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Bröckelnde Kinderzähne

PlayMIH-Zähne
Bröckelnde Kinderzähne | Video verfügbar bis 24.10.2020 | Bild: SWR

Dank besserer Zahnpflege und Prävention haben Kinder heute seltener Karies. Dafür kämpfen die Zahnärzte heute gegen eine neue rätselhafte Zahnkrankheit, die nur Kinder betrifft: MIH, die "Molaren-Inzisiven Hypomineralisation“. Durch MIH werden die bleibenden Zähne gelb-braun und bröckelig. Ein Horror für die kleinen Patienten und ihre Eltern. Zahnärzte der LMU München sind auf der Suche nach der Ursache dieses Phänomens.

Zähneputzen hilft nichts

Durch MIH zerstörter Zahn
Durch MIH zerstörter Zahn. | Bild: Jan Kühnisch, LMU

MIH wird durch einen Defekt des Zahnschmelzes verursacht. 10 bis 20 Prozent der Grundschulkinder sind betroffen. Die Krankheit schädigt vor allem die neuen, bleibenden Backen- und Frontzähne. Während Karies gesunde Zähne befällt, entsteht MIH, bevor die neuen, bleibenden Zähne durchbrechen. Die Zahnknospen sind bereits im Embryo angelegt. Aus den Mineralien Phosphat und Kalzium bildet der Körper den harten Zahnschmelz. Bei MIH Patienten ist dieser Prozess gestört. Die Zähne kommen nicht hart, sondern mit brüchig-weichen Stellen aus dem Kiefer. Ein Alptraum – zumal bei MIH auch die beste Zahnpflege nichts hilft. Die Zähne schmerzen oft so stark, dass die Kinder das Putzen verweigern – was wiederum Karies begünstigt. Die Schäden reichen von braunen Stellen bis hin zu Zahnruinen, die gezogen werden müssen.

Zerstörter Zahnschmelz

zerstörter Zahnschmelz unter dem Mikroskop
MIH – Kraterlandschaft unter dem Mikroskop. | Bild: BR

Oberarzt Jan Kühnisch erforscht die Krankheit seit Jahren. Er hat mit seinem Team Dutzende von MIH Fällen dokumentiert. Mikroskopbilder zeigen, wie sehr die Krankheit den Zahnschmelz zerstört: Gesunder Schmelz besteht aus winzigen Prismen, unterteilt in so genannte Kristallite. Bei gesunden Zähnen sind diese Kristallite gleichmäßig angeordnet, miteinander verzahnt und am Ende geschlossen. Bei MIH Zähnen dagegen gleicht das Bild einer Kraterlandschaft.

Die Ärzte wissen, wie die Krankheit aussieht und welche Schäden sie verursacht. Aber niemand kennt bislang die Ursache. Jan Kühnisch will dieses Rätsel lösen. Zuallererst wollte er wissen: Ist die Zahnschmelzstörung wirklich ein neues Phänomen oder hat man sie früher schlicht übersehen? Um das herauszufinden, hat seine Forschergruppe Kiefer aus dem Mittelalter untersucht. MIH haben sie nicht gefunden. Die Zahnschmelzstörung ist tatsächlich eine neue Krankheit.

Sind Antibiotika oder Weichmacher Schuld?

Wissenschaftler aus Frankreich vermuten, dass Weichmacher wie Bisphenol A an der Fehlbildung Schuld sind. Freiburger Zahnärzte untersuchen gerade, ob ein Gendefekt die Krankheit auslöst. Jan Kühnisch hat einen anderen Verdacht: Antibiotika. Der Münchner Arzt hat mit seiner Arbeitsgruppe eine Mutter-Kind Studie des Helmholtz Institutes ausgewertet. Und herausgefunden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen MIH und Atemwegserkrankungen, bei denen oft Antibiotika eingesetzt werden. Im Tierversuch wurde dieser Verdacht bestätigt.

Jan Kühnisch vermutet, dass die schmelzbildenden Zellen durch die Antibiotikagabe geschädigt werden und deshalb fehlerhaften Zahnschmelz produzieren.

Antibiotika, Weichmacher oder ein Fehler im Erbgut? Oder mehrere Faktoren zusammen? Jan Kühnisch hofft, dass die Forschung das Rätsel MIH bald lösen kann, damit Kindern diese schmerzhafte Zahnkrankheit in Zukunft erspart bleibt.

Zumal MIH nicht nur Schmerzen, sondern auch Kosten verursacht: Füllungen und Versiegelungen bezahlt die Krankenkasse. Für spätere Kronen oder Inlays müssen die Patienten zuzahlen.

Kontakt
Dr. Jan Kühnisch
LMU München
Poliklinik
Goethestraße 70
80336 München
E-Mail: sekretariat@dent.med.uni-muenchen.de
Tel. (089) 44 00582 33

Autor: Andreas Kegel (BR)

Stand: 23.10.2015 11:40 Uhr