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Computerspiele im Kampf gegen Demenz

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Computerspiele im Kampf gegen Demenz | Video verfügbar bis 17.12.2020

Nicht wenige halten sie für sinnfreien Zeitvertreib – doch jetzt entdeckt sie die Wissenschaft immer mehr für sich: Computerspiele. Sie lassen nachweislich bestimmte Gehirnregionen wachsen und verbessern beispielsweise die räumliche Orientierung der Spieler. Was sich daraus künftig für Therapie-Möglichkeiten ergeben könnten, untersuchten jetzt Forscher in Berlin.

Mit "Super Mario" Powersterne sammeln

Er hat einen Schnauzbart, trägt blaue Latzhosen und hat eine roter Kappe auf dem Kopf: die populäre Video-Spielfigur Super Mario. Im gleichnamigen Computergame "Super Mario 64" müssen die Spieler das kleine Kerlchen per Joystick durch ein Labyrinth manövrieren und dabei gelbe Powersterne sammeln. Eine Geschichte die seit fast 20 Jahren weltweit Spielerinnen und Spieler stundenlang an die Video-Konsolen fesselt.

Welchen Einfluss hat das intensive Daddeln auf das Gehirn?  

Wissenschaftler haben 2013 am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, eine Gruppe junger Erwachsener insgesamt zwei Monate lang "Super Mario 64" spielen lassen, mindestens 30 Minuten am Tag. Zum Vergleich wurde eine Kontrollgruppe beobachtet, deren Mitglieder keine Videospiele spielen durften. Nach der intensiven Spielphase wurden dann die Gehirne der Probanden mithilfe von Magnetresonanztomographie (MRT) untersucht.

Computerspiel lässt Hirnregionen wachsen

Im MRT wird das Gehirn der Spieler gescannt
Computerspiele lassen bestimmte Hirnareale wachsen.

"Wir haben festgestellt, dass bestimmte Hirnregionen über diese Zeit hinweg wachsen. Das heißt, "Super Mario 64" scheint tatsächlich bestimmte Hirnregionen zu trainieren", erläutert die Psychologin Simone Kühn das Ergebnis. Die Wissenschaftler entdeckten dabei deutliche Strukturveränderungen und Wachstum in den Hirnregionen, die mit Navigation im dreidimensionalen Raum, Erinnerungsbildung, strategischem Planen sowie feinmotorischen Fähigkeiten in Verbindung gebracht werden: dem Hippocampus, dem Kleinhirn und dem präfrontalen Kortex.

Wissenschaftliche Studien beweisen: Ballern macht nicht dumm

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die französische Neurowissenschaftlerin Daphne Bavelier. Sie untersuchte bereits 2009 die Auswirkungen von sogenannten Ego-Shootern auf das Gehirn. Dabei handelt es sich um actiongeladene Computerspiele, bei denen virtuelle Gegner abgeschossen werden müssen. Das erstaunliche Ergebnis: Nach einem achtwöchigen Training mit dem Spiel "Call of Duty" konnten die jungen Testteilnehmer kleine Details und unterschiedliche Graustufen genauer erkennen, also besser sehen. Und noch mehr: Die Ego-Shooter-Spieler konnten sich schneller entscheiden und waren konzentrierter als die Kontrollgruppe der Nicht-Spieler – ihr Gehirn arbeitete nachweislich effizienter.

Können Computerspiele Hirnregionen auch gezielt zum Wachsen bringen? 

Computergames wie "Call of Duty" oder "Super Mario 64"  sind von der Software-Industrie als reine Unterhaltungsspiele konzipiert. Dass sie darüber hinaus auch bestimmte Fähigkeiten der Spieler verbessern, ist aber ein eher zufälliger Nebeneffekt. Simone Kühn vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gibt das unumwunden zu: "Unser Ansatz bei 'Super Mario' war noch ziemlich breit gewählt. Wir haben ein kommerzielles Spiel genommen, es zum Training benutzt und uns dann sehr darüber gefreut, dass sich die Probanden nach dem Spielen beispielsweise im dreidimensionalen Raum besser zurecht finden konnten. Das war aber alles andere als ein gezieltes Training bestimmter Fähigkeiten. In unserer nächsten Studie wollten wir herausfinden: Können wir mit einem speziellen Computerspiel auch ganz gezielt Hirnregionen zum Wachsen bringen?"

