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Tornados in Deutschland: Nicht häufiger, aber stärker

Im Auge des Wirbelsturms | Bild: BR

Tornados sind Unwetterphänomene, die man hauptsächlich aus Amerika kennt. Immer wieder reißen die Wirbelstürme dort ganze Ortschaften nieder, und kosten vielen Menschen das Leben. Doch auch in Deutschland gibt es Tornados. Dank der allgegenwärtigen Smartphones werden solche Ereignisse heute gut dokumentiert, und finden schnell den Weg in die Medien und ins Internet. Manch einer fragt sich angesichts der immer häufigeren Berichterstattung deshalb, ob wir es heute angesichts des Klimawandels mit einem in unseren Breiten neuen Phänomen zu tun haben. Doch ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Tornados hat es auch in Deutschland immer schon gegeben.

 Der "Jahrtausendtornado" von Woldegk

Bücher in einem Regal.
Einer der frühesten wissenschaftlichen Berichte über einen Tornado in Deutschland beschreibt auch den vermutlich schwersten, den es je in Deutschland gegeben hat: den "Jahrtausendtornado" von Woldegk. | Bild: BR

Im Archiv der Bayerischen Staatsbibliothek in Regensburg lagert ein für Wissenschaftler und Meteorologen ganz besonderer Schatz: Der sogenannte Genzmer-Bericht aus dem Jahr 1764. Damals reiste der frühe Naturwissenschaftler Gottlob Burchard Genzmer nach Mecklenburg, um seltsamen Gerüchten über ein verheerendes Unwetter auf den Grund zu gehen. Zurück kam er mit einer für damalige Zeiten extrem genauen Beschreibung über den vermutlich stärksten Tornado, der jemals in Deutschland beschrieben wurde - der "Jahrtausendtornado von Woldegk". Seine Sogwirkung war so stark, dass er sogar Wurzeln von zuvor gefällten Eichen aus dem Boden saugte.

Tornado – ein regelmäßig wiederkehrendes Phänomen

Verwüstung am Straßenrand
Der Tornado von Pforzheim beschädigte 4000 Häuser und tötete zwei Menschen. | Bild: BR

Aber auch in jüngerer Zeit hat es in Deutschland schwere Verwüstungen durch Tornados gegeben. 1968 zog beispielsweise ein ebenfalls außergewöhnlich starker Tornado über eine Strecke von 130 Kilometern durch Frankreich und Deutschland und verwüstete die Stadt Pforzheim. Über 4.000 Häuser wurden allein in Deutschland schwer beschädigt oder zerstört, zwei Menschen starben, Hunderte werden zum Teil schwer verletzt. Solche extremen Stürme sind hierzulande immer noch selten. Trotzdem richten in Deutschland jedes Jahr rund 30 bis 60 Tornados Schäden an.

Warnung durch Wetterapps

Eingang des Deutschen Wetterdienstes
Anders als in Amerika werden in Deutschland Anwohner in Regionen, die von schweren Unwettern bedroht sind, nicht automatisch per SMS gewarnt. Wetterapps können diese Lücke schließen. | Bild: BR

Doch wie kann man sich vor solchen Stürmen schützen? Vor allem eine rechtzeitige Warnung kann helfen, sich noch schnell in Sicherheit zu bringen. In Amerika werden automatisch alle Handynutzer per SMS gewarnt, wenn ein gefährliches Unwetter in einer bestimmten Region naht. In Deutschland gibt es diese Zwangswarnungen nicht. Hier können allerdings Katastrophenwarn- und Wetterapps helfen, Betroffene in gefährdeten Gebieten schnell und zielgerichtet zu erreichen. Die zumeist kostenlosen Apps wie WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes (DWD) funktionieren grundsätzlich gut. Bei Tornados ist eine rechtzeitige Warnung allerdings schwierig – und ein Wettlauf gegen die Zeit.

Düstere Vorzeichen – doch keine sichere Vorhersage

Zwei Männer sitzen vor zwei Bildschirmen.
Die unterschiedlichen Farben am Bildschirm des Dopplerradars zeigen die unterschiedlichen Zugrichtungen von Regenwolken. Dort, wo sich beide Farben mischen, kann ein Tornado entstehen. | Bild: BR

Eine besondere Rolle bei einer Tornadowarnung spielt für Profimeteorologen das sogenannte Dopplerradar, mit dem sich die Regenmenge, aber auch die Zugrichtung von Niederschlägen erfassen lässt. Über ein Netz von 16 solcher Radaranlagen verfügt der DWD. Anhand von unterschiedlichen Farben, die unterschiedliche Zugrichtungen von Regenwolken zeigen, können die Meteorologen auf ihren Monitoren erkennen, wann eine Gewitterwolke zu rotieren beginnt – das erste Anzeichen eines möglichen Tornados. Doch nur etwa zehn Prozent aller rotierenden Gewitterwolken bilden auch tatsächlich einen Tornadorüssel aus, der den Boden berührt. Ob und wann das geschieht, können die Meteorologen mit ihren Hightech-Instrumenten allerdings nicht erkennen.

Ohne Freiwillige geht es nicht

Simon (re.) und Dominik sind Sturmjäger bei der "Sturmjagd Unterfranken"
Freiwillige Wetterbeobachter sind bei Tornadowarnungen unverzichtbar. | Bild: BR

Deshalb ist gerade auch für die Erstellung von Tornadowarnungen die Hilfe von freiwilligen Wetterbeobachtern vor Ort von entscheidender Bedeutung. Die Mitglieder großer oder kleine Vereine von sogenannten Sturmjägern wie etwa der Gruppe "Sturmjagd Unterfranken" verbringen einen großen Teil ihrer Freizeit damit, Blitzen, Hagel, und den Spuren heftiger Stürme zu folgen. Der 9. März 2017 ist ihr bislang spektakulärster Jagderfolg: Ihr Mitglied Simon Page konnte einen Tornado, der Teile der kleinen unterfränkischen Stadt Kürnach verwüstete, von seiner Entstehung an verfolgen, und eine Warnung ins Internet stellen.

Nicht häufiger – aber stärker

Der Tornado von Kürnach war ein eher schwacher Wirbelsturm. Zwar gab es erhebliche Sachschäden, doch ernsthaft verletzt wurde niemand. Doch trotzdem sollte man die Risiken, die von Tornados in Deutschland ausgehen, nicht unterschätzen. Zwar rechnen Meteorologen und Wissenschaftler nicht damit, dass wir es in Zukunft angesichts des Klimawandels mit mehr solcher Stürme zu tun bekommen. Allerdings dürfe ihre Heftigkeit zunehmen, wenn durch ein wärmeres Klima mehr Energie in der Atmosphäre vorhanden ist.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 10.08.2017 19:40 Uhr

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