Kalender der Gefühle - eine Zuschauerin erzählt
Unsere Zuschauerin Kathrin Schmidt hat uns spontan ihre eigene Geschichte vom Fall der Mauer zugesandt:
"Am 9. November 1989 abends gegen 19.00 Uhr sah ich in der ARD die langen Trabbiautoschlangen. Viele Familien waren bereits sechs Stunden ohne Wasser Wärme oder Essen im Stau Rrichtung Westen und konnten nicht vor und zurück. Ich hatte das Öffnen der Mauer noch nicht ganz nachvollzogen, da informierte ich schon über die Polizei den Bundesgrenzschutz, dass wir zwar in Travemünde wohnten, jedoch viel Platz hätten. Allerdings ohne Decken und Betten. Auf erstauntes Nachfragen sagte ich, wir hätten ein Pastorat. Danach informierte ich erst einmal meine Familie. Anschließend rief ich bei 2 Familien aus der Gemeinde an und bat um Decken. Die Familienväter brachten 10 Minuten später welche und lachten mich aus. "Da kommt doch keiner. Die wollen doch nach Lübeck und nicht nach Travemünde."
Eine Stunde später klingelte es an der Tür. Eine Familie aus Schwerin hatte den Weg zu uns gefunden. Etwas verlegen sagten sie: "Wir wollten mal sehen, wie es "bei uns da drüben" aussieht." (Gängige Formel von den DDR Bürgern zum Westen, "bei uns da drüben "zu sagen.) Als ich ihnen heißen Tee anbot und sie ganz verlegen annahmen, kapierte ich, dass sie großen Hunger haben mussten, nach so langer Zeit auf der Straße. Sie waren ja alle spontan losgefahren, ohne weitere Vorbereitungen. Der Schreck darüber saß. Ich hatte nicht eingekauft fürs Wochenende. Also öffnete ich so ziemlich alle Vorrats- und Gefrierdosen, die ich hatte, und zauberte daraus einen großen Mais-Tomaten-Pilz-Thunfisch-Hackfleisch-Reis-Suppentopf, der sogar gut schmeckte, aber vor allem heiß war und etwas sättigte.
Wie gut, dass ich viel Suppe gemacht hatte: Inzwischen kamen weitere Familien. Menschen aus der Gemeinde brachten Decken und Kissen. In Windeseile sprach sich die Deckennot bei uns herum. Zwei Frauen sagten entschuldigend, sie hätten eine Party zu Hause, sonst würden ja da auch Schlafplätze sein. Eine halbe Stunde später kamen sie wieder mit zwei großen Partytablets, auf denen sich Canapees, Spargel-Schinken-Röllchen, Tomaten mit Mozarella und andere Leckereien befanden. Dazu viel Meterbrot. Mit den Worten, "das kriegen wir sowieso nicht auf", überreichten sie uns die Snacks. In der Nacht klingelte einer der Deckengeber und fragte, ob er morgens früh Brötchen von seiner Bäckereiarbeitsstelle mitbringen solle. Eine ganze Kiste Brötchen brachte er nach Arbeitsschluss mit.
Was da alles an Zwischenmenschlichem passierte, ist bis heute für mich sehr berührend. In dieser sternenklaren, sehr kalten Nacht waren inwischen 30 Menschen bei uns eingetrudelt. Alle sehr verfroren, müde, verlegen und sehr dankbar für ein Dach über dem Kopf. Der große Gemeindesaal ließ genug Schlafplätze auf dem Boden zu. Die letzten kamen um 2 Uhr in der Nacht, und schliefen auf dem Fußboden im Arbeitszimmer meines Mannes, um die anderen nicht mehr zu stören. Für alle waren Tee, Kaffee, Suppe, Brot, besagte Leckereien, Decken
und Kissen da. Am Morgen kam noch eine Kiste Spielzeug für die anwesenden Kinder, sogar zum mitnehmen. Morgens gab es für alle ein gutes Frühstück mit Bäckereibrötchen, Marmelade, Aufschnitt und Butter. Es gab viel Verlegenheit von seiten der Angekommenen, die sich aber im Laufe des Frühstücks etwas gab. Gegen 14.00 Uhr waren alle wieder gefahren.
Wir alle waren überwältigt von soviel spontaner gemeinsamer Zusammenarbeit, die durch nur drei Anrufe wie eine Welle schnell und zügig in Gang kam. Es war für alle ein eindrückliches Erlebnis, und mit allen anderen Geschehnissen lange immer wieder Thema."

