SENDETERMIN Sa, 28.02.15 | 16:00 Uhr

Die Pille für den Elefanten

Die Pille für den Elefanten | Video verfügbar bis 27.02.2020 | Bild: WDR
Elefanten
Rund 20.000 Elefanten leben in Südafrika. | Bild: WDR

Ein Großteil der afrikanischen Elefanten ist durch Wilderei und den Verlust ihres Lebensraumes gefährdet. Anders in Südafrika: In dem Land an der Südspitze des Kontinents finden Elefanten noch ideale Lebensbedingungen vor und vermehren sich rege. Die Elfenbein-Wilderei greift dort noch nicht um sich. Das klingt positiv, bringt jedoch eine ganz andere Herausforderung mit sich.

Mit rund 20.000 Elefanten gibt es in Südafrika zu viele Tiere auf zu wenig Raum. Die staatlichen Nationalparks und privaten Wildreservate des Landes sind durch Wildzäune begrenzt und können sich nicht endlos vergrößern, denn der Mensch fordert seinen Platz für Siedlungen und Ackerland. Die Wildzäune verhindern zwar, dass Wilderer leicht eindringen können und umgekehrt, dass die Tiere durch die Siedlungen trampeln, aber sie nehmen den Elefanten auch die Möglichkeit, frei umherzuziehen. Der begrenzte Raum und die guten Lebensbedingungen verstärken den Zuwachs, wie die südafrikanische Ökologin Audrey Delsink erklärt: "In eingezäunten Reservaten, in denen ausreichend Wasser und Nahrung vorhanden ist, beobachten wir eine explosionsartige Wachstumsrate. Eine Elefanten-Herde kann sich innerhalb von 10 bis 15 Jahren verdoppeln."

Elefanten "schälen" Bäume

Schäden
Die Elefanten verletzen die Bäume. | Bild: WDR

Die Folge dieses explosionsartigen Wachstums zeigt sich bereits in vielen Wildreservaten Südafrikas: Die Elefanten schälen mit ihren Stoßzähnen die Rinde der Bäume ab, um sie zu fressen. Durch das Abschälen unterbrechen sie die Nährstoffzufuhr innerhalb des Stammes und der Baum stirbt ab. Ein ausgewachsener Elefant frisst bis zu zwei Kilogramm Pflanzenmasse pro Tag, Bäume dienen jedoch als Lebensraum für Raubvögel und andere Tiere. Eine Elefantenherde kann so die Artenvielfalt eines Reservates beträchtlich reduzieren.

Umsiedeln oder Abschießen?

Zu den Methoden, diesem Problem zu begegnen, zählen die Umsiedelung von Herden und das gezielte Abschießen. Umsiedeln ist aufwendig, teuer und löst nicht das Problem, dass generell zu wenig Fläche vorhanden ist. Bei einem Abschuss, der von der Naturbehörde nur als letzte Maßnahme genehmigt wird, muss theoretisch eine gesamte Familie eliminiert werden, um eine Traumatisierung einzelner Elefanten zu vermeiden. Ein sehr drastischer Schritt.

Sanfte Alternative - Verhütung für Elefanten

Ökologin Audrey Delsink und ihr Team.
Die Ökologin Audrey Delsink will Südafrikas Elefanten "sanft" reduzieren. | Bild: WDR

Die Ökologin Audrey Delsink forscht deshalb seit Ende der 1990er-Jahre an einer "sanften Methode", um Südafrikas Elefanten zu managen. Ihre Lösung: Ein Verhütungsmittel für Elefanten-Kühe. Eine Methode, die seit den 1980er-Jahren in den USA bei Wildpferden und Rehen eingesetzt wird. Die Verhütung funktioniert nicht nach einem hormonellen Prinzip, sondern dem einer Impfung. Per Betäubungspfeil wird einzelnen Kühen der Impfstoff Porcine Zona Pellucida (PZP) verabreicht. Das PZP wird aus den Eizellen von Schweinen gewonnen und verhindert, dass die Spermien an die Eizelle der Elefanten-Kuh andocken können.

Audreys Langzeitstudie auf einem privaten Wildreservat zeigt, dass das Sozialgefüge innerhalb der Herde durch diese Methode nicht beeinträchtigt wird. Tests mit einem hormonellen Impfstoff wurden in den 1990er-Jahren schnell abgebrochen, die Scheinschwangerschaft der Elefanten-Kühe führte unter anderem zur verstärkten Aggressivität der Bullen.

Finanziert wird Audreys Forschungsprojekt durch die "Humane Society International", einer internationalen Tierschutzorganisation. Offiziell hat das Projekt noch den Status eines Experiments: Der Impfstoff ist nur über die Universität Pretoria erhältlich und wird zum Selbstkostenpreis von circa 20 Euro an die Besitzer weitergegeben. Audrey und ihr Team impfen inzwischen jedoch bereits auf 22 staatlichen und privaten Wildreservaten.

Impfen per Betäubungsgewehr

Impfstoff in einer Flasche
Der Impfstoff PZP verhindert das Andocken der Spermien an die Eizelle. | Bild: WDR

Auf einem Wildreservat bei Johannesburg hat das [W] wie Wissen-Team die seltene Gelegenheit, Audrey Delsink und ihr Team bei einem Einsatz zu begleiten. Vier von insgesamt neun Elefanten-Kühen müssen hier geimpft werden. "Es sollen noch Jungtiere nachkommen, das ist wichtig für das Sozialverhalten. Deswegen impfen wir nie alle Kühe einer Herde", erklärt Audrey Delsink. Zusammen mit ihrem Kollegen JJ Van Altena spürt die Ökologin die Herde mit dem Helikopter auf. JJ Van Altena verabreicht den Impfstoff mit Pfeilen aus einem Betäubungsgewehr. Der Wildlife-Experte erkennt die Weibchen an ihrer geringeren Größe und der spitzen Kopfform. Knapp 30 Minuten dauert die ganze Aktion, dann sind die vier Elefantenkühe geimpft.

Hubschrauber
Der Impfstoff wird mit Pfeilen aus einem Betäubungsgewehr verabreicht. | Bild: WDR

Die empfängnisverhütende Wirkung hält zwölf Monate an. Neben dem geringen Stress hat die Methode noch einen weiteren Vorteil: Sollte die Elefanten-Wilderei doch Südafrikas Reservate erreichen, kann man die Impfung aussetzen. Nach circa 18 Monaten kann eine Kuh wieder schwanger werden. Es bleibt aber zu hoffen, dass Südafrikas Elefanten weiterhin von der Wilderei verschont bleiben.

Autorin: Julia Jaki (WDR)

Stand: 28.02.2015 14:28 Uhr