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Gamification - Wie Spielen den Alltag interessanter macht

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Gamification - Wie Spielen den Alltag interessanter macht | Video verfügbar bis 17.12.2020

Es klingt wie ein Traum: Jobs die eigentlich eintönig und langweilig sind, verwandeln sich plötzlich in spannenden Abenteurerreisen. Gamification nennt sich die Idee: All das, was uns am Spielen Spaß macht, in die reale Arbeitswelt zu übertragen. Marktforscher erwarten, dass bereits 2016 rund drei Milliarden US-Dollar dafür investiert werden, die Wirtschaft zum Spielplatz umzubauen. Doch es gibt auch Probleme.

Der Mensch spielt gerne – sein Leben lang

Fahrradfahrer spielt Slalom
Wenn wir uns langweilen, fangen wir an zu spielen.

Wir können nicht anders: Wir spielen einfach gerne – und das in den alltäglichsten Situationen. Beispielsweise wenn wir mit dem Fahrrad in Gedanken plötzlich Slalomstangen umkurven oder peinlich genau darauf achten, nicht auf die Fugen der Bürgersteig-Platten zu treten. Immer dann, wenn uns langweilig wird, suchen wir uns automatisch eine Herausforderung, um eine Situation spannender und attraktiver zu gestalten. Das motiviert und macht Spaß.

"Homo ludens" – der spielende Mensch. Diesen Begriff prägte der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga bereits 1938 in seinem gleichnamigen Buch. Danach entwickelt der Mensch seine Fähigkeiten vor allem über das Spielen. Dieses kann Kreativität, Energie und Kraft freisetzen.

Spielerisches Arbeiten – und am liebsten mehr

Aus diesen Gedanken entstand die Idee, die Arbeit zum Spiel zu machen. Gamification oder Spielifizierung heißt der Ansatz, der seit gut fünf Jahren vor allem in den USA verfolgt wird. Dahinter steckt die Idee, Spielprinzipien in eine spielfremde Umgebung zu übertragen, also in eine Umgebung die wir sonst nicht mit "Spaß" in Verbindung bringen. Das kann die Arbeit am Fließband genauso sein, wie der klassische Call-Center- oder Schreibtisch-Job. Unternehmen nutzen den natürlichen Spieltrieb ihrer Angestellten, damit monotone, unbeliebte oder komplexe Aufgaben trotzdem Spaß machen – und die Beschäftigten deshalb letztlich auch lieber und vor allem mehr arbeiten. Beliebte Elemente sind beispielsweise Highscore-Listen oder Fortschrittsbalken.

Bonusprogramme sind Gamification

Figur wirft mit verbundenen Augen Dart-Pfeil
Nur wenn die Herausforderung wächst, bleibt das Spiel spannend.

Gamification gibt es nicht nur für Arbeitnehmer. Auch die im Einzelhandel oder bei Fluglinien beliebten Bonusprogramme gelten zwar als einfache, aber sehr wirksame Gamification-Variante: Ein Kunde bekommt pro Einkauf Punkte oder Meilen gutgeschrieben und erhält später für eine bestimmte Zahl an Punkten einen Gutschein, einen Rabatt oder darf eine Prämie wählen. Diese Form der Kundenbindung funktioniert seit Jahren und bedient sich den Mechanismen von Spielen – ohne dass die meisten Kunden dies merken. Wir werden für bestimmte Verhaltensweisen, wie den häufigen Konsum, mit Punkten belohnt. Das empfinden wir als so motivierend, dass wir dauerhaft immer wieder im gleichen Kaufhaus shoppen – anstatt bei der vielleicht günstigeren Konkurrenz.

Gamification umfasst fünf Kernbereiche

"Für langfristige Gamification-Projekte reicht die Belohnung alleine aber nicht", ist sich Roman Rackwitz sicher. Der Unternehmer leitet die Agentur Engaginglab, die Firmen bei der Etablierung von Gamification-Anwendungen berät. Für ihn muss motivierende und vor allem langfristige Gamification fünf Kriterien erfüllen.

Informationstransparenz: Wir müssen immer genau wissen, was von uns verlangt wird und welche Möglichkeiten wir haben, vergleichbar mit dem Blick auf ein Spielbrett, das vor uns steht. 

Echtzeitfeedback: Im Spiel ist es das Normalste der Welt. Wir machen etwas und wissen sofort, ob es funktioniert hat oder nicht. Wir merken unmittelbar ob wir gegensteuern müssen. Im Job ist das nicht immer so. Wir bekommen oftmals gar kein oder nur sehr verzögert Feedback, das ist demotivierend.

Herausforderung: Im Spiel werden wir immer wieder gefordert – deswegen wird es uns auch nicht langweilig. Im Arbeitsalltag hapert es daran leider oft. Aber nur die Aktivitäten, bei denen wir uns weiterentwickeln können, sind für uns dauerhaft interessant.

