel hierfür sind sicherlich die Stoßzähne von Elefanten. Auch Flusspferde verfügen über erstaunlich lange Hauer, die sie als Waffe gegen Artgenossen oder Fressfeinde verwenden. Das gleiche gilt für die dolchähnlichen Eckzähne von Walrossen, die ihre Zähne unter anderem zur Selbstverteidigung gegen hungrige Eisbären einsetzen. Jahrhundertelang wurden die Stoßzähne von Narwalen als Hörner der mythischen Einhörner gehandelt und mit Gold aufgewogen. Nur männliche Narwale besitzen ein "Horn". Es ist in Wahrheit der verlängerte rechte obere Eckzahn. Er dient dazu Rivalen zu beeindrucken oder sogar regelrechte Fechtkämpfe mit Artgenossen auszutragen.

Der Hirscheber - Zähne als Kopfschmuck

Männlicher Hirscheber, Eckzähne wachsen geweihähnlich nach oben.
Männlicher Hirscheber

Ein besonders skurriler Zeitgenosse ist der Hirscheber. Er trägt seine Zähne auf dem Kopf! Bei den Männchen dieser indonesischen Wildschweine wachsen die Eckzähne des Oberkiefers nicht nach unten sondern bahnen sich einen Weg durch den Kieferknochen und die Haut nach oben. Sie wachsen das ganze Leben weiter und sind zum Kauen oder Beute machen gänzlich ungeeignet. Den Weibchen fehlen die überlangen Eckzähne. Ihre Stirn ist glatt. Es wäre also naheliegend, dass Hirscheber ihre Hauer - ähnlich wie Flusspferd oder Narwal - bei Rangkämpfen zwischen den Männchen einsetzen. Tatsächlich geraten die Männchen oft aneinander und stecken ihre Rangordnung ab. Ihre Kräfte messen sie allerdings in einer Art Ringkampf. Die Zähne spielen dabei überhaupt keine Rolle! Die wahrscheinlichste Erklärung für den Kopfschmuck der männlichen Hirscheber liegt in den Vorlieben der Weibchen: Sie wollen nur das beste Erbmaterial für ihren Nachwuchs. Männchen, die sich durch besonders lange Zähne auszeichnen, signalisieren körperliche Fitness und sind als Sexualpartner für die Weibchen besonders begehrenswert.

Zähne können bezirzen

Zähne als "Lockmittel" bei der Partnerwahl? Auch uns Menschen ist das nicht völlig fremd! Möglichst gerade, weiße Zähne gelten bei uns als Schönheitsideal. Dass Frauen und Männer als Geschlechtspartner eher solche mit ebenmäßigem Gebiss bevorzugen, mag auch beim Menschen einen evolutionsbiologisch sinnvollen Hintergrund haben: Gesunde Zähne sind tatsächlich ein Indiz für - zumindest teilweise - gutes Erbmaterial. Wobei in unserer Gesellschaft gut aussehende Zähne nicht immer zwingend auf gute Gene hindeuten. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob das strahlend weiße Lächeln tatsächlich angeboren war oder ob es nicht vielleicht doch "nur" das Ergebnis einer kostspieligen Zahnbehandlung ist?

Autor: Dirk Neumann (SWR)

Wussten Sie schon…?
…dass unsere Zähne entwicklungsgeschichtlich so etwas wie verstärkte Hautschuppen sind? Sie wachsen nicht etwa aus dem Knochen heraus, sondern in ihn hinein. Die ektodermale Schicht des Embryos (die auch für die Bildung der Haut zuständig ist) liefert den Zahnschmelz, aus dem Mesenchym stammen Dentin, Pulpa und Wurzel. Gemeinsam werden sie in den Kieferknochen eingebettet und können so im Mund ihre Aufgabe erfüllen. Dass Zähne sozusagen von Hautschuppen "abstammen", lässt sich besonders gut bei Haien nachvollziehen: Ihr Körper ist von winzigen Schuppen bedeckt, die sich in Aufbau und Struktur kaum von den Zähnen unterscheiden, die sie im Maul tragen. Sie sind nur wesentlich kleiner und elastischer.

Stand: 28.01.2014 09:22 Uhr