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Sicherer Flug: Piloten müssen Wolken genau beobachten

Sicherer Flug: Piloten müssen Wolken genau beobachten

Graue Regenwolken? Einfach schnell hindurch fliegen! Denn auf Reiseflughöhe gibt es die nicht. Von oben aus dem Cockpit betrachtet, sieht auch die dickste Gewitterwolke blütenweiß und watteweich aus. Ungefährlich sind die zarten Gebilde aus Wasser und Eis deshalb noch lange nicht. Für einen sicheren, ruhigen  Flug müssen Piloten die Wolken ganz genau im Auge behalten – und auf dem Radar.

Jede Wolke fliegt sich anders

Auch wenn es am Boden regnet – als Piloten haben Kai Oßwald und Michael Decker immer die Chance auf Sonne über den Wolken. Dass sie mit dem Flugzeug gar nicht aus dem Wolkenteppich rauskommen, ist eher selten – in über 10.000 Metern Höhe herrscht meistens strahlender Sonnenschein. Auf dem Weg zur Sonne muss das Flugzeug jedoch oft erstmal mitten durch die Wolken – und das kann ganz schön ruckeln. "Man kann sich das vorstellen, als würde sich beim Autofahren der Straßenbelag verändern. Das spürt man deutlich und ähnlich ist es für uns auch in der Wolke", erklärt Kapitän Kai Oßwald.

Flugkapitän Kai Oßwald
Flugkapitän Kai Oßwald kommt den Wolken ganz nah

Beim Übergang von klarer Luft zur Wolke verändern sich zudem plötzlich Luftdruck und Windgeschwindigkeit. Das führt dazu, dass der Auftrieb an den Tragflächen des Flugzeugs nicht gleichmäßig erzeugt wird, sondern schwankt. So entstehen Schwingungen in den Flügeln, die sich auf den Rumpf übertragen. Gefährlich ist das Ruckeln nicht. Damit die Passagiere auf dem Weg zur Toilette nicht durcheinander purzeln, lassen die Piloten die Anschnallzeichen beim Flug durch die Wolken noch leuchten. Erst wenn sicher ist, dass das Flugzeug eine ruhige Luftschicht erreicht hat, erlöschen sie. Nicht immer kann man einer Wolke ansehen, wie sie sich fliegt. Manchmal hilft nur: ausprobieren.

Gefährliche Gewitterwolken

Radar-Anzeige in einem Flugzeug
Ob Gewitterwolken drohen, erkennt die Piloten auf dem Radar.

Schon vor dem Flug bekommen die Piloten genaue Informationen über das Wetter, das sie auf der Flugroute erwartet. Drohen Gewitterwolken, sogenannte Cumulonimbus, wird die Strecke geändert. Kein Flugzeug sollte da hindurch. "An denen ist alles gefährlich," erklärt Kapitän Kai Oßwald, "Hagel und Blitze in der Gewitterwolke, aber auch die starken Auf- und Abwinde." Sie können ein Flugzeug plötzlich anheben oder runterdrücken – das empfinden Passagiere dann als "Luftloch". "Wenn das weit oben passiert, ist es nicht so schlimm, dann sackt man durch und steigt wieder nach oben. Aber beim Landeanflug am Flughafen ist so ein Downdraft, ein Wind, der einen auf den Boden drückt, sehr gefährlich."

Tückisch sind auch sogenannte "Embedded Cumulonimbus", Gewitterwolken, die sich in anderen, harmlos aussehenden Wolken verstecken. Mit bloßem Auge sind sie für die Piloten nicht sichtbar. "Die können wir nur auf dem Radar erkennen. Da kann man dann auch schauen, bis zu welcher Höhe diese Gewitterwolke reicht. Sie können bis zu zwölf Kilometer hoch werden," sagt Kai Oßwald. Ein Messgerät in der Nase des Flugzeugs sammelt ständig Daten der Umgebung und kann Gewitterwolken schon aus großer Entfernung vorhersagen. Ein drohender Cumulonimbus erscheint als roter Fleck auf dem Radar. Dann heißt es: zur windzugewandten Seite ausweichen. Dort sind am wenigsten Turbulenzen zu erwarten. "Obendrüber zu fliegen wäre auch gefährlich, da die Auf- und Abwinde in der Gewitterwolke nicht mit dem sichtbaren Ende der Wolke aufhören und es somit auch darüber starke Turbulenzen gibt."

Gewitterwolken reichen zwar sehr hoch, sind dafür aber meist schlank und leicht zu umfliegen. Sind Gewitter angekündigt, tanken die Piloten vor Abflug mehr Sprit. "Dann kann man noch abwarten, kreisen und sich die Situation anschauen. Sollte der Sprit abgeflogen sein, muss man zum Ausweichflughafen – landen, tanken und zurück", sagt Kai Oßwald. Sind Turbulenzen zu erwarten, bleiben die Anschnallzeichen an – sicher ist sicher. "Wir hatten grade einen sehr turbulenten Flug von Nizza nach München, bei dem wir nur zehn Minuten den Service durchführen konnten. Die Passagiere mussten auf ihren Kaffee verzichten. Dafür wurde nach der Landung geklatscht! Da sind die Leute dann umso erleichterter", grinst Pilot Michael Decker.

Wolken ganz nah – aber nicht zu nah

Wolken
Aus dem Flugzeug heraus kann man oft viele Wolkentypen gleichzeitig sehen.

Als Piloten sehen Kai Oßwald und Michael Decker alle Wolkentypen aus der Nähe – auch die höchsten, meistens feine fedrige Gespinste. "Das sind Cirruswolken, gefrorene Eiskristalle", erklärt Michael Decker. Auf Reiseflughöhe haben die Piloten auch mal Zeit, zu genießen. "Ich fliege sehr gerne an Gewitterwolken vorbei", erklärt Kai Oßwald "wenn man da ein paar Minuten großräumig drum herum fliegt, kriegt man erst mal mit, wie gewaltig sie sind. Nachts ist es auch toll, wenn es in der Wolke blitzt und man sie immer wieder aufleuchten sieht."

"Ich finde auch den kleinen Bruder der Gewitterwolke sehr schön. Cumulus, die Schäfchenwolke," sagt Michael Decker. Schäfchenwolken entstehen an schönen Tagen, wenn warme Luft aufsteigt. Bei Segelfliegern sind sie sehr beliebt, weil sich unter ihnen starke Aufwinde bilden, die kleine Flugzeuge hochziehen. Für große Passagiermaschinen ist das eher lästig, da die aufsteigende Luft Turbulenzen verursachen kann. "Aber wenn es eher ruhig ist, macht es wirklich Spaß hindurch zu fliegen und auch mal die Geschwindigkeit des eigenen Flugzeugs nachvollziehen zu können. Denn wenn man eine Relation hat, direkt an einer Wolke vorbei fliegt, dann wird einem mal wieder klar, mit welcher Geschwindigkeit man sich eigentlich fortbewegt," schwärmt Michael Decker. Wie schön Wolken sind, beeindruckt die beiden Piloten auch noch nach vielen Jahren am Himmel. Und sie haben beim Wolkenkucken einen großen Vorteil: "Unten machen sie einen nass, hier oben nicht", schmunzelt Kai Oßwald.

Autorin: Christine Seidemann (NDR)

Stand: 10.08.2017 19:40 Uhr