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Kettenreaktion in Yellowstone

Kettenreaktion in Yellowstone | Video verfügbar bis 04.11.2021

In der verschneiten Landschaft des Yellowstone Nationalparks in Wyoming ist der Forscher Arthur Middleton mit dem Helikopter auf Tierfang. Das Fangnetz, das er auf die Hirschherde fallen lässt, dient aber nicht dazu, Jagd-Trophäen zu sammeln, sondern er will einem rätselhaften Phänomen auf den Grund gehen. Seit Jahren verschwinden die prächtigen Hirsche, die hier zum Landschaftsbild gehören – und keiner weiß warum.

Vor 20 Jahren lebten noch rund 19.000 Tiere in den Herden, heute sind es nur noch weniger als 4.000 – ein Rückgang von fast 80 Prozent. Dieses Mysterium will der Forscher lösen und das Verhalten sowie das Bewegungsmuster der Tiere mithilfe von GPS-Halsbändern überwachen.

Wölfe in Verdacht

Einem Hirsch wird eine Blutprobe entnommen
Arthur Middleton entnimmt dem Hirsch eine Blutprobe zur Untersuchung des Gesundheitszustandes.

Middleton und sein Team haben zuerst vor allem die Wölfe in Verdacht. Die Ranger haben die Befürchtung, dass ihre bloße Anwesenheit die Hirschkühe so sehr stresst, dass diese nicht genug fressen und ihre Kälber während der Schwangerschaft verlieren. Allerdings zeigen die Bewegungsmuster und die Feldbeobachtungen, dass die Wölfe die Herde in keiner Weise beeinflussen. Die Hirsche können vielmehr ausgiebig und ungestört fressen. Auch Auswertungen von Blutproben belegen: Die Hirschkühe befinden sich in einem guten körperlichen Zustand. Mehr als 70 Prozent der Kühe sind schwanger und im Frühjahr bringen die Weibchen ihre Kälber gesund zur Welt. Ein guter Schnitt für die Herde und entlastend für die Wölfe.

Sind es die Bären?

Zwar kamen viele Hirsch-Kälber gesund zur Welt, doch Middleton muss einige Monate später bei einer Zählung feststellen, dass die Zahl der Kälber stark zurückgegangen ist. Was ist passiert? Normalerweise sind die Jungtiere sehr gut vor Fressfeinden geschützt. Sie verströmen kaum  einen Geruch und können stundenlang regungslos an den Boden gedrückt verharren. Die einzigen Räuber, die in der Lage wären, trotz dieser Schutzmaßnahmen die Jungtiere aufzuspüren, sind Bären – und davon gibt es reichlich in dem Nationalpark. Im Yellowstone-Areal leben nämlich sowohl Schwarz- als auch Grizzlybären. Von allen Räubern haben sie den besten Geruchssinn und somit die Möglichkeit, die Neugeborenen aufzuspüren. Sind sie am Ende die Schuldigen?

Cutthroat-Forelle fehlt auf dem Speiseplan

Bild der Fallenkamera zeigt eine Bärenfamilie
Die Bärenfamilie hat am Stacheldraht der Falle kostbare Fellproben zurückgelassen.

Um mehr über das Verhalten der Bären zu erfahren stellten Frank von Manen und seine Kollegen vom Interagency Bear Study Team Zäune auf, an denen die Jäger Haare lassen sollten. Mit Erfolg: Eine dreiköpfige Bärenfamilie klettert über die Absperrungen und hinterlässt kostbare Spuren: Haare vom Fell und damit einen genetischen Fingerabdruck. Mit der DNA können die Forscher im Labor Bewegungsmuster und Reviergrößen analysieren. Außerdem der Kot der Bären untersucht. Die Allesfresser ernähren sich von 266 verschiedenen Organismen, darunter Pflanzen, Säugetiere und Insekten. Doch eine lebenswichtige Nahrungsquelle für die Bären ist in den letzten zehn Jahren vom Speiseplan verschwunden: die Cutthroat-Forelle. Die Fischart ist ursprünglich im Yellowstone Lake heimisch, wurde jedoch von einem gefährlichen Räuber ausgerottet, dem Amerikanischen Seesaibling, der von Anglern eingeschleppt wurde.

Eingeschleppter Räuber

Nach dem harten Winter, wenn die Bären zu den Flussläufen zurückkehren und Proteine brauchen, finden sie ihre ursprüngliche Nahrung also nicht mehr vor. Die ausgehungerten Tiere weichen auf eine andere Nahrungsquelle aus, um ihre Ration Eiweiß zu bekommen: Weil die Cutthroat-Forellen fehlen, fressen die Bären die neugeborenen Hirschkälber rund um den Yellowstone Lake.

Schon seit Mitte der 1990er-Jahre fischt das Nationalpark-Management jedes Jahr Zehntausende Seesaiblinge aus den Gewässern, um den eingeschleppten Räuber zu dezimieren. Die Methoden wurden über die Zeit immer ausgeklügelter. Seit 2015 tötet eine Apparatur die heranwachsenden Seesaiblinge mithilfe von Stromstößen. Die Chancen auf die Rückkehr der Cutthroat-Forellen sind gestiegen. Und inzwischen gab es bei der Hirschzählung auch schon einen leichten Anstieg – die Herden wachsen wieder und die Hoffnung ist da, dass die Bestände sich wieder erholen.

Autoren: Claudia Zenkert, Manfred Corrine (WDR)

Stand: 05.11.2016 15:45 Uhr

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