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Vertikale Gärten: Mehr Grün in den Städten

Vertikale Gärten: Mehr Grün in den Städten | Video verfügbar bis 30.09.2022

Innerstädtische Parks und Gärten dienen nicht nur der Erholung und dem Wohlbefinden ihrer Bewohner, sie verbessern auch die Luft und das Mikroklima. Doch "Grüne Lungen" brauchen Platz und der ist rar und teuer in den Großstädten dieser Welt. Noch weitgehend ungenutzt sind nur die Flächen in der Vertikalen. Stadtplaner, Architekten und Wissenschaftler wollen das ändern indem sie verstärkt Fassaden bepflanzen.

Kaum noch hitzefrei in der Stadt

Der Champs Elysees in Paris
Paris – im Sommer eine wahre Hitze-Insel.

Flirrende Hitze staut sich in engen Häuserschluchten, Schattenplätze sind Mangelware, selbst der schwache Lufthauch am Ufer der Seine bringt keine Erfrischung: Paris im Hochsommer. Während Tausende Touristen zwischen Eifelturm und Montmatre schwitzen, meiden die meisten Franzosen ihre Hauptstadt. Wer kann, verlässt Paris in den Sommermonaten, sucht lieber Abkühlung und frische Luft, irgendwo auf dem Land oder noch besser am Meer.

Diese temporäre Stadtflucht hat eine lange Tradition – nicht nur in Paris – und gute Gründe: In den meisten Metropolen dieser Welt wird es in den Sommermonaten unangenehm heiß und stickig. Die "Steinwüsten" speichern tagsüber die Sonnenwärme und strahlen sie abends wieder ab. In den so entstehenden städtischen "Hitzeinseln" ist es abends teilweise um 10 Grad heißer als im Umland.

Dschungel an und auf Gebäuden

Fassadenbegrünung
Eine Stadt wie ein Urwald.

Auch in Singapur herrschen tropische Temperaturen, nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr hindurch. Kein Wunder, dass ausgerechnet dieser kleine asiatische Stadtstaat Vorreiter einer grünen Revolution ist: In Singapur verwandeln Stadtplaner und Architekten schon seit Jahren graue Betonwüsten in blühende Gärten. Großblättrige Gewächse sprießen aus den Nischen der Glas- und Beton-Paläste, Balkone tragen kleine Wälder, ganze Hochhausfassaden sind grün überwuchert und auf den Dächern der Millionenstadt ernten ihre Bewohner sogar Gemüse.

Die positiven Effekte von Stadt-Begrünung sind vielfältig: Die Pflanzen produzieren Sauerstoff, filtern Abgase und binden Feinstaubpartikel. Sie befeuchten und kühlen die Luft, bieten Platz für Insekten und Vögel, spenden Schatten und sind auch noch schön anzusehen.

Vertikale Gärten für Deutschland

Grüne Wände in der Stadt
Das Ziel: Grüne Wände in der Stadt.

Ein Vorbild auch für deutsche Großstädte, denn in Berlin, München, Hamburg und Stuttgart wird es zwar nicht so heiß wie in Singapur, doch auch hier ist beim Mikro-Klima viel Luft nach oben. Nur der Platz ist knapp und die Quadratmeterpreise viel zu hoch, um wertvolles Bauland für innerstädtisches Grün zu "verplempern". Da liegt es nahe, die vertikalen Flächen zu nutzen, die bisher ziemlich brach "hängen". Das Problem: Bäume, Büsche, Blumen und Gräser wachsen normalerweise in der Horizontalen. Abgesehen von ein paar Gebirgspflanzen und Moosen kommen die meisten heimischen Gewächse mit "steilen Hängen" nicht so gut zurecht. Hochhauswände sind eben nicht ihre natürliche Heimat. Zudem ist die kontinuierliche Versorgung mit ausreichend Wasser in der Vegetationsperiode eine logistische Herausforderung. In Deutschland forschen daher viele Wissenschaftler und Praktiker an geeigneten Systemen für Wandbegrünung.

Grüne Wand auf dem Prüfstand

Pflanzen in einer Steinmauer
Pflanzen wachsen für die Wissenschaft.

