Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben
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"Erinnern und Erzählen"

Michael Gutmann über seine Begegnungen mit Marcel Reich-Ranicki und die Herausforderung, aus einer Autobiografie ein Drehbuch zu entwickeln.

Das Erste: Was hat Sie bei Ihrer Erstlektüre von "Mein Leben" besonders fasziniert?

Michael Gutmann: Dass dort ein anderer Mensch sichtbar wird. Es gibt von Marcel Reich-Ranicki ja das Bild des wütenden Kritikers, der einen Roman zerreißt – so hat ihn der SPIEGEL auf einem Titelblatt dargestellt, und so wollten viele ihn sehen. Die Autobiografie hat das geändert. Selten wurde uns deutlicher vor Augen geführt, dass ein Mensch mehr ist als eine einzige Rollenwahrnehmung. Er ist die Summe widersprüchlicher Lebenserfahrungen, seiner elterlichen Prägung und vieles mehr. Der Produzentin Katharina M. Trebitsch, der WDR-Redakteurin Barbara Buhl und mir wurde nach den Vorgesprächen klar, dass wir vor allem die Kapitel des Buches verfilmen wollten, in denen Marcel Reich-Ranicki die Rollen zwangsläufig wechselt, wie jemand, der schwimmen muss, um nicht unterzugehen. Wir haben versucht herauszuarbeiten, welche Bedeutung dabei die Aneignung von Sprache hatte, die Begegnung mit seiner späteren Frau Tosia und die gemeinsame Liebezur Literatur. Wenn Tosia in einem dunklen Kellerloch auswendig ein Gedicht zitiert, wird davon niemand satt. Aber es kann ein klein wenig Hoffnung geben, diesen Tag und vielleicht noch den nächsten zu überstehen. Ich glaube, dass die Zuschauer das nachempfinden können, auch solche, die bisher einen großen Bogen um Gedichte gemacht haben.



Ein Fernsehfilm gehorcht anderen Regeln als ein Roman, literarische Vorlagen müssen dementsprechend umgearbeitet werden. Ist Ihnen das bei dem autobiografischen Werk "Mein Leben" schwerer gefallen als bei einem rein fiktionalen Stoff?

Auf jeden Fall. Man hat ein schlechtes Gewissen, weil man fürchtet, der Elefant im Porzellanladen zu sein. Die Vielschichtigkeit eines Lebens wird auf einige Motive und Ereignisse reduziert. Ich kann nur darauf vertrauen, dass die Zuschauer mittlerweile eine so große Erfahrung mit Adaptionen haben, dass sie wissen: Der Film ist nicht das Buch und schon gar nicht das Leben. Es sind verschiedene Medien. Der Film hat Vorteile, und das Buch hat Vorteile. Der große Vorteil vom Buch ist, dass es den Leser nicht zu Bildern zwingt, sondern dass sie scheinbar von selbst im Kopf entstehen und sich gedankliche Räume öffnen. Wobei – das kann ein Film schon auch hin und wieder ...



Nennen Sie ein Beispiel für so ein Bild, wo der Film über das Buch hinausgeht.

Schien an dem Tag, als die Räumung des Warschauer Gettos begann, die Sonne oder war es bedeckt? Das spielt, glaube ich, gar keine große Rolle in der Autobiografie. Man kann sagen: Es ist möglich, dass die Sonne schien an diesem Tag in Warschau – wie zum Hohn. Vielleicht war es aber auch nicht so. Im Film scheint jetzt die Sonne. Das ist vielleicht nur ein kleines Detail, aber es gibt auch entscheidendere Punkte, wo man große Verantwortung spürt und nur hoffen kann, dass man es einigermaßen richtig macht. Es ist eine Annäherung an das Buch, an das Leben Marcel Reich-Ranickis. Insofern ist es, glaube ich, auch gar nicht so wichtig, ob Matthias Schweighöfer ihm ähnlich sieht oder nicht, sondern ob er einige Aspekte seines Charakters trifft.



Die Verhörszenen im Warschau des Jahres 1949 haben so ja nie stattgefunden; dem Film geben sie eine Erzählperspektive. Wann fiel die Entscheidung, das Gespräch zwischen Marcel Reich-Ranicki und dem polnischen Geheimdienstoffizier als dramaturgische Klammer zu nutzen?

Es gab bereits ein oder zwei Drehbuchfassungen, als uns klar wurde, dass wir immer noch viel zu lang waren. Wir mussten Möglichkeiten finden, Zeitläufe stark zu raffen. Die Idee einer Rahmenhandlung in Form eines Dialoges oder Verhöres ist nicht neu, das haben andere Filme auch schon versucht. Das Verhör musste mehr werden als nur eine Möglichkeit, Informationen für die Zuschauer unterzubringen. Die Szenen kreisen um einen grundsätzlichen Konflikt: Der Verhöroffizier will wissen, wer dieser abberufene Generalkonsul wirklich ist. Er zweifelt sogar dessen Namen an. Wie kann Marcel Reich-Ranicki ihm antworten, ohne dabei wie ein Intellektueller zu wirken? In der damaligen politischen Lage eine gefährliche Situation. Also bemüht er sich, einfach und konkret zu sprechen. Manchmal gehen die Pferde mit ihm durch, und er zählt die Autoren auf, die er liebt. Nach und nach entdeckt er die Möglichkeit, mit seinen Antworten die Geschichte zu erzählen, die er am besten kennt: die von ihm und Tosia. An einigen Stellen haben wir bewusst auf Bilder verzichtet und versucht, ganz und gar der Sprache zu vertrauen.



Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gibt eine sehr wichtige Situation, da hätte man visuell und szenisch auf Marcel Reich-Ranickis Buch zurückgreifen und das mit der Kamera darstellen können, aber wir wollten das nicht. Es ist der Moment, wenn seine Eltern zum Umschlagplatz kommen und zum Güterzug getrieben werden. Im Film ist das eine Nacherzählung Marcel Reich-Ranickis. Dror Zahavi, der bei den letzten, entscheidenden Drehbuchfassungen mithalf, sah das genauso, auch Barbara Buhl und Katharina M. Trebitsch. Wir waren uns sicher, dass wir es nicht zeigen werden.



"Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben" ist nicht Ihr erstes Drehbuch, das auf einer wahren Biografie basiert: "23 – Nichts ist so, wie es scheint" erzählt die Geschichte des Hackers Karl Koch.

Der Regisseur Hans-Christian Schmid und ich haben viele Fassungen geschrieben und verworfen. Es war learning by doing. Eine wichtige Frage lautete: Wie schafft man es, eine Leitmelodie zu entwickeln, die sich trotz Zeitsprüngen und Ortswechseln durch die ganze Geschichte zieht und verhindert, dass sie in Episoden zerfällt? Bei "Mein Leben" hat mir die Autobiografie geholfen, weil Marcel Reich-Ranicki solche Leitmelodien bereits eingewoben hat. Wir mussten entscheiden, welche wir verwenden können.



Standen Sie mit Marcel Reich-Ranicki im Kontakt?

Wir haben oft und lange telefoniert. Er telefoniert gerne. Wir haben uns auch ein paar Mal gesehen, wobei die Menge der Begegnungen nicht entscheidend war, sondern die Wirkung, die er und seine Frau auf mich hatten. Das habe ich versucht, in das Drehbuch einfließen zu lassen.



Wie haben Sie Marcel Reich-Ranicki denn erlebt?

Als jemanden, der in jeder Sekunde sein Leben lebt, der keinen Moment einfach so vergehen lässt. Er ist hellwach und fordert sein Gegenüber. Ich habe den Eindruck, Matthias Schweighöfer tut das im Film auch. Wer steht ihm gegenüber, was will die Person, wie kann er darauf reagieren?
Es gibt eine Szenenfolge, in der Juden in Warschau aus ihren Wohnungen geholt werden, um Gebäude zu reinigen, die von der Armee genutzt werden. Beim Putzen des Bodens beobachtet der junge Marcel den deutschen Soldaten, der ihn und seinen Bruder bewacht. Und als er verstanden hat, was das für ein Mann ist, überlegt er gleich, was er daraus machen kann. Plötzlich schildert er eine Szene aus einem Fußballspiel von Hertha BSC Berlin gegen Schalke. Der Berliner Soldat ist fasziniert und lässt die beiden nach Hause gehen.
Dieses Fußballspiel hat übrigens tatsächlich stattgefunden. Nicht, dass Marcel Reich-Ranicki sich für diesen Sport interessieren würde, aber er hat ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis für Namen und Ereignisse.



Das Hellwache, das Sie schildern, manifestiert sich auch in der Präzision, mit der Marcel Reich-Ranicki – also Matthias Schweighöfer – spricht.

Er verfügt über die Sprache. Und er vertraut der Sprache, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen. Bei ihm ist alles Sprache und Literatur. Hinzu kommt das korrekte Äußere. Ich kann mir vorstellen, dass er sich einen Anzug anzieht und rasiert, bevor er Thomas Mann liest oder Beethoven hört.



Und jetzt sieht er den Film, für den Sie das Drehbuch geschrieben haben.

Ich weiß, dass er den Film als ein eigenständiges Werk sieht und keinen Dokumentarfilm erwartet. Er hat oft zu mir gesagt: "Schreiben Sie ein Drehbuch für einen guten Film!"



Was erwartet er denn?

Eine lebendige, emotionale Handlung, die den Zuschauer sofort packt. Wir hatten im Mai 2008 nach der Verleihung des Henri-Nannen-Preises im Hotel ein Gespräch beim Frühstück, und er fragte mich: "Wie ist das Drehbuch jetzt geworden? Ich hoffe, es ist kein umständlicher Anfang, das langweilt die Leute. Wissen Sie, was ich meine?" Und als nicht gleich meine Antwort kam, bohrte er weiter: "Wie beginnt die Neunte von Beethoven?" Ich zuckte mit den Schultern. Daraufhin hat er in diesem Frühstücksraum mit kräftiger Stimme den Anfang der Neunten intoniert. Er hat auch die Töne getroffen. Ich weiß nicht, was die anderen Hotelgäste dachten, aber für mich war die Botschaft klar. Das ist eine meiner schönsten Erinnerungen an unsere Begegnungen.



Haben Sie ihm zugesichert, dass "Mein Leben" beginnen wird wie die Neunte?

Ich habe behauptet, der Film würde mit dem malerischen Bild einer Waldlichtung anfangen: Das erste Morgenlicht, der glitzernde Tau, ein Reh nähert sich vorsichtig, um zu äsen. Und nun kommt ein
zweites Reh hinzu usw. Einen Moment lang hat er mir vielleicht wirklich geglaubt. Es schien ihm jedenfalls Mühe zu bereiten, dem Naturschauspiel ohne Einwand zu folgen, und er war erleichtert, als die Rehe ihre Mahlzeit beendet hatten. Er nahm mir den Versuch, witzig zu sein, nicht übel und nickte freundlich. "Jetzt mal im Ernst, mein Lieber. Erzählen Sie ..."


Drehbuchautor Michael Gutmann (Bild: WDR) Bildunterschrift: Drehbuchautor Michael Gutmann ]