Gesichter des Islam
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Fragen an Reinhard Baumgarten

 

Fastenbrechen im Ramadan mit Iman Scheich Abdallah in Kairo (Bild: SWR/Schwenk Film/Roland Breitschuh) Bild vergrößern Bildunterschrift: Fastenbrechen im Ramadan mit Iman Scheich Abdallah in Kairo. ]
Das Erste: Bei knapp vier Millionen Muslimen in Deutschland scheint das Wissen um diesen Teil der Mitbürger nicht sehr groß zu sein. Wie fremd ist uns der Islam?

Reinhard Baumgarten: In der nichtmuslimischen Mehrheitsbevölkerung gibt es viele Vorbehalte und auch Ängste gegenüber Muslimen. Nationalen wie internationalen Studien zufolge stehen rund 50 Prozent der Bundesdeutschen dem Islam negativ gegenüber. Mehr als ein Viertel kann als islamfeindlich bezeichnet werden. Gleichzeitig – auch das haben Untersuchungen ergeben – wissen viele Menschen sehr wenig über die islamische Religion. Es gibt ein großes Informationsdefizit. Islam wird hierzulande oft mit Gewalt, Unterdrückung und Terrorismus gleichgesetzt. In den Glaubensinhalten sind Christen und Muslime aber nicht so weit auseinander wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Der Islam als Religion ist bei näherem Hinsehen gar nicht so fremd.

Bogenschießen für Frauen (Bild: SWR/Schwenk Film/Roland Breitschuh) Bild vergrößern Bildunterschrift: Bogenschießen für Frauen (Angebot innerhalb des Jahrestreffens 2010 der Muslimischen Jugend). ]
Der Titel der Dokumentarreihe "Gesichter des Islam" signalisiert, dass nur einzelne Aspekte des Islams aufgezeigt werden können. Welche haben Sie ausgewählt und warum?

Der Islam ist unglaublich vielfältig. Wir haben in insgesamt acht Ländern Aufnahmen gemacht, um diese Vielfalt wenigstens teilweise einzufangen. Uns ging‘s nicht um regionale und folkloristische Buntheit. Der Islam wird zwischen Marokko und Indonesien sehr unterschiedlich gelebt, die religiösen Quellen werden unterschiedlich gedeutet. Wir bilden den Islam in den vier Sendungen mit jeweils einem konkreten Themenfeld ab: Männer und Frauen; Wissen und Fortschritt; Glaube und Kultur; Frieden und Gewalt. Damit verknüpft sind ganz konkrete Fragen, die Menschen in Deutschland in Sachen Islam haben: Wie ist das mit der Gleichberechtigung, der Bildungsmisere, dem Terrorismus, der Aufklärung, dem Gottes- und Menschenbild? Wir nehmen die Vorbehalte und Ängste gegenüber dem Islam ernst und suchen darauf Antworten im Alltag von muslimischen Gelehrten, von Wissenschaftlern, Schülern, Studenten und einfachen Bürgern. Gleichzeitig berücksichtigen wir auch die historische Dimension der gestellten Fragen. Der Islam hat sich in 1400 Jahren gewaltig entwickelt und gewandelt. Auch das wollen wir abbilden.

Beduinen beim Gebet in der saudischen Wüste bei Riyadh (Bild: SWR/Schwenk Film/Roland Breitschuh) Bild vergrößern Bildunterschrift: Beduinen beim Gebet in der saudischen Wüste bei Riyadh. ]
Sind Sie bei der Vorbereitung dieser Dokumentation auf eigene Vorurteile gestoßen? Aus welcher Perspektive berichten Sie?

Der Entstehungsprozess dieser Reihe verdient schon eine eigene Dokumentation. Wir haben im ARD-Kollegenkreis heftig über die Gestaltung der Sendungen diskutiert. Das war sehr konstruktiv. Wir wollten keine dokufiktionale Produktion mit suggestiven Szenen und basslastiger Musik. Wir wollten keine Chronologie des Islams. Wir wollten, dass unsere "europäisch-westlichen" Fragen von Muslimen beantwortet werden. Es gab unter den Machern Vorurteile, verständlicherweise. Die Wendungen "der Islam ist", oder "der Islam will/sagt/erlaubt" waren häufig zu hören. Das hat sich gewandelt. Die anfängliche Perspektive, die gern von DEM Islam als Sache spricht, entwickelte sich zu einer menschlichen Ebene, auf der Muslime als individuelle Gläubige zu Wort kommen und ihre Religion erklären. Wir haben dabei weder unsere Neugierde noch unsere Skepsis abgelegt, aber doch etliche Vorurteile.

Maulid Nabi, der Geburtstag des Propheten, in Cirebon, West-Java (Bild: SWR/Schwenk Film/Roland Breitschuh) Bild vergrößern Bildunterschrift: Maulid Nabi, der Geburtstag des Propheten, in Cirebon, West-Java ( Indonesien). ]
Was können die beiden verschiedenen Kulturkreise voneinander lernen? Bedeutet gelungene Integration nicht auch viel Wissen um das Fremde?

Wir lernen ja gegenseitig ständig voneinander. Seit vielen Jahrhunderten ist das so. Die Renaissance wäre ohne das Wissen islamischer Gelehrter kaum möglich gewesen. Europa hätte im Dunkeln verharrt. Muslime würden sich ohne die industrielle Revolution Europas anstatt mit Viertaktmotoren weiterhin mit Vierhufern fortbewegen. Es fand und findet Austausch in beiden Richtungen statt. Auf beiden Seiten mangelt es gleichzeitig auch nicht an Abgrenzungsversuchen, weil den jeweils Anderen böse Absichten unterstellt werden. Das ist entweder irrational und angstgesteuert oder aber bewusstes Kalkül. Denn bei Kulturkämpfern auf beiden Seiten herrscht ein gefährlicher Überlegenheitsdünkel, der zur Konfrontation antreibt. Die Folgen einer weiteren Eskalation wären verheerend. Terror und Kriege der vergangenen Jahre liefern dazu einen Vorgeschmack.

Die Rapper der Gruppe F'assi (Bild: SWR/Schwenk Film/Roland Breitschuh) Bild vergrößern Bildunterschrift: Die Rapper der Gruppe F'assi, Fes ,Marokko. ]
Wie viel Toleranz braucht eine Gesellschaft und über wie viele Vorurteile kann sie dabei offen diskutieren?

Toleranz erfordert Mut, Weisheit, Wohlstand und Stärke. Diktaturen kennen keine Toleranz. Demokratien hingegen schon. Extremisten verabscheuen Toleranz. Sie sehen darin ein Zeichen von Dekadenz und Schwäche. Wir gehen den Extremisten auf den Leim, wenn wir – wie hierzulande häufig gefordert – unsre eigene Toleranz einschränken. Toleranz, Freiheit und gesellschaftliche Entwicklung bedingen und befruchten sich gegenseitig. In Deutschland leben mehr als vier Millionen Muslime. Anstatt als potentielle Gefahr sollten wir sie als potentielle Chance für unser Land sehen. Zumeist grenzen sich diejenigen in einer Gesellschaft ab, die sich ausgegrenzt fühlen. Vorurteile auf beiden Seiten führen zur Ab- und Ausgrenzung. Je mehr wir übereinander wissen, desto weniger sind wir auf Vorurteile angewiesen. Deshalb auch die Reihe "Gesichter des Islam".