SENDETERMIN So, 15.04.18 | 00:05 Uhr | Das Erste

Wenn der Postmann…

gesprochen von Christian Rommert (ev.)

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Pastor Christian Rommert: Wenn der Postmann ... | Video verfügbar bis 14.04.2023 | Bild: Wolfgang Wedel

Mein Blick auf alte Menschen hat sich in den letzten Monaten sehr verändert. Über ein Jahr lang habe ich einen Freund auf seiner letzten Reise begleitet. 83 Jahre war er alt. Dann musste er seine Wohnung aufgeben. Er war gezwungen, in ein Pflegeheim zu gehen. Ich habe das miterlebt. Der ganze Schmerz über den Verlust von geliebten Erinnerungen, die er nicht mitnehmen konnte, weil kein Platz war. Der Schmerz über den Verlust von Privatsphäre. Wenn ich ihn besucht habe, hörten wir vom Flur ständig irgendwelche Geräusche. Oft saßen wir zusammen und irgendein Mitbewohner, irgendeine Mitbewohnerin kam ungefragt in sein Zimmer. Weil sie verwirrt waren. Er erzählte mir, wie es ihn störte, dass er nicht mehr allein duschen durfte. Selbst da immer jemand dabei!

Manchmal haben wir auch über das Sterben gesprochen. Diesen letzten großen Verlust. Er war auch Christ und wir beide kannten diesen Vers aus der Bibel: "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir weise werden." Bis vor kurzem habe ich das immer so verstanden: Carpe diem! Lehre uns, dass unser Leben nicht unendlich ist. So dass wir jeden Tag nutzen. Doch das Problem meines Freundes war aber gar nicht so sehr das Sterben. Er lebte mit der Hoffnung, dass es für ihn in Gottes Welt weiter geht. Das Problem für ihn war das Altwerden – vor dem Sterben! Herr, lehre uns bedenken, dass wir alt werden müssen, auf das wir weise werden! Denn auf einmal wird alles endlich: Nicht nur das Leben. Auch meine persönliche Freiheit, meine Mobilität, meine Intimität, meine Gesundheit, meine Freundschaften, meine Beziehungen sind endlich. Von einem Moment auf den anderen zu sterben, das wäre gar nicht das Schlimmste gewesen, aber die kleinen tägliche Abschiede. Das war, was ihm Not bereitete.

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, bisher war das alles weit weg für mich: Altwerden, die Situation in der Altenpflege, der Druck der Pflegerinnen und Pfleger. Ich habe so gelebt, als wenn der Winter nie käme. Jetzt aber ist das anders: "Herr, lehre uns bedenken, dass wir alt werden müssen." Das macht mich in meiner Situation betroffener als das Nachdenken über das Sterben. Wie will ich alt werden? Wie will ich mit den Menschen, die um mich herum alt werden, umgehen?

In Bremen testet die Deutsche Post gerade gemeinsam mit einigen Wohlfahrtsverbänden ein neues Modell im Umgang mit dem Alter. Und natürlich auch ein neues Geschäftsfeld. Postbotinnen und Postboten sollen in Zukunft bei alten Menschen nach dem Rechten sehen. Es soll regelmäßige Haustürgespräche geben und bei Bedarf und im Notfall werden Ansprechpersonen informiert. Die Post versucht gezielt, Freiwillige dafür zu werben. Also Menschen, die Nachbarschaftshilfe leisten können. Freiwillige, die ältere Menschen im Haushalt unterstützen wollen, sie beraten oder einfach Zeit mit ihnen verbringen. Das ist doch ein guter Anfang. Meinem Freund hätte das sicherlich gefallen. Ich – ich würde mich freuen, wenn solch ein Service erprobt und etabliert ist, wenn ich einmal alt bin. Das wären ein paar Abschiede weniger! Ich würde mich freuen, wenn mir vor dem Sterben, das Altwerden etwas erleichtert werden würde! Herr lehre uns bedenken, dass wir alt werden müssen, auf das wir besser mit unseren Alten umgehen und weise werden! Das wäre mein Fazit aus den letzten Monaten.

Mein Freund ist jetzt bei Gott. Dort ist er gut aufgehoben. Mir hat er einen neuen Horizont eröffnet. Einen neuen Blick auf Menschen, die älter sind als ich und auf mein eigenes Altwerden.

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