SENDETERMIN Di, 08.10.13 | 19:45 Uhr

Dr. Smartphone – Medizinische Apps

Anja Reschke
Anja Reschke zeigt, was die neuen Apps können.

Eine Botschaft an alle Hypochonder: Es stehen herrliche Zeiten bevor. Sie sehen hier auf dem Display meine Körperdaten von heute morgen. Man könnte auch sagen: Teil eines neuen Trends: "Quan-tified Self". Oder: "Messe Dich Selbst". Schon seit Langem kann man Werte und Daten der eigenen Befindlichkeit in Heimarbeit messen und sammeln: Von Blutdruck bis Puls und Blutzucker. Neu daran ist, dass man diese Daten nun auch noch veröffentlicht und mit denen anderer Menschen auf der Welt vergleicht. Und wehe, einer der Werte weicht auch nur minimal von der Norm ab, da fühlt man sich sofort richtig krank. Auf der Stelle. In dieses Bild passt auch die explosionsartig ansteigende Zahl an medizinischen Zusatzgeräten und Apps, die Sie mittlerweile für Ihr Smartphone erhalten.

Ob ich noch Auto fahren kann? Die entsprechende App plus Adapter verspricht Auskunft. Aber Vorsicht: Oftmals sind solche Geräte in Deutschland gar nicht zugelassen. Und amtlich verlassen sollte man sich sind auf solche Messungen schon gar nicht. Deswegen: Bei Alkohol Auto stehen!

Doch die Entwicklung geht längst weiter. Stellen Sie sich vor, ein Muttermal auf Ihrem Arm ist Ihnen nicht ganz geheuer. Dann besorgen Sie sich für ein paar Euro die Mel-App. Ein Foto der verdächtigen Stelle, die App schickt die Aufnahme dann an eine Datenbank, und als Ergebnis erhält der Patient eine Risikoeinschätzung zurück. Zu dumm, dass man nur im Kleingedruckten der App die Erklärung findet, dass die App keinerlei medizinischen Sinn ergibt und man bei medizinischen Fragen sowieso am besten immer sofort zum Arzt gehen sollte. Dafür sind dann eigentlich auch ein paar Dollar zu viel. Nutzen also auch hier: Null.

Dahinter steckt allerdings eine Entwicklung, die mittels Technik die Früherkennung und Erstdiagnose immer weiter in Richtung der Patienten verlagern will. Wir sind immer mehr für uns selbst verantwortlich, die Technik dazu wird gerade entwickelt. Wenn sie denn dann funktioniert, werden wir uns selber immer lückenloser überwachen. Und die etwas fernere Zukunft könnte dann so aussehen: winzigste Chips und Sensoren, in der Kleidung oder direkt am Körper getragen, die ihren eigenen Strom erzeugen, werden alle wichtigen Vitalfunktionen überwachen, registrieren, weiter senden und bei kritischen Abweichungen sofort Alarm schlagen oder uns zum nächsten Arzt lotsen. "Guardian Angel – Schutzengel" nennt die ETH Zürich diese Forschung.

Das wird uns auch im Alter eine längere Unabhängigkeit ermöglichen. Aber: Die Schutzengel werden auch Daten messen, die wir vielleicht lieber für uns behalten würden, wie privaten Stress oder allgemeine Niedergeschlagenheit. Oder wenn ich mal ein bisschen über die Stränge geschlagen habe. In diesem Fall hoffe ich, dass ich an meinem Schutzengel immer noch einen Schalter finde, auf dem das kleine Wort "Aus" zu finden ist.

Unser Experte:
Dr. med. Urs-Vito Albrecht, Leiter des Medical Applications Laboratory am Peter L. Reichertz Institute for Medical Informatics an der Hannover Medical School

Erstausstrahlung: 17.12.2012