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09.02.2010

Plusminus
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Rückschau: Abgefahren

Sind BMW-Motorräder lebensgefährlich? 

 

(Foto: dpa) Bildunterschrift: Wenn die Bremse nicht mitspielt, kann es heikel werden ... ]
(© hr) Das BMW-Motorrad von Horst Kipke: Gefahren ist er damit schon seit Monaten keinen Meter mehr. Denn das Bremssystem versagt. Fünfmal schon ist es Kipke passiert. Bremsprobleme bei einer 15.000 Euro Maschine? Von der Edelmarke BMW? Kipke hatte Glück, das Kornfeld war seine letzte Rettung. Lebensgefahr auch bei Rechtsanwalt Christoph Hattig. Sein Griff ins Leere fand bei 120 auf der Autobahn statt.

Auch einen Profi-Rennfahrer hat es erwischt

Wegfall der Bremskraft, nur eines der Probleme. Wenn an den BMW’s das System aussteigt, versagt auch das vielgelobte ABS. Alleine vier Unfälle bei Sicherheitstrainings des ADAC in den letzten Wochen. Frank Rudolph stürzte schwer weil bei Bremsübungen das ABS ausfiel und das Vorderrad blockierte. Am Hockenheimring verunglückte bereits vor zwei Jahren Rennfahrer Michael Schneider. Ein Profi, er war sogar deutscher Super-Moto-Cup Sieger. Seine BMW ist nur noch Schrott.

BMW weiß seit Mitte 2004 bescheid
Wartungsfehler kann man ausschließen, denn das Motorrad war ein halbes Jahr alt, 1.500 km auf dem Tacho. Und auch bei den anderen Fällen handelt es sich um fast neue Maschinen. Das schlimmste aber: BMW ist das Bremsproblem seit langem bekannt. Das erfahren wir vom ADAC.

"Gefahr für Verkehrsteilnehmer"
"Wir haben bereits Mitte letzten Jahres Hinweise von Mitgliedern bekommen, die uns über Bremsprobleme bei BMW-Motorrädern unterrichteten. Darauf hin haben wir BMW angeschrieben. Dort sah man keinen Anlass aktiv zu werden. Wir schätzen das Problem als sicherheitsrelevant ein, besonders für Motorradfahrer. Aber auch für alle anderen Verkehrteilnehmern geht da eine Gefahr aus", sagt Ruprecht Müller, der beim ADAC als Ingenieur für Motorradtests zuständig ist.

Weniger Bremskraft und blockierende Reifen

Wir treffen den rennomierten Zweirad-Gutachter Peter Goltzsche. Er erklärt uns die Besonderheiten des Bremssystems der BMW-Maschinen. "Dieses Fahrzeug verfügt über ein ABS mit Bremskraftverstärkung. Das bedeutet: Sie ziehen die Bremse mit einem relativ geringen Kraftaufwand, haben aber eine sehr hohe Bremswirkung durch die Verstärkung. Wenn das System ausfällt, müssen Sie von einer auf die andere Sekunde umstellen. Das heißt: Sie müssen wesentlich mehr Kraft aufwenden, um die Bremsung durchzuführen. Dazu kommt noch, dass dann auch das ABS ausfällt und es somit über bremsen auch zum blockieren der Räder kommt. Und das ist schon sehr gefährlich für einen Fahrer“, sagt Peter Goltzsche.

Das Interview ließ BMW platzen

Garmisch Partenkirchen vergangener Samstag. Internationales BMW Bikermeeting. Hier will der Konzern gegenüber [plusminus eine Stellungnahme geben. Aber der vereinbarte Interviewtermin platzt. BMW sagt nach einer Krisensitzung wenige Stunden vorher ab. Begründung: Das Bremsproblem sei zu komplex!

Warnmeldung an die Vertriebskette
Aber die [plusminus-Recherchen führten vergangene Woche zu einer Warnmeldung an alle Händler, die man auch uns offiziell zukommen ließ. Bezogen auf die vier Unfälle beim Sicherheitstraining heißt es: "In der Kombination von geschwächter Batterie und mehrfacher Notbremsübung kann das I-ABS an seine technischen Grenzen gebracht werden. Ein Blockieren der Räder kann dann nicht mehr ausgeschlossen werden."

Kein Rückruf, keine Änderung am System

Daher warnt BMW ausdrücklich: "Die Zahl der kurz hintereinander durchgeführten Übungen zu Notbremsungen auf fünf Zyklen zu begrenzen.“ Im normalen Straßenverkehr könne dieses Problem nicht auftreten, beteuert BMW. Für einen Rückruf der weltweit 250.000 betroffenen Motorräder sieht BMW keinen Anlass, auch Veränderungen an der Technik soll es nicht geben.