Die Zielgruppe: Senioren, die doch nie mit dem Computer gespielt haben

Senior spielt "Schiff Ahoi!"
Keine geübten Gamer: Senioren beim Computerspielen.

Für ihre Folgestudie konzentrierte sich Simone Kühn 2014 auf einen speziellen Personenkreis: Über 60-jährige Probanden, die noch nie mit dem Computer gespielt haben. Warum nur Ältere? "Mit zunehmenden Alter haben Menschen Schwierigkeiten, eine Handlung im letzten Moment noch zu stoppen. In der Psychologie nennt man das Selbstkontrolle oder Inhibition. Da wir genau wissen, welche Hirnregion im Kopf dafür verantwortlich ist, war das für uns ein ideales Testfeld“, erklärt Simone Kühn. 

Der Plan der Wissenschaftlerin: Die Entwicklung eines speziellen Computerspiels, das ältere Menschen trainiert, sich im letzten Moment um zu entscheiden. Im Anschluss an die Testphase soll dann im MRT überprüft werden, ob das Gehirn tatsächlich an der beabsichtigten Stelle wächst.

Am Ende der Entwicklung: "Schiff Ahoi!"

Ausschnitt Computerspiel "Schiff Ahoi!"
Was gehört wohin? Auf den Teller dürfen nur Lebensmittel.

Das eigentliche Computerspiel entwickelten Game-Designern der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. Heraus kam das Spiel "Schiff Ahoi": Auf einer virtuellen Mittelkreuzfahrt müssen die Spieler Lebensmittel von einem Buffet möglichst schnell auf einen Teller ziehen. Gleichzeitig aber auch erkennen, dass bestimmte Gegenstände, wie beispielsweise eine Sonnenbrille oder Badelatschen, nicht auf den Teller gehören und ihre Handlung abbrechen. Genau das sollte das Trainingsprogramm ja schulen. "Schiff Ahoi!" vereint alle Elemente eines kommerziellen Computerspiels. Es hat verschiedene Level, ein ansprechendes Sounddesign, ist graphisch aufwendig umgesetzt und passt sich automatisch an das Niveau der Spieler an.

Erstmalig lässt ein Computerspiel gezielt Hirnregionen wachsen

Acht Wochen dauerte die Testphase. Zwischen 20 und 30 Minuten mussten die Probanden jeden Tag "Schiff Ahoi!" spielen – und wurden nach Abschluss des Trainings im MRT untersucht. Und tatsächlich: Bei den Computer- Spielern wuchs das Gehirn im präfrontalen Kortex exakt an der beabsichtigten Stelle. Zum ersten Mal überhaupt konnte das in einer Studie nachgewiesen werden. Aber nicht nur das: Im Vergleich zu den Test-Gruppen, die gar nicht oder nur mit herkömmlichen Trainingsprogrammen geübt hatten, waren die "Schiff Ahoi!"-Spieler deutlich schneller und besser.   

Computerspiele – die Therapie der Zukunft?

Die Idee mit Computerspielen im Alter auftretende Abbauprozesse auszugleichen, ist auf jeden Fall realistischer denn je. Etwa für Schlaganfall-Patienten oder Menschen mit beginnender Demenz. Das Daddeln für die Wissenschaft hat sich also gelohnt. 

Fakten und Zahlen:

  • Rund drei Milliarden Stunden verbringt die Menschheit mit Computerspielen – pro Woche.  
  • 50 Prozent der Deutschen spielen regelmäßig, dass heißt mindestens einmal pro Woche Computer.
  • Videospiele sind die meistverkauften Kulturprodukte der Welt, weit vor Büchern und Musik.

Kontakt:
Simone Kühn
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Lentzeallee 94
14195 Berlin

Prof. Susanne Brandhorst
HTW Berlin
GAME CHANGER Institute
Ostendstraße 1
12459 Berlin

Autor: Niels Nagel (NDR)

Stand: 21.12.2015 17:03 Uhr