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22.05.2012

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ARD-Morgenmagazin
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Archiv: Stadt der Zukunft - Zukunft der Stadt

Sendewoche vom 26.04.2010 bis 30.04.2010

Shanghai historisch - Wohnen in einem Lilong

Auch in Shanghai, wo auf den ersten Blick fast alles einem rasanten Wandel unterworfen ist, gibt es noch Orte, an denen sich seit Jahrzehnten nicht viel verändert hat. Chinakorrespondent Jochen Graebert besucht einen Lilong. Darunter versteht man in Shanghai einen Mikrokosmos aus einem langgestreckten Hof oder einer Gasse mit umliegenden Mehrfamilienhäusern.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war diese Bauweise für viele Wohnquartiere der Stadt üblich. Gebaut wurden die Lilongs meist in einem Mischstil aus europäischer Kolonialarchitektur und chinesischen Einflüssen. Erkennbar wird das nicht selten an der Ähnlichkeit zu alten englischen Arbeiterhäuschen.

Man betritt einen solchen Lilong durch ein Tor, das sich zu einer größeren Straße öffnet. Gemessen am sonst überall vorherrschenden Lärm und Betrieb sind die Lilongs kleine Oasen der Ruhe.

Auch wenn es in Shanghai sehr angesagt ist, in den Hochhäusern der modernen Stadtviertel zu wohnen, so gibt es immer noch viele Bürger, die sich in den kleinen und oft recht chaotischen Wohnhäusern der Lilongs wohlfühlen. Vor allem ältere Menschen, die den familiären Kontakt zur Nachbarschaft schätzen, zählen dazu, aber auch junge Leute, die zu bezahlbaren Preisen in der Nähe des Stadtzentrums wohnen möchten. Denn viele Hochhaussiedlungen liegen weit draußen und das bedeutet einen weiten Weg zur Arbeit jeden Tag.

Gabriele von der Heyden, die Frau des deutschen Generalkonsuls, lebt seit zwei Jahrzehnten in China und engagiert sich für den Erhalt der Lilongs. 2003 habe glücklicherweise ein Umdenken eingesetzt, erklärt sie. Seitdem würden die Lilongs nicht mehr grundsätzlich abgerissen, sondern oft auch erhalten und renoviert. Dadurch seien auch die sanitären Verhältnisse deutlich besser geworden gegenüber früher, als sich viele Familien eine einzige Toilette teilen mussten.

Gemeinschaftsküchen sind allerdings oft nach wie vor üblich, mit Installationen, die Europäern eigenartig vorkommen: Etwa ein Spülbecken mit sechs dicht nebeneinander montierten Wasserhähnen – jede Familie hat ihren eigenen. Das Treppenhaus mit Aufputz-Leitungen, abgebröckeltem Putz und einer weiteren Gemeinschaftsküche in einem Durchgang ist wenig repräsentativ.

Eine Dachgeschosswohnung in dem Lilong, in dem das MoMa zu Gast war, kann sich allerdings sehen lassen: 100 Quadratmeter, alles gut renoviert, sehr hell, eigene Küche, eigenes Bad, möbliert mit chinesischen Antiquitäten. Hier wohnt ein deutsches Paar, das schon seit fünf Jahren in Shanghai lebt. Ihr Traum sei es schon immer gewesen, "Downtown" zu wohnen, nachdem sie mehrere Jahre im Hochhaus verbracht haben, erklärt Tobias Kegler. Er arbeitet hier als Fotograf. Fiona Kantner ist bei Bosch als interkulturelle Trainerin beschäftigt und sorgt dafür, dass es zwischen deutschen und chinesischen Mitarbeitern im alltäglichen Umgang möglichst wenige Missverständnisse gibt.

650 Euro betrage die Miete für sie, doch das sei sicher viel mehr, als Chinesen für die gleichen Räume bezahlen müssten, sagt Tobias Kegler. Der Kontakt zu den Nachbarn sei hier sehr nett, man helfe sich sehr oft gegenseitig. Doch natürlich sei die Mentalität komplett verschieden. Man dürfe sich halt nicht wundern, wenn die Nachbarn plötzlich mitten in der Wohnung stehen. Hin und wieder komme das vor, wenn man deren Anklopfen überhört habe.

Eine ganz besondere Geschichte, seine Geschichte, hat Fiepko Tammes Klug erzählt. Er lebt seit mehr als 20 Jahren in Shanghai, wohnt ganz in der Nähe des Lilongs, und hat in Chinas dynamischster Stadt sein Glück gefunden. Der ehemalige Banker gründete mit seinen Partnern die nunmehr größte Shanghaier Fotoagentur, "ImagineChina", und genießt die Stadt: Jeden Tag geht er zu Fuß eine zünftige Stunde lang von seinem Büro nach Hause. Warum? Weil er jeden Tag etwas neues entdecke, so Klug.
Häuser in Shanghai (Rechte: WDR)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Die alten Lilongs von Shanghai sind nicht immer auf dem neuesten Stand,...


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Fassaden (Rechte: WDR)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: ... aber haben dafür viel Charme und Atmosphäre.


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Mann in Küche (Rechte: WDR)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Eine Küche wie diese teilen sich nicht selten sechs Familien...


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Gaszähler (Rechte: WDR)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: ... und sie hat deshalb sechs Gaszähler...


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Wasserhähne (Rechte: WDR)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: ... sowie sechs Wasserhähne an einem Spülbecken.


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Wohnung (Rechte: WDR)Großansicht des Bildes Bildunterschrift: Tobias Kegler und Fiona Kantner wohnen in der renovierten Dachgeschosswohnung - mit eigenem Bad und eigener Küche. ]

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