DasErste.de - Springe direkt zu

Inhalt.
Hauptnavigation.
Weitere Inhalte.

22.05.2012

Neue Vahr Süd
Inhalt

Zeitreise

 

Die Gelöbnisfackelträger werden auf dem Weg zum Weserstadion von den Autonomen angegriffen (Bild: WDR/Thomas Kost) Bild vergrößern Bildunterschrift: Filmszene: Die Gelöbnisfackelträger werden auf dem Weg zum Weserstadion von den Autonomen angegriffen. ]
6. Mai 1980: Im Bremer Weserstadion soll die erste große öffentliche Vereidigung von Bundeswehrrekruten stattfinden. Gegen das feierliche Gelöbnis demonstrieren rund 10.000 Bremer – darunter junge Pazifisten, genauso wie ältere Bürger, die den Krieg noch selbst miterlebt haben. Aber auch gewaltbereite Autonome sind dabei: Es kommt zu schweren Krawallen.

Mai 2010: Die sogenannte "Schlacht am Osterdeich" jährt sich zum 30. Mal. Zufällig drehen wir genau zum Jubiläum die Szenen, in denen Frank Lehmann zwischen die Fronten der Krawalle gerät.
30 Jahre ist das jetzt her, eine ganze Generation. Es ist wieder ein Frühlingstag, ein Sonntagmorgen, an dem die Komparsen in aller Frühe zum Dreh erscheinen. Viele der jungen Leute, die sich als Komparsen beworben haben, sind die Kinder der Demonstranten und Polizisten von vor 30 Jahren. An ihrem Engagement wird deutlich, dass hier nicht irgendeine Filmszene gespielt wird, sondern es um die eigene Stadt und nicht selten um Familiengeschichten geht. Über 700 Bremer hatten sich in einem Casting beworben. Um sich in einem möglichst authentischen Kostüm zu bewerben, hat ein junger Mann sich extra bei seinem Vater informiert, was er damals zur Demo für Kleidung getragen hat.

1980 war das Jahr, in dem Hunderttausende Friedensdemonstranten gegen den Nato-Doppelbeschluss mit seiner drohenden atomaren Aufrüstung auf die Straße gingen. Und das Jahr, in dem Werder Bremen trotz Thomas Schaaf und Dieter Burdenski in die Zweite Bundesliga abstieg.

Mai 2010: Für die Außenaufnahmen von Frank Lehmanns Wohngemeinschaft im Ostertorviertel hat die Ausstattung den Ostertorsteinweg "zurückgebaut". Alles zurück auf 1980. Das Programmkino "Cinema Ostertor" hat seine alte Fassade wieder, am Sielwalleck steht eine gelbe Telefonzelle, die Graffiti der letzten 30 Jahre wurden mit schwarz-weiß kopierten Plakaten überklebt und eine alte Straßenbahn quietscht über die Gleise. Und die Anwohner, Cafébetreiber und Ladenbesitzer im Viertel unterstützen die Dreharbeiten tatkräftig, nehmen Vollsperrungen hin, stellen ihre Räume zur Verfügung, lassen ihre Auslage gemäß 1980 dekorieren. Jeder Viertelbewohner, der Erinnerungen an 1980 hat, ist hier ein Experte – Passanten und Komparsen diskutieren über die Ausstattung, Kostüme, Maske bis in die kleinsten Details. Dazu muss man das besondere Verhältnis kennen, das die Bremer zu "ihrem" Viertel haben. Denn das ist nicht zuletzt deshalb so innig, weil die Bewohner des Bremer Ostertors Mitte der 70er Jahre erfolgreich verhindert hatten, dass ihr Kiez für einen Autobahnzubringer dem Erdboden gleich gemacht wurde. Fragt man, was das Ostertor Anfang der 80er ausgemacht hat, fangen die meisten an, von der "Mischung" zu schwärmen. Der Tante-Emma-Laden und das besetzte Haus, der zugezogene Student und die alteingesessene Kapitänswitwe, der linke Buchladen und die Molkerei mit den Kühen im Hinterhof, der Kinderladen und die Frittenbude, die Kneipe und das Fischgeschäft, der alte Haushaltswarenladen und der Straßenstrich, die Punks, Rocker, Omas und Opas, Junkies und Familien.

Frank und Birgit in der WG (Bild: WDR/Thomas Kost) Bild vergrößern Bildunterschrift: Frank und Birgit in der WG ]
Frank Lehmanns Wohngemeinschaft im Ostertor ist typisch für die frühen 80er Jahre. Die Vorreiter der 68er-Bewegung haben ihre Pionierarbeit bereits geleistet, jetzt folgen all die jungen Leute aus dem kleinbürgerlichen Milieu, die ihr Elternhaus hinter sich lassen und anders leben wollen – politisch, kritisch, gemeinsam. "Alternativ" heißt das Zauberwort.
Und nicht selten wird hier der Lebensstil zur Glaubensfrage. Blümchentapete oder Raufaser? Geranien oder Yuccapalme? Gelsenkirchener Barock oder helles Fichtenholz? "Ein Herz für Kinder" oder die Anti-Atom-Sonne? Gekämmte Teppichfransen oder bunt lackierte Heizkörper? Schnauzer oder Vollbart? Zum Bund gehen oder verweigern? "Neue Vahr Süd" oder "Ostertor"? Und dann kommt einer wie Frank Lehmann, der schlicht vergessen hat, zu verweigern ...

Annette Strelow, Radio Bremen. Leiterin Unterhaltung, Fernsehfilm und Serien

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW