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10.02.2012

Kennedys Hirn
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"Südafrika ist immer noch auf der Suche nach sich selbst"

Interview mit Iris Berben  

Archäologin Louise Cantor (Bild: ARD Degeto/Bavaria/Yellow Bird/D. Guhr) Bild vergrößern Bildunterschrift: Archäologin Louise Cantor ]
Kannten Sie den Roman von Henning Mankell?

Iris Berben: Ich kannte ihn nicht und habe ihn, als das Angebot für den Film vorlag, sofort gelesen. Dieser Roman ist eher ein innerer Monolog und so war ich sehr gespannt, wie der Drehbuchautor daraus ein Drehbuch konzipieren will, einen filmischen Weg für Mankells spezielle Erzähltechnik findet, Figuren auftauchen zu lassen und ihnen zu trauen. Das ist gelungen. Die Geschichte ist wie ein Puzzle erzählt, das zu lösen ist.

Was reizte Sie an der Rolle der Louise Cantor?

Louise Cantor ist Archäologin. Für mich ist das als Metapher zu verstehen, denn ihre Arbeit besteht darin, einzelne kleine Teile zusammenzusetzen. Symptomatisch scheint mir ein Satz, den sie gleich zu Beginn des Films zu ihren Studenten sagt: "Das, was sie hier vordergründig sehen, ist nicht immer das, was es scheint." Das stimmt für diesen Film einfach.

Nach dem Tod ihres Sohnes ist sie zunächst phlegmatisch und kann überhaupt nicht reagieren. Sie fühlt sich schuldig an seinem Tod, glaubt, versagt zu haben. Der Konflikt zwingt sie dazu, sich auf eine innere und eine äußere Reise zu begeben. Das ist das Melodram im ersten Teil. Die Konsequenzen ihrer Überlegungen zeigt der zweite Teil, ein echter Thriller.

Das Ende des Films gefällt mir sehr, weil Louise Cantor den Zynismus und das Unheil dieser Welt sieht, aber beim besten Willen nicht in der Lage ist, es zu ändern. Auch das ist ein Teil der Wahrheit.

Iris Berben bei Dreharbeiten (Bild: ARD Degeto/Bavaria/Yellow Bird/D. Guhr) Bild vergrößern Bildunterschrift: Iris Berben bei Dreharbeiten ]
Die Dreharbeiten selbst verlangten Ihnen auch körperlich einiges ab. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet bzw. die vielen Drehtage in den unterschiedlichen Klimazonen überstanden?

Ich versuche immer, mich auf die Rolle ganz und gar einzulassen. Dann empfinde ich die Strapazen nicht so stark, denn es ist gut, dass es anstrengend ist. Angst, Verletzungen, Resignation sind schwer kalt herzustellen. Von minus ein Grad auf plus dreißig Grad Celsius, das ist ja letztlich auch die Spanne, aus der die Figur agiert. Das trägt dazu bei, mich vor Ort der Situation zu stellen. Ganz anders als im Studio, in dem ein Zustand künstlich erzeugt wird.

"Kennedys Hirn" ist eine internationale Koproduktion, bei der viele Nationalitäten am Drehort zusammenarbeiten. Ist dies eine besondere Herausforderung oder inzwischen eine gewohnte Situation für eine kosmopolitische Schauspielerin?

Ich mag das "babylonische" Drehen. Fremde Sprachen schärfen meine Sinne, sie zwingen mich dazu, äußerst wachsam zu arbeiten. Und das Casting war grandios. Darüber war ich sehr glücklich. Mit Profis, ob national oder international, zu arbeiten, macht es einfach, denn es hat immer mit der Haltung zu unserem Beruf zu tun, es entwickelt sich eine Komplizenschaft und dann ist die Sprachbarriere eher klein.

Kannten Sie Südafrika und Mosambik vor den Dreharbeiten? Und was haben sie von dort "mitgenommen"?

In Südafrika war ich vor 15 Jahren einmal zu Dreharbeiten. Das Land hat alles: Wüste, Meer, eine gigantische Tierwelt, reichlich Grün, das ist faszinierend. Aber normal? Nein, das ist kein normales Land, denn es geht für die schwarze Bevölkerung noch immer darum, es zu ihrem Land zu machen.

Es ist ein Land in einem schwierigen und schmerzhaften Prozess, der u. a. auch durch die Fußballweltmeisterschaft vorangetrieben werden kann oder sich dadurch sogar zuspitzt. Südafrika befindet sich im Umbruch, der sicherlich ganz unterschiedlich lange dauern wird. Dies ist mein Eindruck durch die Arbeit mit Menschen vor Ort, durch viele Gespräche. Die Unsicherheit ist zu spüren, die Weltmeisterschaft ist eine Chance. Aber dieses wunderbare Land ist immer noch auf dem Weg zu und der Suche nach sich selbst.

Und Maputo/Mosambik?

Mosambik war neu und spannend. Es war mir nicht so fremd, da ich zeitweise in Portugal aufgewachsen bin. Ich verstehe die Sprache, ohne sie wirklich sprechen zu können. Ein ungeheuer schönes Land zwischen den Spuren von Kolonialismus und Sozialismus. Beide Systeme haben der Bevölkerung ihre Ideologien vorgelebt und aufgezwungen und ihnen beigebracht, auf ihre Weise zu leben. Nun sind die Menschen verunsichert, sie stehen zwischen den Ruinen der prächtigen Kolonialbauten und der sozialistischen Architektur, die wir aus der DDR nur zu gut kennen, und sind auf sich allein gestellt.

Es reicht aber nicht, diese Länder mit Geld vollzustopfen, sondern wir sollten ihrem Wunsch entsprechen, ihre eigene Lebensform zu finden. Den Menschen ihre Würde lassen und ihnen individuelle Hilfe zukommen lassen. Das ist ein langer, komplexer Prozess. Aber trotz dieser wirtschaftlichen wie menschlichen Krise existiert in Maputo ein reges kulturelles Leben. Ich wollte einen unmittelbaren Eindruck vom Land bekommen und habe Theater und Ausstellungen besucht. Das war spannend. Zum Beispiel hat ein Künstler Produkte des Krieges wie Waffen, Schrott von Kriegsfahrzeugen zu Skulpturen zusammengeschweißt, aus gesammeltem Kriegsmaterial Kunst hergestellt. Das hat mir imponiert.

Halten Sie die Grundthese von Henning Mankell für realistisch, dass skrupellose Geschäftsleute des weißen Kontinentes den schwarzen schamlos für Forschungszwecke ausnutzen?

Es gibt viele Skeptiker, die nicht an ein Schwarzafrika in Eigenverantwortung glauben, die den Kontinent abgeschrieben haben. Aber ebenso viele ehrenwerte Organisationen und Menschen, die ihren Beitrag für das Land leisten. Aber natürlich ist es auch vorstellbar, dass Zustände, wie sie im Film beschrieben sind, existieren. Ich bin mir nicht sicher, ob es bei der Erforschung eines wirksamen Aidsmedikamentes nicht doch wieder nur um wirtschaftliche Interessen geht, die die Afrikaner dann ausschließen, oder nur einen kleinen, privilegierten Teil partizipieren lassen. Es würde wohl wieder nur um den Profit gehen und nicht um die Heilung der geschundenen Menschen und das ist zynisch.

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