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18.03.2010

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Herbst 77

Anfang der 70er Jahre will eine linksradikale Terrorgruppe, die sich Rote Armee Fraktion, RAF, nennt, mit Bombenanschlägen, Entführungen und gezielten Morden einen radikalen Wandel der Gesellschaft in Deutschland herbeiführen.

Keine zwei Jahre nach ihren ersten Anschlägen scheint der Spuk vorbei. 1972 werden die Anführer der RAF, Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, festgenommen. Sie werden im Gefängnis Stuttgart-Stammheim inhaftiert.

Der von den Gefangenen und ihren Anwälten hervorgerufene Eindruck angeblich unhaltbarer Haftbedingungen findet breite Resonanz in der linken Szene. 1975 beginnen junge Anhänger der Gefangenen, die so genannte zweite Generation der RAF, einen Terrorfeldzug zur Freipressung der Inhaftierten.

Ermutigt werden sie durch die in ihren Augen erfolgreiche Entführung des Berliner CDU-Abgeordneten Peter Lorenz im Februar 1975 durch Terroristen der Bewegung 2. Juni. Auch für die Bundesregierung ist die Lorenz-Entführung wegweisend. Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte gegen seine innere Überzeugung auf Wunsch der Vertreter von CDU und CSU den Forderungen der Terroristen nachgegeben.

Schmidt nimmt sich vor, in Zukunft hart zu bleiben, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Damit sind bereits 1975 die Positionen festgelegt, die im Terrorjahr 1977 aufeinanderprallen werden.

Eine erste Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm im April 1975 scheitert. Zwei deutsche Diplomaten, Andreas von Mirbach und Dr. Heinz Hillegaart, werden von den Terroristen ermordet. Der Kampf der zweiten Generation der RAF scheint am Ende, bevor er richtig begonnen hat. Erst mit Unterstützung einer palästinensischen Terrororganisation, der Popular Front for the Liberation of Palestine, PFLP, können die jungen Deutschen den Feldzug zur Befreiung ihrer Genossen wieder aufnehmen.

Im Sommer 1976 kommt es zum Gipfeltreffen in einem Ausbildungscamp der PFLP im kommunistischen Südjemen, bei dem das Vorgehen für die sogenannte "Offensive '77" festgelegt wird. Betreut werden die RAF-Terroristen von dem Palästinenser Dr. Wadi Haddad, dem Leiter der Auslandsoperationen der PFLP. Flugzeugentführungen sind seine Spezialität; im Juli 1968 hatten seine Leute die erste Passagiermaschine in Europa gekapert; im September 1970 ließ Haddad öffentlichkeitswirksam vier entführte Passagierflugzeuge auf dem Dawsons Airfield in Jordanien sprengen.

Vom Massaker auf dem israelischen Flughafen Lod 1972 über die Geiselnahme auf der OPEC Konferenz in Wien 1975 bis zur Entführung einer Air France-Maschine nach Entebbe im Jahr darauf zieht sich die blutige Spur Haddads.

Insgesamt gehen bis 1977 neun Flugzeugentführungen, über 40 Anschläge, 100 Tote und 250 Verletzte auf sein Konto. Hinzu kommt die tatkräftige Hilfe für nahezu jede Terrorgruppe der westlichen Welt, von den Brigade Rosse bis hin zur IRA. Haddad selber wiederum kann bei seinen Operationen auf die Unterstützung des russischen Geheimdienstes KGB bauen, der ihn als Agenten mit dem Decknamen "Nationalist" führt. Jedes Mittel scheint recht im Kalten Krieg, um den imperialistischen Westen zu destabilisieren.

Ohne die Unterstützung des KGB wäre Haddad in den 1970er Jahren nicht zum Paten des internationalen Terrors geworden, ohne die PFLP wäre die RAF 1977 nicht zu ihrem Terrorfeldzug in der Lage gewesen.

Der beginnt am 1. April 1977 in Karlsruhe mit dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen Begleitern, dem Leiter der Fahrbereitschaft Georg Wurster und dem Fahrer Wolfgang Göbel.

Am 30. Juli 1977 soll der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, in Oberursel bei Frankfurt am Main entführt werden. Das Vorhaben misslingt, Ponto wird ermordet. Am 5. September 1977 wird schließlich der Präsident der Arbeitgeberverbände, Hanns Martin Schleyer, in Köln entführt. Bei dem brutalen Überfall werden vier Menschen ermordet: der Fahrer Heinz Marsicz und die drei Polizisten des Begleitkommandos, Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler. Der jüngste von ihnen, Pieler, ist gerade erst 20 geworden.

Die Entführer fordern die Freilassung ihrer inhaftierten Genossen für das Leben von Schleyer. Doch die Bundesregierung bleibt hart; in geschickten Verhandlungen gelingt es, die Entführer Schleyers wochenlang hinzuhalten. Es geht darum, Zeit zu gewinnen, um Schleyer zu finden und zu befreien. Als die Terroristen merken, dass sie nicht weiterkommen, wenden sie sich am 25. September 1977 in Bagdad hilfesuchend an Wadi Haddad. Der "Meister des Terrors" weiß auch diesmal Rat.

Am 4. Oktober 1977 landen vier palästinensische Terroristen der PFLP auf der Urlaubsinsel Mallorca. Drei Tage später trifft ein zweites Terror-Team ein. Sie bringen die Waffen für die Entführung, zwei Pistolen osteuropäischen Fabrikats, Handgranaten sowie eine größere Menge Plastiksprengstoff. Die Terroristen passieren am 13. Oktober problemlos die laxen Sicherheitskontrollen am Flughafen von Palma de Mallorca. Sie haben einen Flug der Lufthansa gebucht, LH181 nach Frankfurt. An Bord der "Landshut" befinden sich 86 Passagiere, darunter die vier späteren Entführer, und fünf Besatzungsmitglieder.

Eine Stunde nach dem Abflug ist das Flugzeug in der Hand der Entführer. Kurz darauf fängt die Flugsicherung in Mailand einen ersten Funkspruch von Bord der entführten Maschine auf, in dem der Anführer der Terroristen "die Freilassung aller in der Bundesrepublik inhaftierten Genossen" verlangt.


Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe (Bild: dpa)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: 1972 werden die Anführer der RAF, Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, festgenommen. ]
CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz (Bild: dpa)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Das Archivbild vom 27. Februar 1975 mit dem gefangenen Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz schickte die "Bewegung 2. Juni" am 28. Februar 1975 an die Deutsche Presse-Agentur. ]
Dr. Wadi Haddid (Bild: dpa)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Undatierte Aufnahme des mutmaßlichen Führers der radikalen "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP), Dr. Wadi Haddid. ]
Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (Bild: dpa)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer unter dem Logo der Roten Armee Fraktion (RAF). Schleyer wurde am 5.9.1977 von der RAF entführt, um inhaftierte Gesinnungsgenossen freizupressen. ]

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