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Modepflanzen - Neuzüchtungen aus dem Gewächshauslabor

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Modepflanzen - Neuzüchtungen aus dem Gewächshauslabor | Video verfügbar bis 13.07.2018 | Bild[1]: NDR
Blühende Pflanzen
Um Pflanzen so prachtvoll blühen zu lassen, muss viel Arbeit in Züchtung gesteckt werden. | Bild: HR

Im Sommer erwacht wieder unsere Lust auf prachtvoll blühende Pflanzen - ob auf dem Balkon oder im Garten. Aber jedes Jahr gibt es neue Sorten in ungewöhnlichen Farben oder Formen. Mehrere Hundert sind es jährlich. Wir kaufen sie, wenn sie uns gefallen. Aber wie viel Arbeit dahinter steckt, all diese Pflanzen neu zu züchten, und wie lange es dauert, bis die Neuzüchtungen dann tatsächlich auf unserem Balkon blühen, hat uns wirklich überrascht.

Zuckerpuppe & Co

Rot-weiße Blüten.
Die "Feine Fine" | Bild: HR

Wer kennt die "Zuckerpuppe", den "Sonnyboy", die "Feine Fine"? Vielleicht finden die sich im eigenen Garten? Alle drei sind Neuzüchtungen - und wurden zu "Pflanzen des Jahres" gekürt. Aber wie züchtet man solch eine neue Schönheit? Wir fragen bei einem Züchtungsunternehmen im nordrheinwestfälischen Rheinberg nach. Hier entstehen jedes Jahr rund 50 neue Sorten. Deren Züchtung ist ein langer, straff organisierter Prozess. "Mindestens vier Jahre dauert es von dem Zeitpunkt der Kreuzung, bis man die Pflanze wirklich in der Gärtnerei oder im Gartencenter kaufen kann", erläutert Sonja Dümmen vom Züchtungsunternehmen. Es könnten aber auch sieben oder acht Jahre werden. Für die Pflanzenzüchter ist es natürlich eine besondere Auszeichnung, wenn eine ihrer Kreationen prämiert wird - so wie bei der "Feinen Fine", einer Petunie. Sie wurde 2013 zur "Pflanze des Jahres" in Berlin und Brandenburg gekürt.

Mit der Kreuzung fängt alles an

Eine Blüte wird befruchtet
Befruchtung: Eine neue Petuniensorte soll entstehen | Bild: HR

Der Pflanzenzüchter Arjan Koot kreuzt jedes Jahr rund 300 Petunien. Dabei hat er eine klare Vorstellung, was dabei herauskommen soll. Und doch ist es immer wieder spannend, ob die Vorstellung dann auch der Realität entspricht. Im Juli 2008 wird die "Feine Fine" gezeugt. Das ist die Arbeit des Pflanzenzüchters und seiner Mitarbeiter. Per Hand befruchtet Arjan Koot eine weiße Petunie mit einer roten. Aber der Züchter will nicht nur eine neue Sorte schaffen, sondern fünf neue Petunien-Schönheiten.

Nach der Befruchtung bilden die Blüten Samenkapseln. Jede enthält rund 100 Samen, die alle unterschiedliche Erbanlagen haben. Aus jedem Samen wächst eine Pflanze und alle sehen anders aus.

Qual der Wahl

Drei Personen gehen zwischen Blumenbeeten entlang.
Aussortieren: Aus 100.000 verschiedenen Varianten bleiben am Schluss fünf übrig. | Bild: HR

Ein Jahr später: 100.000 verschiedene Petunienvarianten blühen. Darunter ist die Feine Fine. Jetzt heißt es Schönheiten suchen. Ein Team aus Wissenschaftlern und Verkaufsexperten nimmt die Neuzüchtungen genau unter die Lupe. Etwa 700 Varianten wählen sie aus. Die werden sie über den Sommer auf Blatt und Blüte prüfen. Nur 50 schaffen es in die nächste Runde. Diese 50 beobachtet das Team einzeln und intensiv ein weiteres Jahr. Sind die Pflanzen robust genug, blühen sie zuverlässig, wie überstehen sie unterschiedliche Wetterbedingungen?

