Das erste "Wort zum Sonntag": Sehen und Hören

gesprochen von Pastor Walter Dittmann am 8. Mai 1954

Augen und Ohren einer Frau
Das erste "Wort zum Sonntag": Sehen und Hören

Sehen und Hören

Sie haben heute abend viel gesehen und gehört. In bunter Fülle sind Bilder der Wirklichkeit an uns vorbeigezogen. Bilder vom Helfen und Heilen, vom Lieben und Geliebtwerden, aber auch vom heiteren, gelösten Spiel. Wir haben Worte und Klänge gehört und haben die erstaunliche Tatsache, dass sie über große Entfernungen hin in unser Zimmer kamen, als eine längst gewohnte Selbstverständlichkeit hingenommen. Aber am Ende all dieser Bilder und Klänge mag es doch wohl geraten sein, sich einmal die wunderbare Tatsache dieses Sehens und Hörens vor Augen zu halten und nach ihrem Sinn zu fragen.

Hätte man unseren Vorvätern erzählt, dass es dies einmal geben würde: Da sprechen Menschen irgendwo, sie singen und spielen, und in einem ganz anderen Raum, Hunderte von Kilometern davon entfernt, kann man sie nicht nur hören und verstehen, sonder auch sehen und beobachten, so dass man mit ihnen im gleichen Zimmer zu sitzen meint, - würde man dies also vor hundert Jahren als eine zukünftige Möglichkeit ausgemalt haben, so hätte das wie ein Märchentraum geklungen, und es kann, wenn wir uns darauf besinnen, uns auch heute noch sehr nachdenklich stimmen.

Es ist ja schon wunderbar genug, dass wir überhaupt Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben. Wir rechnen damit als einer natürlichen Tatsache und können ja auch nicht immer darüber nachdenken. Aber wenn wir einmal einem Menschen begegnen, der nicht sehen kann oder dessen Ohren taub sind für jeden Klang, dann ahnen wir plötzlich etwas von der Größe dessen, was uns mit dem Sehen- und Hörenkönnen gegeben ist. Es gibt auch andere Stellen, wo uns das berührt, wenn uns etwa die Augen eines kleinen Kindes anlachen und wir seine zierlichen und wohlgebildeten Glieder bewundern, die feinen Ohren und die strahlenden Augen, dann ergreift uns zuweilen das Wunder der menschlichen Gestalt. Und nun hat der menschliche Geist seine natürlichen Möglichkeiten noch geweitet; er hat die Grenzen der Nähe durchbrochen. Auge und Ohr erreichen auch die Ferne.

Was ist der Sinn dieser großen Erfindung; wozu dient dieses Sehen und Hören auf weite Entfernungen hin? Den meisten von uns wird es wohl nur ein unterhaltsames Spiel sein, eine Erholung nach anstrengendem Tagwerk, ein belebender und anregender Blick in andere Welten, die Versetzung in eine Wirklichkeit, die reicher und kraftvoller ist als die unseres Alltags. Dagegen ist auch nichts zu sagen. Wir brauchen das Spiel, die zwecklose Freude des Schauens und Hörens, wenn wir nicht verkümmern und vertrocknen wollen in dem gewohnten Einerlei der Berufsarbeit. Der Rhythmus von Arbeit und Feier gehört zur Gesundheit des Lebens. Auch Heiterkeit, Spiel uns Scherz haben die Aufgabe, uns zu bewahren vor einem krampfhaften und unguten Lebensernst.

Ist nun das Fernsehen und das Fernhören geeignet, uns darin wirklich zu helfen? Diese Frage enthält, wenn man sie gründlich bedenkt, das schwere Problem unserer ganzen gegenwärtigen Kultur. In dieser Blickrichtung kann ich sie hier nicht erörtern. Das ist auch nicht notwendig, denn jene Frage ist ja zu allererst an uns selber gerichtet. Haben wir wirklich einen Gewinn zu verzeichnen? Spiel ist ja nicht dasselbe wie Spielerei. Auch im Spiel liegt noch ein Sinn, den wir erfüllen oder verfehlen können. Wie steht es damit bei uns?

Wir alle sind nach dem schönen Goethewort "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt". Aber sehen wir wirklich, hören wir wirklich? Haben wir ein Auge für Gottes wunderbare Welt und ein Ohr für ihre Klänge? Wie manche Schönheit gibt es, an der wir gleichgültig und unberührt vorbeilaufen, wie manchen verlorenen Klang, für den wir kein Ohr haben. Das ist der Sinn des Kunstwerkes, dass es uns sehend macht für Dinge, auf die wir sonst gar nicht achten. Es können ganz kleine und alltägliche Wirklichkeiten sein, die uns in einem Bild, einem Gedicht, aber auch in einem Film oder Fernsehspiel völlig neu werden: Ein Vogelnest, eine Regentropfen am Fenster, eine Blume oder ein verhaltenes Leid in einem Menschengesicht. Wie wirklich und wunderbar ist das alles, wenn man eine sehendes Auge dafür hat.

Helfen uns Film und Fernsehen dazu, dass unsere Augen dafür freier werden? Das ist weniger eine Frage an das Programm als an uns selber. Denn um bereit zu sein zum Sehen und zum Hören, dazu bedarf es einer bestimmten Haltung, zu der wir uns entschließen müssen. Film, Funk und Fernsehen können, wie wir alle wissen, auch das Gegenteil bewirken: Sie können Auge und Ohr abstumpfen für das echte Sehen und Hören. Aber es muss nicht so sein. Diese Abstumpfung ist kein automatisch wirkendes Gesetz. Sie ist der Entscheidung und Freiheit des Menschen unterstellt.

Wir müssen also die Frage, ob wir sehende Augen und hörende Ohren haben, als Entscheidungsfrage an uns stehen lassen. Sie betrifft uns ja nicht nur vor dem Fernsehapparat, sondern in unserem ganzen Alltag und im Umgang mit den Menschen. Wenn uns die Bilder und Klänge unserer Welt nicht nur Mittel der Zerstreuung und des Genusses sind, sondern uns auch fordern und aufrufen, wenn wir ein Auge haben für ein gequältes Menschengesicht und ein Ohr für eine stille Klage, dann haben wir sehen und hören gelernt.