"Kann auch im Straßenverkehr vorkommen"
Gutachter Goltzsche kann es kaum fassen. Seiner Ansicht nach versucht sich BMW mit der Einschränkung des Bremsproblems vor der Verantwortung für seine Kunden zu drücken. "Ich glaube, dass das Problem viel größer ist, als in der Stellungnahme beschrieben. Man kann die Ausfälle des Bremssystems nicht auf Fahrsicherheitstrainings beschränken. Die Situationen, wo eine Unterspannung im System auftritt und dadurch bedingt der Bremskraftverstärker und das ABS ausfallen, können auch im ganz normalen Straßenverkehr passieren", sagt Gutachter Peter Goltzsche.

"Mit dem Alter steigen die Ausfälle"

Ruprecht Müller vom ADAC geht davon aus, dass die Probleme mit dem ansteigenden Alter der Maschinen verstärkt auftreten werden. "In erster Linie ist es jetzt wichtig, dass alle Kunden informiert werden, dass dieses Problem bei mehreren starken Bremsungen auftauchen kann. Desweiteren ist natürlich das System so zu verbessern, dass es diese Schwächen nicht mehr gibt", so Ruprecht Müller vom ADAC.

Viele Händler sind ahnungslos

[plusminus war Ende vergangener Woche unterwegs mit versteckter Kamera. BMW versichert uns alle Händler sind informiert, seit knapp einer Woche ist die Warnung raus. Wir fragen nach bei Vertragshändlern, geben uns als Kunden aus: Wissen sie etwas von einer Warnung vor Sicherheitstrainings?

Ein Gespräch

Händler: "Nein, Sie können ganz normal bremsen. Ein Sicherheitstraining können sie ganz normal machen."
[plusminus: "Ohne Probleme?"
Händler: "Ohne Probleme, da gibt’s keine."
[plusminus: "So viele Bremsungen wie man will?"
Händler: "Sie können so viele Bremsungen machen wie sie wollen. Wenn ich draußen fahre, da müsste ich ja dann abzählen. Einmal, zweimal, dreimal, das ist völliger Quatsch. Dann dürfte ich gar kein Motorrad mehr fahren."

Warnung: Fehlanzeige!
Beim nächsten Vertragshändler gehen wir bis in die Werkstatt:
Händler 1: "Sag mal weißt Du irgendwas von einer Warnung?"
Händler 2: "Nein da weiß ich nichts."
[plusminus: "Also es gibt nichts von BMW Sicherheitstrainings?"
Händler 1: "Gar nichts, Sicherheitstrainings von BMW gibt’s ja weiterhin."

Hilfe: Fehlanzeige!
Nur einer von vier getesteten Händlern wusste bescheid, mit unseren Sorgen wurden wir aber alleine gelassen.

Händler: "Wenden Sie sich an BMW in München, solange das Problem nicht abgehandelt ist."
[plusminus: "Also da muss ich nicht beunruhigt sein?"
Händler: "Was sollen Sie denn da beunruhigen?"

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

So geht BMW also mit sicherheitsrelevanten Themen um. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Gefährdung des Straßenverkehrs, und auch das Kraftfahrtbundesamt hat Untersuchungen aufgenommen. Eingefleischte BMW-Fans wie Horst Kipke hätten ein solches Verhalten von ihrer "Lieblinsmarke" nie erwartet. Der 65-Jährige ist wie viele andere bitter enttäuscht.

Technischer Hintergrund

BMW ist der Vorreiter für ABS bei Motorrädern. Seit 2001 werden die Topmaschinen zusätzlich mit einem Bremskraftverstärker angeboten. Nach übereinstimmenden Meldungen von betroffenen BMW-Fahrern scheint diese Bremsunterstützung in entscheidenden Momenten ihren Dienst zu versagen.

Mit der Restbremskraft sind die zum Teil sehr schweren Motorräder nur mit großer Kraftaufwendung an der Handbremse und nach einem wesentlich längeren Bremsweg zum Stehen zu bekommen. Betroffen sind Maschinen ab dem Baujahr 2001 mit Integralbremssystem und Bremskraftverstärker. Die Höchstgeschwindigkeiten reichen bis 260 km/h. Über vergleichbare Probleme mit dem ABS an früheren Maschinen ist nichts bekannt.

Modelle die vor 2001 auf den Markt kamen und Modelle der Baureihe F 650 sind nicht betroffen.

Tipp: [plusminus und der ADAC raten

1. Vermeiden Sie auf einander folgende "Gewaltbremsungen".

2. Suchen Sie umgehend eine Fachwerkstatt auf, wenn im Display Hinweise erscheinen oder sich aus dem Verhalten der Maschine bei Bremsungen Hinweise auf Brems-Probleme ergeben.

3. Vernachlässigen Sie nicht die Wartung des Bremssystems und der elektrischen Anlage.

Autor: Sven Herold

Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 05.07.2005 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
Di, 05.07.05 | 21:55 Uhr

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