Die Entscheidung

Blüten der "Feinen Fine"
Die "Feine Fine" hat sich durchgesetzt. | Bild: HR

Drei Jahre sind vergangen. Jetzt fällt die Entscheidung: Die "Fine Fine" gehört zu den Auserwählten - zusammen mit vier weiteren neuen Petunien. Sie sollen Balkone und Kleingärten erobern. Nun muss vieles gleichzeitig passieren, erklärt Sonja Dümmen: "Wir müssen sie natürlich an erster Stelle produzieren, also hochvermehren, damit wir im nächsten Frühjahr auch genug Stecklinge liefern können, um mit dieser Sorte die ganze Welt versorgen können. Außerdem müssen wir sie auch beim Sortenschutzamt anmelden, das ist für uns als Züchter sehr wichtig. Da wird auch noch einmal geprüft, ob es wirklich eine neue Sorte ist."

Freiwillige Prüfungen

Eine Prüferin begutachtet die Pflanze.
Besteht die Feine Fine die Prüfung der Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Heidelberg? | Bild: HR

Das Unternehmen lässt die Pflanzen außerdem von einer staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau oder anderen unabhängigen Instituten begutachten. Das Ziel: eine Bescheinigung über die Eigenschaften der Pflanze. Darauf legen Gärtnereien und Gartencenter wert. Die Feine Fine wird von Ute Ruttensperger von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Heidelberg getestet. Sie prüft, wie schnell und zuverlässig die Pflanze Blüten bildet - je schneller desto besser. Außerdem soll sie gleichmäßig wachsen - und das alles unter natürlichen Bedingungen im Garten. All diese Kriterien erfüllt die Feine Fine. Aber sie kann noch mehr, sagt Ute Ruttensperger: "Das Besondere an der Feinen Fine ist, dass sie die neuen Blüten gut über die alten Blüten schiebt. Das heißt, der Hobbygärtner muss die alten Blüten nicht rauszupfen, sondern die neuen Blüten bilden einen wunderschönen Blütenteppich und das den ganzen Sommer."

Massenproduktion - vom Labor auf den Balkon

Bereits im Herbst 2010 hatten die ersten Vorbereitungen im Labor begonnen. Zu diesem Zeitpunkt stand noch nicht endgültig fest, welche Pflanze tatsächlich zur Weitervermehrung auserwählt wird, ob die Feine Fine wirklich dazu gehören wird. Doch das Unternehmen will Zeit sparen und produziert einige Pflanzen vorsorglich. Aus jungen, im Labor steril aufgezogenen Keimlingen, werden Stecklinge geschnitten. Damit entstehen mehrere 100 identische Kopien der Neuzüchtung. Das Besondere an ihnen: Durch die Aufzucht im Labor sind sie frei von Krankheitserregern. Und das ist wichtig! Denn diese Stecklinge sollen das Ausgangsmaterial für Millionen Exemplare der Pflanze bilden.

Im Mai 2011 ist inzwischen die Entscheidung für die Feine Fine gefallen - sie ist ausgewählt. Die Laborpflanzen aus Rheinberg treten jetzt eine weite Reise an. In Südeuropa oder Israel werden sie über die Wintermonate großgezogen und unter den dort gleichmäßig warmen Temperaturen immer weiter vermehrt. Im Januar schneiden die Arbeiter Millionen Stecklinge. Die werden nach Rheinberg und zu weiteren Firmenstandorten geschickt. Drei Wochen später, im Februar, sind die Jungpflanzen fertig für den Versand in die Gärtnereien. Dort wachsen sie zu prachtvollen Blumen heran.

Nach vier Jahren ist die "Feine Fine" reif für den Verkauf.

Autorin: Anja Galonska (HR)

Stand: 13.11.2015 11:36 Uhr

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