Biografie/Zeittafel – Marcel Reich-Ranicki
Tabellarischer Überblick über die wichtigen Stationen im Leben von Marcel Reich-Ranicki in den Jahren von 1920 bis 1958.
1920
2. Juni: Geburt Marcel Reichs in Wloclawek an der Weichsel (Polen) als drittes Kind des polnischen Juden David Reich und der deutschen Jüdin Helene Reich, geb. Auerbach.
1927
Deutschsprachige Volksschule in Wloclawek.
1929
Bankrott und Schließung der Firma für Baumaterial des Vaters David Reich. Entscheidung der Familie Reich nach Berlin zu übersiedeln, wo wohlhabende Verwandte von Helene Reich leben. Der neunjährige Marcel wird im Sommer allein von Wloclawek nach Berlin vorausgeschickt, damit er in den Ferien sein noch unvollkommenesDeutsch verbessern kann. Die übrige Familie folgt nach. Nach den Ferien besucht Marcel die Volksschule (Berlin-Charlottenburg, Witzlebenstraße).
1930
Werner-von-Siemens-Gymnasium (Berlin-Schöneberg).
1934
Mitglied des "Jüdischen Pfadfinderbundes Deutschland".
1935
Fichte-Gymnasium (Berlin-Wilmersdorf).
1938
Abitur. Im April Ablehnung des Immatrikulationsgesuchs (Germanistik) von der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Vor dem zunehmenden Terror im nationalsozialistischen Deutschland sind Vater David und Bruder Alexander bereits nach Warschau ausgewichen. Im Sommer folgt ihnen Helene Reich. Marcel lebt allein zur Untermiete und wird Lehrling in der Exportfirma des Juan Casparius (Berlin-Charlottenburg). Am 28. Oktober wird er festgenommen und nach Warschau deportiert.
1939
Emigration der Schwester Gerda und ihres Mannes Gerhard Böhm nach London. Kriegsbeginn. Besetzung Polens durch die Deutsche Wehrmacht.
1940
Am 21. Januar erhängt sich in dem Haus, in dem die Familie Reich wohnt, der Nachbar Pawel Langnas.
Helene Reich fordert ihren Sohn Marcel auf, sich um dessen völlig aufgelöste Tochter Teofila Langnas, genannt Tosia, zu kümmern. Die beiden werden ein Paar. Auf Befehl der Deutschen wird vom "Ältestenrat der Juden" eine Volkszählung unter den Juden des Landes durchgeführt. Dafür wird Marcel Reich zunächst vorläufig als Mitarbeiter des Judenrates angestellt. Bald darauf wird er wegen guter Deutschkenntnisse Leiter des Übersetzungs- und Korrespondenzbüros des Rates im inzwischen eingerichteten Warschauer Getto.
1942
22. Juli: Am Tag, an dem die Deportationen der Getto-Bewohner ins Vernichtungslager Treblinka beginnen, Eheschließung mit Teofila Langnas. Am 6. September Deportation der Eltern zur Ermordung nach Treblinka.
1943
3. Februar: Flucht gemeinsam mit Tosia aus dem Getto. Ab Juni: Für 19 Monate Versteck im Haus eines polnischen Ehepaars in einem Vorort Warschaus. 4. November: Wie Marcel Reich erst nach dem Krieg erfährt, wird der Bruder Alexander Herbert zusammen mit seiner Freundin im Kriegsgefangenen- und Arbeitslager Poniatowa ermordet oder entgeht der Erschießung durch Selbsttötung.
1944
7. September: Befreiung aus dem Versteck durch die Rote Armee. Auf Rat der Soldaten lassen sich Tosia und Marcel Reich von der Front ins Hinterland nach Lublin transportieren, wo sie sich zum Dienst in der polnischen Armee melden. 25. Oktober: Beginn der Arbeit für die Postzensur, die dem Ministerium für Öffentliche Sicherheit (MBP) unterstellt ist.
1945
Im Februar nach Kattowitz in Oberschlesien, wo er die Postzensur organisieren soll. Ab 25. März: In Warschau Beamter der Abteilung III des Hauptamtes für Zensur, am 1. Juli stellvertretender Leiter der Abteilung. Eintritt in die Kommunistische Partei Polens ("Polnische Arbeiterpartei").
1946
Januar bis März: In Berlin Arbeit in der Polnischen Militärmission und für den Auslandsnachrichtendienst. Ab April In Warschau Mitarbeiter in der Abteilung II, Sektion IV, des MBP.
1948
Ab Februar in London unter dem Namen Ranicki Vizekonsul (später Konsul) der Republik Polen und im Rang eines Hauptmanns (polnisch: "Kapitan") leitender Mitarbeiter des Auslandsnachrichtendienstes. 30. Dezember: Geburt des Sohnes Andrzej Alexander.
1949
November: Abberufung aus London und Rückkehr nach Warschau. 14 Tage Haft in einer Einzelzelle.
1950
25. Januar: Entlassung aus dem Auswärtigen Dienst und aus dem Geheimdienst. März: Ausschluss aus der Kommunistischen Partei. Lektor für deutsche Literatur im Verlag des Verteidigungsministeriums.
1951
Veröffentlichungen in der Warschauer Wochenzeitung Nowa Kultura.
1952
Freier Mitarbeiter der Warschauer Monatszeitschrift Twórczos´c´. Übersetzer (zusammen mit Andrzej Wirth) von Kafkas Das Schloß und Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame.
1953
Publikationsverbot.
1954
Aufhebung des Publikationsverbots.
1955
Das Buch Aus der Geschichte der deutschen Literatur 1871–1954 erscheint.
1957
Erste Studienreisen auf Vermittlung des polnischen Schriftstellerverbandes nach Österreich und in die Bundesrepublik. Das Buch Die Epik der Anna Seghers erscheint.
1958
21. Juli: Studienreise in die Bundesrepublik. Parallel dazu Urlaubsreise von Tosia Reich mit Sohn Andrzej Alexander nach London. Die Familie kehrt nicht nach Polen zurück. Wohnort in Frankfurt am Main. Arbeit für die Frankfurter Allgemeine, für Die Welt und mehrere Rundfunksender. Oktober: erste Teilnahme an einer Tagung der "Gruppe 47".
(Mitarbeit Dr. Uwe Wittstock)
Wie es mit Marcel Reich-Ranicki weiterging:
Vier Wochen später erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die erste Literaturkritik unter dem Namen Reich-Ranicki.
Er wurde der bekannteste deutsche Literaturkritiker und erhielt viele maßgebliche Preise.
Obwohl er nie studiert hat, erhielt er neun deutsche und ausländische Ehrendoktorwürden und hatte verschiedene Professuren inne.
Der von ihm herausgegebene "Kanon der Literatur" bietet eine umfassende Einführung und einen bleibenden Überblick über die Gesamtheit der Deutschen Literatur.
Marcel und Tosia leben bis heute zusammen in Frankfurt am Main.

