SENDETERMIN Sa, 24.10.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Zahnimplantate auf dem Prüfstand

PlayImplantate
Zahnimplantate auf dem Prüfstand | Video verfügbar bis 24.10.2020

Ein makelloses Lächeln und ein herzhafter Biss – trotz Zahnverlust – das versprechen Zahnimplantate. Immer weniger Patienten sind mit Brücken und Prothesen zufrieden. Sie wollen eigene "echte" Zähne. Eine Million Implantate werden jedes Jahr in Deutschland eingesetzt, die allermeisten aus ästhetischen Gründen. Kosten pro Zahn: mindestens 1.000 Euro. Allerdings ist es alles andere als sicher, dass die teuer bezahlten Implantate auch langfristig halten. Bei 20 bis 40 Prozent der Patienten kommt es zu Komplikationen.

Implantieren: Ein Routineeingriff

Das Einsetzen von Implantaten in den Kiefer ist heute Routine. Ein künstlicher Zahn besteht aus einer Titanwurzel, einem Aufbauelement und schließlich der Krone. Der Arzt präpariert das Zahnfleisch und fräst mit einem dünnen Spezialbohrer ein Loch in den Kieferknochen. Dann schraubt er den Titanstift in den Knochen und näht das Zahnfleisch über dem Implantat wieder zu. Nach einer mehrmonatigen Einheilphase kann der Arzt das Aufbauelement in das Implantat einfügen und darauf die Zahnkrone befestigen.

Wer ein Implantat will, muss Geduld mitbringen: Mindestens ein halbes Jahr dauert die Behandlung vom Vorgespräch bis zur fertigen Implantatkrone.

Albtraum Periimplantitis

Dennoch ist ein beschwerdefreies Verheilen keine Selbstverständlichkeit. Bei etwa jedem dritten Patienten kommt es zu Komplikationen – vor allem zu Entzündungen.

Periimplantitis
Risiko Periimplantitis: Knochenabbau um das Implantat.

Die sind meist harmlos, können bei einer Kontrolluntersuchung mit Antibioitka behandelt werden. Es gibt allerdings auch schwere Kieferentzündungen, bei denen es zum Verlust des Implantates kommen kann. Die sogenannte Periimplantitis ist der Albtraum jedes Patienten – und Implantologen. Dabei entzünden sich Zahnfleisch und Kiefer, der Knochen rund um das Zahnfleisch wird abgebaut. Oft bleibt hier nur Operation, Entfernung des Implantats.

Der Zahnmediziner Prof. Reiner Mengel und seine Kollegen von der Universität Marburg erforschen, wie solch ein Albtraum verhindert werden kann. In einer Langzeitstudie haben sie Implantatpatienten über zwei Jahrzehnte regelmäßig untersucht und Risikofaktoren ermittelt.

Knochenqualität

Grundvoraussetzung für den Erfolg einer Implantation ist ein gesunder Kiefer mit ausreichend fester Knochenqualität. Dafür wird ein dreidimensionales Bild des Kiefers gemacht. Schon hier muss Reiner Mengel so manchen Traum zerschlagen: "Geht nicht!" sagen – oder einen zusätzlichen Knochenaufbau vorschlagen – mit ungewissen Erfolgsaussichten. Seriöse Mediziner raten bei schlechter Substanz ab. Sonst ist der Misserfolg vorprogrammiert.

Vorerkrankungen

Der Erfolg einer Zahnimplantation hängt auch von einem ausführlichen Arzt-Patienten Gespräch ab. Vorerkrankungen wie Diabetes und chronische Zahnfleischentzündungen können zu frühzeitigem Verlust des Implantats führen. Paradontitis etwa senkt die langfristige 20-jährige Erfolgsrate von 50 auf 30 Prozent, so die Ergebnisse der Marburger Studie

Vorsicht bei der Arztwahl

Arztgespräch
Arztgespräch: Aufklärung über Risiken und Alternativen.

Langjährige Erfahrung ist ein wichtiger Faktor bei den Erfolgsaussichten. Reiner Mengel und seine Kollegen haben an der Uniklinik schon manchen Pfusch ausbügeln müssen. Das ist für den Patienten schmerzhaft und teuer – wenn etwa ein Implantat entfernt und nochmals gesetzt werden muss. Reiner Mengel empfiehlt, mehrere Angebote einzuholen und nennt drei wichtige Kriterien bei der Arztwahl:

Kriterien
- Gibt es ein Vorgespräch über die Risiken des Eingriffs?
- Verweist der Arzt auch auf billige Alternativen wie Brücken und Kronen?
- Wie groß ist die chirurgische Erfahrung?

Von Billig-Angeboten im Ausland rät er ab, da dort eine regelmäßige Nachkontrolle kaum möglich ist.

Patient muss mitarbeiten

Der beste Arzt hilft nichts, wenn der Patient nicht intensiv bei der Erhaltung seines Implantates durch regelmäßige Kontrolltermine und tägliche Mundhygiene mitarbeitet. Die Anwendung von Zahnseide oder Interdentalbürsten muss selbstverständlich sein, dann steigen die Chancen, dass die teuren Implantate Jahrzehnte halten.

Kontakt
Prof. Dr. Reiner Mengel
Philipps-Universität Marburg
Georg-Voigt-Straße 3
 35039 Marburg
Tel.  (06421) 586 32 17
E-Mail: prothetik@med.uni-marburg.de

Andreas Kegel (BR)

Stand: 23.10.2015 11:40 Uhr