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Ausbruch des Tambora - ein Vulkan stiehlt den Sommer

Ausbruch des Tambora - ein Vulkan stiehlt den Sommer

Anfang April 1815 bricht der Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa aus. Heißer Ascheregen rieselt tagelang vom dunklen Himmel herab. Die Einwohner haben keine Chance: 117.000 Menschen sterben an den direkten Folgen – so viele wie nie zuvor durch einen Vulkan. Doch das ist nur der Anfang: Die wahre Katastrophe folgt nach dem Ausbruch: Die Eruption löst einen globalen Klimawandel aus. Erst 200 Jahre später gelingt es Geowissenschaftlern, Klimaforschern und Genetikern die wahre Dimension und die tragischen Details dieser Naturkatastrophe zu rekonstruieren. Es zeigt sich, dass der Tambora wie kein anderer Vulkan den Lauf unserer Geschichte verändert hat.

Suche nach Überresten im "Pompeji des Ostens"

Geologe Ralf Gertisser
Geologe Ralf Gertisser beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Tambora-Eruption.

In Indonesien will der Geologe Ralf Gertisser von der britischen Keele Universität die letzten Geheimnisse der gewaltigen Eruption lüften. An einer Ausgrabungsstätte entdeckt er mit einem Archäologen-Team die Überreste eines wahrscheinlich untergangenen Volkes. Bis heute konnten erst fünf Skelette geborgen werden. Forscher sprechen bereits vom "Pompeji des Ostens", weil hier ähnlich wie der bei der antiken römischen Stadt, eine ganze Siedlung von einer heißen Aschenlawine überrascht wurde. Damit der Wissenschaftler genau rekonstruieren kann, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte, muss er den Ablauf und das Ausmaß des Ausbruchs bestimmen. Dafür begibt er sich in die Caldera des schlafenden Riesen. Ein Ort, an dem so gut wie niemand je zuvor seinen Fuß hineingesetzt hat. Anhand seiner Untersuchungen kann Gertisser den Ausbruch genau nachvollziehen, bis auf den Tag genau.

1815: Tambora entlädt sich mit gigantischen Explosion

Vulkanausbruch
Beim Ausbruch des Tambora gelangten über 60 Millionen Tonnen Schwefeldioxid in die Stratosphäre.

Bereits Tage vor der eigentlichen Eruption, gibt der Vulkan ein erstes Lebenszeichen von sich. Am 5. April 1815 kommt es durch kleinere Erdstöße zu einer ersten kleinen Entladung. Mehrere Tage grollt der Vulkan und spuckt kleinere Mengen Gestein und Asche aus dem Schlot. Erst am 10. April 1815 entlädt sich der Tambora mit einer gigantischen Explosion, bei der bis zu 50 Kubikkilometer Asche und Gestein aus dem Vulkanschlot geschleudert werden. 500 Grad heiße pyroklastische Ströme rasen die Abhänge hinunter und die Eruptionssäule steigt auf über 40 Kilometer in die Höhe. Als Folge breitet sich ein riesiger Aerosol-Schleier (Tröpfchen aus Schwefelsäure und Wasser) in der Stratosphäre aus, der weltweit für nie dagewesene Klimaturbulenzen sorgt. So geht das Jahr 1816 in die Geschichte ein, als das Jahr ohne Sommer.

1816: Jahr ohne Sommer

Familie an einem Grab
In Süddeutschland fallen besonders viele Menschen der Hungersnot zum Opfer.

Besonders für die Landwirtschaft sind die Auswirkungen katastrophal: Als Regen und Kälte auf der Nordhalbkugel dramatische Missernten verursachen, grassiert eine Hungersnot in weiten Teilen Europas. Hunderttausende verhungern oder fallen entkräftet Krankheiten zum Opfer. Tausende Menschen emigrieren, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. In Ulm reisen über 8.000 Menschen auf einfachen Holzruderbooten, den sogenannten Ulmer Schachteln, auf Einladung des russischen Zaren nach Russland und haben Glück. Das Donaudelta ist einer der wenigen Orte, die von den Wetterkapriolen nicht betroffen ist. Andere machen sich auf den Weg in die USA. Doch auf die meisten wartet nur die nächste Katastrophe. Die Ostküste ist von dem Wetterchaos besonders schwer getroffen. Mitten im Sommer fängt es an zu schneien. Auch von dort fliehen die Menschen in den Westen. Es sind die ersten großen Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts, die die Expansion der Vereinigten Staaten gen Westen beschleunigen.

Weltweite Hungersnot und politische Folgen

Ein Biöd stellt das Peterloo-Massaker nach
Das Peterloo-Massaker im Jahr 1819 ist trauriger Höhepunkt der jahrelang andauernden Hungersnot.

Die anhaltende Hungersnot führt besonders in Europa zu Plünderungen und Aufständen. In Frankreich geht das "einfache" Bauernvolk auf der Suche nach etwas Essbarem gegen Händler und Kaufleute vor, um deren Nahrungsmittelvorräte zu stehlen. In England wurde das Thema der Ernteausfälle auch politisch immer brisanter, je länger die Hungersnot andauerte. In London führt die "corn bill", ein umstrittenes Gesetz, das Getreide stark besteuert, zu massiven Ausschreitungen in London und anderen Großstädten. Höhepunkt war das Peterloo-Massaker in Manchester, bei dem Dutzende Menschen ihr Leben verlieren. Es ist eines der berüchtigtsten Beispiele für staatliche Gewalt gegenüber der britischen Bevölkerung.

Erste weltweite Cholera-Pandemie

Doch auch Jahrzehnte später sind die Auswirkungen des Ausbruchs noch spürbar. In historischen Archiven in London spürt Umwelthistoriker Gillen D'Arcy Wood einen wichtigen, bisher kaum beachteten, Chronisten dieser Jahre auf. Der britische Arzt James Jameson berichtet detailliert über ungewöhnliche Wetterturbulenzen in Indien und über eine Krankheit, die sich rasant ausbreitet. Der ausbleibende Monsun bereitet nämlich einem gefährlichen Bakterium den Boden. Es ist der Beginn der ersten weltweiten Cholera-Pandemie, die Millionen Opfer fordert.

Der Ausbruch des Tambora vor 200 Jahren war fast in Vergessenheit geraten. Doch um in Zukunft auf Vulkanausbrüche dieser Größenordnung vorbereitet zu sein, ist es wichtig die Vergangenheit des Vulkans genau zu verstehen. Erst jetzt wird der Wissenschaft klar, welche Folgen eine solch große Eruption für die Gesellschaft haben kann.

Autoren: Elmar Bartlmae, Florian Breier (SWR)

Stand: 23.02.2017 22:43 Uhr

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Sa, 25.02.17 | 16:00 Uhr
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