Am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) hat Dr. Holger Wack, gemeinsam mit Projekt-Partnern eine Test-Wand konzipiert: gebaut aus rinnenförmigen Kalksandsteinen, bestückt mit allerlei heimischen Pflanzen und ausgerüstet mit einem Netzwerk von Sensoren. Die registrieren und speichern die Klimadaten nicht nur innerhalb der Wand, sondern auch in deren näherer Umgebung. Mithilfe dieser Daten kann Holger Wack zum Beispiel den Kühleffekt des vertikalen Grüns messen. Besonders an heißen Tagen ist der Unterschied zwischen den Temperaturen in der Wand und den peripheren Messpunkten deutlich. Zwischen den Pflanzen ist es bis zu vier Grad kühler als in der Umgebung.

Wie kommt das Wasser zu den Pflanzen?

Der Kühleffekt der grünen Wand entsteht, wenn die Pflanzen Wasser verdunsten. Doch das Gießen an vertikalen Flächen wie hohen Fassaden gestaltet sich in der Praxis oft schwierig gestaltet. Die Projektpartner das Bewässerungssystem deshalb in die Bausteine ihrer "Grünen Wand" integriert. Es sind die Steine selbst, die für einen ausgewogenen Wasserhaushalt sorgen.

Ein System aus Schläuchen bewässert nicht direkt das Substrat in dem die Pflanzen wachsen, es hält die steinernen Rinnen feucht, in denen sie leben. Der verbaute Kalksandstein nimmt das Wasser auf und speichert es. Trocknet das Substrat in den Rinnen aus, entsteht eine Art Sog, der das Wasser aus den Steinen in das Substrat und von dort aus in die Pflanzen bringt.

Pflanzen als Luft-Erfrischer

Fassadenbegrünung
In den winzig kleinen Härchen auf Blättern und Stängeln vieler Pflanzen verfangen sich zu Beispiel Feinstaubpartikel.

Auch im Kampf gegen Abgase und Feinstaub können begrünte Wände eine wirksame Waffe sein. Bäume, Blumen, Gräser und Sträucher nehmen zum Beispiel gesundheitsschädlichen Stickoxide und Kohlenmonoxid aus der Luft auf und geben Sauerstoff in die Umgebung ab. In den winzig kleinen Härchen auf Blättern und Stängeln vieler Pflanzen verfangen sich zudem Feinstaubpartikel, die der nächste Regen dann wieder abwäscht. Einige Partikel, zum Beispiel bestimmte Salze, können die Pflanzen sogar aufnehmen und verstoffwechseln.

Platzsparend: Vertikale Biotope

Die Steine für das Begrünungssystem von Holger Wack und seinen Partnern liefert eine Fabrik in Castrop-Rauxel. Auch auf deren Firmengelände steht eine der Pilot-Wände. Wie eine grüne Insel ragt sie aus der Industriewüste heraus. Zur Freude der Mitarbeiter wachsen in den Rinnen dieser Wand neben Gräsern und Blumen auch diverse Kräuter und sogar Tomaten und Paprika. Hier zeigt sich eine weitere positive Eigenschaft des vertikalen Gartens: kaum waren die ersten Pflanzen gesetzt, ließen sich Bienen und Schmetterlinge auf den Blüten nieder, kleinere Insekten und Spinnen siedelten sich an und schon nach kurzer Zeit kamen sogar Vögel, um an der Wand nach Nahrung zu suchen. Ein komplettes Biotop mit minimalem Flächenverbauch.

Horizontal, vertikal - völlig egal

Sämtliche Umwelt- und Klimaprobleme der Metropolen dieser Welt können begrünte Fassaden sicher nicht lösen, aber sie können dazu beitragen, unsere Städte deutlich lebenswerter zu machen. Ein paar Grad weniger hier und da, ein bisschen frischere Luft, neuer Lebensraum für Insekten und Vögel und ein Fest für die Sinne – je grüner die Stadt, desto wohler fühlt sich ihre Bewohner. Und letztlich ist es egal, ob die Pflanzen am Boden wachsen, oder an Wänden.

Autor: Julia Schwenn (NDR)

Stand: 30.09.2017 13:46 Uhr

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Sa, 30.09.17 | 16:00 Uhr
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