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Super-Unkraut: Der Albtraum des Ackerbauern

Super-Unkraut: Der Albtraum des Ackerbauern

Super-Unkraut: Der Albtraum des Ackerbauern | Video verfügbar bis 07.10.2022 | Bild: NDR

Multiresistente Unkräuter breiten sich immer weiter auf landwirtschaftlichen Flächen aus. Mit Herbiziden sind manche von ihnen nicht mehr wirksam zu stoppen. Ein Beispiel: der Ackerfuchsschwanz, eine anspruchslose einheimische Gras-Art. Diese überwuchert zunehmend die Getreidefelder von Landwirt Frank Studt. Das Unkraut raubt den Kulturpflanzen Licht und Nährstoffe, es droht ein Ernteausfall von bis zu 50 Prozent. Studt hat es kommen sehen, seit Jahren stellt er der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ein paar Versuchsparzellen auf seinen Feldern zur Verfügung. Hier testen Wissenschaftler, welche Herbizide als Pflanzengifte überhaupt noch gegen den Ackerfuchsschwanz wirken. Es wurden immer weniger, und nun ist das unscheinbare Gras zum Superweed also Superunkraut mutiert. Das Totalherbizid Glyphosat tötet normalerweise alles, was grün ist. Doch der Ackerfuchsschwanz ist in einigen Landstrichen Norddeutschlands sogar gegen dieses Ultragift resistent geworden.

Wie aus einem Gras ein Super-Unkraut wird

Ackerfuchsschwanz in einer Blase auf einem Feld (Grafik)
Das selbst "gezüchtete" Problem. | Bild: NDR

Pflanzen sind anpassungsfähig – gerade solche wie der Ackerfuchsschwanz. Er gehört zu den Gräsern und produziert an jedem einzelnen Halm Hunderte Samen pro Jahr. Früher oder später ist einer dabei, aus dem ein Ackerfuchschwanz wächst, der durch eine zufällige Mutation resistent gegen ein bestimmtes Herbizid wurde. Besprüht der Landwirt das Feld mit diesem Wirkstoff, sterben alle nicht resistenten Unkräuter ab. Die resistente Pflanze aber kann sich nun erst recht ungehindert wachsen, Samen produzieren und sich so verbreiten. Denn die Resistenz gibt sie an die Nachkommen weiter. Und dieser Vorgang kann sich im Laufe der Jahre mit anderen Wirkstoffen wiederholen, es entstehen Multiresistenzen. Das ist nicht nur in Deutschland passiert und nicht nur beim Ackerfuchsschwanz. Auf der ganzen Welt breiten sich multiresistente "Superweeds" aus.

Es geht auch ohne Herbizide

Unkraut in einem Weizenfeld
Bio-Bauern arbeiten ohne Herbizide. | Bild: NDR

Dabei ginge es auch ohne Herbizide – wie Bio-Bauern schon lange beweisen. Zum Beispiel Reiner Bohnhorst: Auch er baut Getreide an, auch er hat Unkraut auf seinen Feldern, auch er muss dagegen etwas tun. Allerdings nicht mit der Giftspritze, sondern mit den sogenannten integrativen Maßnahmen – landwirtschaftlichen Praktiken, die sich seit Urzeiten entwickelt und bewährt haben. Die wichtigsten Bausteine für gesunde Bestände sind nach diesen Regeln: "Ackerhygiene" durch mechanische Bodenbearbeitung, die Auswahl robuster Sorten und späte Saattermine. Zudem ist die Einhaltung bestimmter Fruchtfolgen wichtig. Kurz gesagt: mehr Abwechslung auf dem Feld und nicht jedes Jahr das Gleiche anbauen.

Moderne Landwirtschaft nach alten Regeln

Trecker auf einem Feld
Auch für den Ökolandbau gibt es moderne Technik. | Bild: NDR

Lange Zeit haben die konventionell wirtschaftenden Landwirte die Bio-Bauern eher belächelt, auf keinen Fall aber beneidet. Während sie mal eben mit der Spritze über die Felder düsten, mussten die Ökolandbauern aufwändig und wiederholt Unkraut jäten. Doch heute gibt es dafür längst hochmoderne Technik. Zum Beispiel kameragesteuerte Hackmaschinen die, ausgestattet mit GPS und Spurhalteassistent, das Unkraut ganz gezielt aus dem Boden reißen.

Die Wahl robuster Sorten ist für den Bio-Bauern ebenso wichtig, wie die Fruchtfolge – zum Beispiel bei Kartoffeln. Reiner Bohnhorst baut die Sorte "Rote Laura" an. Die hält einiges aus und ist bei den Kunden sehr beliebt. Trotzdem darf sie nur alle vier Jahre auf das gleiche Feld. Würde Bohnhorst sie jedes Jahr auf dem gleichen Acker anpflanzen, würden schnell Schädlingsbefall und Krankheit zunehmen. Also bestellt Bohnhorst seine Felder Jahr für Jahr mit unterschiedlichen Pflanzen. Das sorgt auch dafür, dass der Boden nicht auslaugt.

Keine Hilfe von der Chemie-Industrie in Sicht

Unkräuter auf einer Erdkugel verteilt
Weltweit breiten multiresistente Unkräuter sich aus. | Bild: NDR

Für konventionelle Landwirte war es weniger kompliziert: Jahrzehnte lang konnten sie immer das anbauen, was der Markt gerade verlangte. Die Einhaltung einer Fruchtfolge auf den Feldern, die Wahl robuster Sorten, Bodenbearbeitung mit Pflug, Striegel und Hacke – Praktiken die sich im Ackerbau seit Jahrhunderten bewährt haben, ließen die konventionellen Landwirtschaft links liegen. Möglich machte das die chemische Industrie. In regelmäßigen Abständen brachte die neue Herbizide, Pestizide und Fungizide auf den Markt – und mit deren Unterstützung wuchs das Hochleistungsgetreide immer prächtig. Jetzt warten die Landwirte schon seit Jahren auf neue wirksame Herbizide, zum Beispiel gegen den Ackerfuchsschwanz. Doch damit ist in nächster Zeit nicht zu rechnen.

Für Bauer Studt heißt es also: umdenken. Da sich der Ackerfuchsschwanz besonders im Getreide ausgezeichnet entwickelt, denkt Studt jetzt darüber nach, etwas anderes anzubauen, Ackerbohnen zum Beispiel. Die sind zwar nicht so lukrativ wie Weizen, aber sie lassen sich vom Ackerfuchsschwanz nicht so leicht unterkriegen.

Resistenzen – ein globales Problem

Das Resistenz-Problem betrifft nicht nur Bauer Studt und den Ackerfuchsschwanz. Überall auf der Welt, wo Herbizide, Pestizide und Fungizide massiv eingesetzt werden, entwickeln die bekämpften Organismen Resistenzen. Das reicht von Gräsern wie Ackerfuchsschwanz und Windhalm bis hin zu Insekten wie dem Rapsglanzkäfer. Solche resistenten Organismen können Äcker über Jahre unbrauchbar machen. Die Hochleistungs-Landwirtschaft steht damit vor einem Problem, dass die Chemie-Industrie zwar mit verursacht hat, aber in vielen Fällen nicht länger lösen kann.

Autor: Julia Schwenn (NDR)

Stand: 05.10.2017 21:51 Uhr