Rückschau – Teil 1: Adenauers Kampf um die Bombe

- Sendetermin: Mi, 03.09.2008, 23.30 Uhr
Ein Film von Thomas Fischer
Am 8. September 1955 fliegt Konrad Adenauer nach Moskau. Der Kanzler will die letzten deutschen Kriegsgefangenen heimholen und mit der Sowjetunion über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen sprechen. Aber es geht, wie Thomas Fischer in seiner Dokumentation zeigt, um mehr: In Adenauers Maschine ist eine Luftbildkamera der US Air Force versteckt, die kurz vor Moskau Aufklärungsfotos von Stellungen für neuartige Flugabwehrraketen machen soll. Das jedenfalls behauptet Dino Brugioni, der damals bei der Luftbildauswertung des US-Geheimdienstes CIA tätig war. Konrad Adenauer im Dienst der CIA? Kaum zu glauben und doch spricht viel dafür. Denn sollten die sowjetischen Lenkwaffen tatsächlich funktionieren, dann hätte sich damals eine eklatante Sicherheitslücke im US-Konzept der Abschreckung aufgetan. Die Luftbilder waren also durchaus eine Frage der nationalen Sicherheit der USA.
Adenauer war wegen der prekären sicherheitspolitischen Lage der Bundesrepublik mit militärischen Planspielen gut vertraut. Und er plante mit, ausgehend von seinem eigenen Sicherheitskonzept. Der Kanzler hielt die Sowjetunion für übermächtig und aggressiv. Von einem Angriff auf die Bundesrepublik ließe sie sich, so Adenauer, nur durch die Drohung abhalten, dass das westliche Bündnis in einem solchen Fall Atomwaffen einsetzen würde. Damit verbunden war allerdings ein sehr hohes Risiko: Sollte es wider Erwarten doch zum Ernstfall kommen, würde Deutschland zum atomaren Schlachtfeld werden.
Dieses sicherheitspolitische Kerndilemma stellt Thomas Fischer in den Mittelpunkt seiner Dokumentation. Er zeigt, wie Adenauer als militärischer Habenichts zunächst den Schulterschluss mit den USA sucht und die Stationierung amerikanischer Atomwaffen in der Bundesrepublik begrüßt. Und wie der Kanzler dann, als die Bundeswehr entsteht und die Nato nuklear aufrüstet, für die Ausrüstung auch der eigenen Truppen mit Atomwaffen kämpft – ohne am Ende sein Ziel zu erreichen. Gleichzeitig zeigt Fischer, wie die Akteure sich bemühen, durch den Bau von atombombensicheren Bunkern auch nach dem ersten atomaren "Schlagabtausch" weiter handlungsfähig zu bleiben. Ohne dass sie offen die Frage stellen, wer oder was nach einem Atomkrieg überhaupt noch regiert oder verwaltet werden kann. Eine groteske Verdrängung der Tatsache, dass die Logik der Abschreckung die Gefahr der Selbstvernichtung mit einschließt.
Bekannte Historiker wie Hans-Peter Schwarz, Bruno Thoß oder Bernd Stöver ordnen die Ereignisse in den politisch-historischen Gesamtzusammenhang ein. Aber es geht nicht nur um die große Geschichte, sondern auch um die spannenden kleinen Geschichten, die in der Dokumentation erzählt werden. Der Blick auf das alte Archivmaterial wird dabei immer wieder durchbrochen durch neugedrehte Einstellungen von den vergangenen Schauplätzen – Geschichte in einem frischen, "aktuellen" Look.
Auch wenn die Dokumentation mit kaum bekannten Fakten aufwartet, so will sie doch vor allem die Atmosphäre eines Jahrzehnts im Kalten Krieg einfangen, in dem die Stimmungslage der Akteure zwischen Angst und Aggression schwankte. In dem kein Hauptverantwortlicher ernsthaft bereit war, militärisch zurückzustecken. Und in dem viele Planer der Überzeugung waren, dass die Risikospirale der Abschreckung immer weiter gedreht werden könnte. Dass dies eine lebensgefährliche Illusion war, zeigte sich schon in der Kubakrise von 1962. Vor allem aber 1983 im Raketenpoker um die Nachrüstung, als in der Sowjetunion aus Ängsten Panik wurde, die kaum mehr beherrschbare Fehleinschätzungen und beinahe den Atomkrieg zur Folge hatte ...