Entscheidungsfreiheit: In einem Spiel gibt es ein klares Ziel und eindeutige Regeln. Wie wir uns aber innerhalb dieses spielerischen Rahmens bewegen, bleibt uns überlassen. In der Arbeitswelt ist das häufig nicht der Fall. Uns wird zwar gesagt, wo wir stehen und wo wir hin müssen – meist ist der Weg aber auch genau vorgegeben. Eigeninitiative ist oftmals unerwünscht. Das kann auf Dauer frustrieren.

Klare Ziele, Meilensteine und Regeln: Wir kennen zwar das übergeordnete Ziel unseres Unternehmens. Runtergebrochen auf die alltägliche Arbeitsebene, werden die Zielvorgaben aber oft schwammig. Wir kennen nicht einmal ganz genau die Regeln: Darf ich das noch machen? Wie weit kann ich gehen? Das führt zu Unsicherheit und langfristig ebenfalls zu Demotivation.  

Labortest an der TU München  

Probanden testen Gamification-Anwendung
Macht das Spaß? Gamification-Test an der TU-München.

Das Interesse an Gamification ist derzeit zwar groß – trotzdem steckt die Forschung dazu noch in den Kinderschuhen. Erst im Jahr 2015 haben Münchner Wissenschaftler an der Technischen Universität München erstmalig unter Laborbedingungen untersucht, ob und wie Spielifizierung im Arbeitsalltag funktioniert. Sie entwickelten dazu eine gamifizierte Anwendung für die Logistik-Branche, genauer für die Kommissionierung.

Kommissionieren heißt: In einem Zentrallager per Hand Produkte zusammenzusuchen und Warenkörbe zusammenzustellen – etwa für Versandhändler wie Amazon. 24 Stunden, sieben Tage die Woche immer dieselbe, monotone Arbeit. Abwechslung oder eine wachsende Herausforderung ausgeschlossen.

Die Idee der Münchner Wissenschaftler: eine virtuelle Kommissionier-Liga in der die Mitarbeiter einer Arbeits-Schicht als Team zusammenspielen. Für jeden erledigten Auftrag gibt es Team-Punkte, ist jemand besonders schnell, erhält er zusätzlich digitale Auszeichnungen, sogenannte Badges.

Gamification wirkt – aber noch nicht lange

Für die eigentliche Studie ließen die Münchner Forscher dann insgesamt 100 Probanden in einem nachgebauten Zentrallager arbeiten. 50 mit und 50 ohne Gamification-Anwendung. Mit einem eindeutigen Ergebnis: Die Spieler der "Kommissionier-Liga" arbeiteten schneller und präziser – und hatten bei der Arbeit mehr Spaß als ihre Kollegen ohne Gamification. Allerdings dauerte die "simulierte Arbeits-Schicht" gerade einmal 20 Minuten. Ob das Spiel auch bei täglichem Einsatz dauerhaft funktionieren würde, ist mehr als zweifelhaft. Das zumindest glaubt Michael Sailer von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, der die Studie psychologisch betreut hat: "Wenn die Anwendung permanent läuft, besteht definitiv die Gefahr, dass das Ganze abstumpft. Deshalb sollten Unternehmen das dosierter gestalten. Beispielsweise in dem sie nur ein paar Arbeitsplätze gamifizieren, Mitarbeiter also nur ab und zu spielen. Dann bleibt die Gamification etwas besonderes und wirkt sicher längerfristiger."

Kritik an Gamification

Highscore-Tabelle einer Gamification Anwendung
Wie gut ist mein Team? Auch spielerisch erzeugter Druck ist Druck.

Alles nur ein Spiel? Ganz soweit ist es also noch nicht. Zumal Gamification nicht unumstritten ist. Kritiker monieren, dass der Grat zwischen Motivation und Manipulation sehr schmal sei. Wettbewerb, auch wenn er nur spielerisch erzeugt wird, bleibt eben ein Wettbewerb. Das kann Beschäftigte unter Druck setzen und für schlechte Stimmung im Unternehmen sorgen. Für Michael Sailer ist deshalb klar: "Aus meiner Sicht, kann Gamification nur in Betrieben funktionieren, in denen ein gutes Betriebsklima herrscht. Andernfalls kann das Ganze von den Mitarbeitern als weiteres Kontrollinstrument wahrgenommen werden, mit dem Chef genau sehen kann, wie viel ein jeder gearbeitet hat."

Wie groß diese Angst vor dem "gläserneren Arbeitnehmer" ist, erfahren die Münchner Wissenschaftler momentan am eigenen Leib. Bislang scheiterte die Einführung ihrer Kommissionier-Liga in einem realen Unternehmen jedes Mal am Betriebsrat.

Adressen

Engaginglab GmbH
Roman Rackwitz
Balanstrasse 21
81669 München
Internet: romanrackwitz.de/

Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss Logistik (fml)
Technische Universität München
Boltzmannstraße 15
85748 Garching bei München

Autor: Niels Nagel (NDR)

Stand: 19.12.2015 14:30 Uhr