SENDETERMIN Sa, 19.12.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Spieltrieb – Warum spielen wir?

Spieltrieb Warum spielen wir? | Video verfügbar bis 17.12.2020

Kraken tun es, Vögel, Fische, Hunde auch. Aber keiner spielt so intensiv wie der Mensch. Spielen ist ein Verhalten, das auf den ersten Blick ineffizient und sinnlos erscheint. Trotzdem tun alle es – gesteuert von ihrem Spieltrieb.

Was ist Spielen?

Ein Baby kaut auf einem Ball.
Spielen geschieht immer freiwillig.

Was ist Spielen? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, denn ein und dasselbe Verhalten kann sowohl Spiel als auch Arbeit oder Zwang sein. So kann ein Kartenspiel dem Vergnügen dienen oder Ausdruck einer Sucht sein. Oder ein Fußballspieler in der Profiliga: Dreht sich sein Leben ums Spielen oder ist es auch nur eine besondere Form der Arbeit, wenn er Tag für Tag auf dem Platz steht?

Eine Frage, die der emeritierte Professor für Entwicklungspsychologie Rolf Oerter klar mit Nein beantwortet. Spiel ist Spiel, so sagt er, wenn es um seiner selbst Willen betrieben wird. Es ist ein Verhalten ohne Zweck, aber nicht ohne Sinn. Spielen ist nicht fürs unmittelbare Überleben notwendig, es geschieht immer freiwillig und außerhalb des Alltags: Im Spiel ist alles erlaubt. Wer spielt, vergisst die Zeit und ist ganz bei der Sache, versunken im Hier und Jetzt.

Tierkinder und Menschenkinder

Junge baut mit Duplo.
Kinder spielen immer genau das, was sie für ihre Entwicklung brauchen.

Besonders gut ist das an spielenden Menschen- und Tierkindern zu beobachten. Junge Fohlen messen sich im Wettrennen, Kea-Papageien zernagen mit Hingabe die Gummidichtungen von Autotüren und von Primaten sind sogar einfache Verkleidungsspiele bekannt. An vielen Spielen aus dem Tierreich haben auch kleine Menschen Spaß. Spielen dient auch dazu, Gehirn und Körper weiter zu entwickeln. Deshalb spielen Kinder immer genau das, was sie für ihre Entwicklung brauchen:

  • Babys entdecken im Funktionsspiel sich selbst und ihre Fähigkeiten: Greifen, schmecken, hören – alles ist neu.
  • Im zweiten Lebensjahr setzen sich Kinder erstmals Ziele: Im Konstruktionsspiel erschaffen sie eigene Objekte, zum Beispiel einen Turm aus Bauklötzen.
  • Mit zwei Jahren ist die Vorstellungskraft so weit entwickelt, dass Symbole hinzukommen: Eben war der Bauklotz nur ein Klotz, schon wird er im "Als-ob-Spiel" zum Telefon, Spielauto oder zur Banane für den Teddy.
  • Mit drei bis vier Jahren spielen Kinder nicht mehr hauptsächlich allein, sondern immer öfter auch mit anderen: Rollenspielemachen ihnen nun besonders Spaß.
  • Sobald sie in die Schule kommen, werden Spielregeln immer wichtiger und Gesellschaftspiele interessant. Für einen Erstklässler sind die Regeln Gesetz und müssen unbedingt eingehalten werden – wer schummelt, ist raus.

Auf diesen Grundformen des Spiels basieren alle weiteren Spiele im späteren Leben. Nebenbei lernen Spielende, nach welchen Regeln das Zusammenleben funktioniert. Mehr als das: Spielen ist für Kinder immer auch Lebensbewältigung, so Entwicklungspsychologie Rolf Oerter. Indem sie nachspielen, was ihnen passiert, kompensieren sie die eigene Ohnmacht. Dabei erschaffen sie immer komplexere Spielwelten, in denen sie selbst die Regeln festlegen.

Vom Sinn des Spielens

Kleine Puppenmütter
Im Spiel entwickeln sich die Fähigkeiten, die später zum Überleben gebraucht werden.

Im Spiel entwickeln sich die Fähigkeiten, die später zum Überleben gebraucht werden. Doch das ist längst nicht alles: Versuche mit kleinen Kätzchen haben gezeigt, dass diese als erwachsene Tiere durchaus jagen konnten, selbst wenn sie es nie spielerisch üben durften. Aber die Tiere mit kindlichem Spieldefizit blieben später Einzelgänger. Spielpsychologen gehen davon aus, dass Nicht-Spielen beim Menschen ähnliche Folgen hat: Sie werden zu sozialen Außenseitern.

Amerikanisches Gefängnis
Ein Spieldefizit ist ein möglicher Auslöser für Aggressionen.

Wie der amerikanische Amokläufer Charles J. Whitman: Im August 1966 verschanzte er sich auf dem Dach eines Gebäudes der Universität von Texas und tötete 19 Menschen. Mit diesem Fall befasste sich der amerikanische Spielpsychologe Stuart Brown. Er fand heraus, dass Whitman von seinem strengen Vater misshandelt und am Spielen gehindert wurde. Seine These, die er später durch Studien mit 8.000 Strafgefangenen bestätigt sah: Ein Spieldefizit ist ein möglicher Auslöser für Aggressionen. Denn wer nicht spielt, lernt nicht mit den eigenen Gefühlen - und eben auch aggressiven Impulsen - umzugehen. Er lernt weder die eigenen Grenzen kennen, noch die der anderen: Was fehlt ist die emotionale Intelligenz. Und: Wer seine Kräfte und seine Fähigkeiten spielerisch mit anderen erprobt, gewinnt dadurch die nötige Flexibilität, um sich später in den verschiedensten Situationen zurechtzufinden, so Entwicklungspsychologe Oerter.

Erwachsene Spiele

Erwachsene auf Indoorspielplatz
Spielen bedeutet geistige Beweglichkeit, Ausgleich zum Alltag oder Entspannung.

Spielen, sich messen, erforschen: Kinder sind noch Meister darin. Im Gegensatz dazu spielen Erwachsene viel seltener, manch einer spielt gar nicht mehr. Dabei könnten sie viel mehr als nur eine Partie gewinnen: geistige Beweglichkeit, Ausgleich zum Alltag oder Entspannung zum Beispiel. Es lohnt sich, das Spielen wieder zu lernen. Das heißt nicht, dass jeder seine knappe Freizeit mit Kartenspielen verbringen muss. Je nach Temperament lässt das Spielen sich auf vielfältige Weise in das eigene Leben integrieren. Ob Tagtraum, Nähprojekt, Wettrennen oder Briefmarkensammeln: Spielen ist nicht kindisch, sondern kreativ - oder um es mit den Worten Friedrich Schillers zu sagen: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

Autorin: Annette Schmaltz (NDR)

Stand: 19.12.2015 14:30 Uhr