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23.02.2012

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Rückschau: Dämmwahn

Nicht immer macht Energiesparen Sinn 

 

Wärmebild von Wohnhaus (Quelle: SWR/Colourbox) Bildunterschrift: Wo geht Wärme verloren? ]
(© SWR) Bund und Länder wollen mit großen Förderprogrammen das Energiesparen bei Altbauten voranbringen. Manche Maßnahmen - zum Beispiel beim Dämmen – machen aber weder finanziell noch ökologisch Sinn.

Altbausanierung überall

Deutschland packt seine Altbauten ein: Fassaden und Dächer werden gedämmt, neue Fenster eingebaut, effiziente Heizungen installiert. Für Handwerker und Hersteller ein gutes Geschäft, für Eigentümer erst einmal hohe Kosten.

Unerwünschte Nebenwirkung: Algen

Wir sind unterwegs mit Gernot Henrich vom Institut für angewandte Bauwerksdiagnostik.
Der Bau-Sachverständige zeigt uns die Schattenseiten der Außendämmung an der Fassade eines Mehrfamilienhauses.
Algen! Durch die Isolierung der Hauswände mit dicken Dämmplatten finden sie hier gute Bedingungen.
Bei den hochgedämmten Fassaden wird der Wärmestrom abgebremst und erreicht den Putz nicht mehr. Der Putz wird sehr viel kälter als bei einer herkömmlichen Fassade, auf dem kalten Putz schlägt sich, ähnlich wie auf einem kalten Auto, Feuchtigkeit nieder. In Verbindung mit dem Staub, der sich darauf ablagert, entsteht ein Nährboden für Algen.
Dort wo die Dämmplatten mit Plastikdübeln befestigt sind, wird die Wärme besser geleitet. An allen anderen Stellen wachsen munter Algen.

Gegenmittel: Umweltschädliche Biozide

Die Baustoffindustrie kennt diese Probleme schon lange. Deshalb mischt sie Biozide in Farben und Putze. Die sollen Algenwachstum verhindern. Doch um wirken zu können, müssen die giftigen Stoffe wasserlöslich sein. Folge: Durch Regen wird das Biozid ausgewaschen und gelangt so in den Boden und in angrenzende Gewässer. So geht Klimaschutz zu Lasten der Umwelt.
Und meist kommen die Algen wieder und siedeln sich nach einigen Jahren erneut auf der gedämmten Fassade an. Auf Dauer können sie Putz und Dämmung zerstören. Für Eigentümer entstehen so immer neue Kosten.

Hohe Einspar-Versprechen

Während Fachverbände, Hersteller und Handwerker solche Probleme verschweigen, überbieten sie sich mit Einspar-Versprechungen: 40, 50, ja bis zu 85 Prozent weniger Heizkosten - allein durch Dämmung der Außenwände. Damit finanzieren sich die hohen Investitionen innerhalb kurzer Zeit.

Lohnend nach 30 Jahren?

Aber stimmt das? Wie viel Energie wird tatsächlich eingespart? Und wann rechnet sich das Dämmen?
Die Energieberatungsgesellschaft co2online hat bei mehr als 20.000 sanierten sowie unsanierten Ein- und Zweifamilienhäusern
die Heizkosten miteinander verglichen.
Das Ergebnis überrascht: Die Dämmung der Hausfassade kostet im Schnitt rund 17.000 €. Nach der Sanierung werden in der Praxis statt der von einzelnen Anbietern angepriesenen 85 Prozent lediglich 15 Prozent Energie eingespart. Bei durchschnittlich steigenden Heizkosten rechnet sich die Investition erst nach knapp 30 Jahren.
Auch bei anderen Maßnahmen ist das ähnlich: Beispiel neue Fenster: Statt 20 Prozent Energieeinsparung sind es im Schnitt nur magere 4 Prozent. Eine solche Investition rechnet sich nur selten.
Eine neue Heizungsanlage soll bis zu 30 Prozent Energie sparen. In der Praxis sind es laut Untersuchung nur 13 Prozent. Die versprochenen hohen Einsparungen werden also fast nie erreicht.

Kalkulation mit dem Idealfall

Wir konfrontieren den Gesamtverband Dämmstoffindustrie mit den Zahlen zur Außendämmung. Die Unterschiede sieht man gelassen. Im Idealfall seien die hohen Einsparungen durchaus machbar.
Christian Bruch, Gesamtverband Dämmstoffindustrie, rechnet mit 85 Prozent Ersparnis, wenn ein bestehendes Gebäude auf Passivhausstandard gedämmt werde.
Mit Außendämmung allein ist das aber wohl nicht zu schaffen.

Zu dicke Dämm-Platten vorgeschrieben

Bauphysiker Gernot Henrich kritisiert zudem, es sei wirtschaftlich unsinnig, die Fassade mit extrem dicken Dämmplatten einzupacken.
Berechnungen zeigten regelmäßig, dass die optimale Dämmstoffstärke im Wohnungsbau beispielsweise bei 10 bis 12 Zentimeter liege. Alles was darüber hinaus an Dämmung eingebaut wird, spare quasi zusätzlich kaum noch Energie ein. Das werde von der Dämmstoffindustrie nicht propagiert. Über die Politik werde veranlasst, möglichst dicke Dämmstoffstärken in den Vorschriften zu verankern, wie auch in der neuesten Energiesparverordnung.
Heißt: Den Eigentümern werden durch die Verordnungen teilweise überzogene Auflagen gemacht.

Müllproblem der Zukunft?

An der Fachhochschule Hildesheim treffen wir Prof. Jens Fehrenberg. Der Architekt ist überzeugt, dass durch die Dämm-Maßnahmen heute ein Riesen-Müllproblem in der Zukunft entsteht.
Er geht von einer Lebensdauer der Systeme von 40 Jahren aus. Ein solches System hat Klebstoff und eingespachteltes Gewebe. Es ist also ein Mischmüll. Die Kubikmeter Material, die in Deutschland schon verklebt worden sind, könnten niemals deponiert werden, so der Architekt. Schon heute kleben hierzulande etwa 800 Millionen Quadratmeter Dämmplatten.

Sanierung genau abstimmen

Der Experte rät Hauseigentümern, nicht nur auf die Außendämmung zu schauen, sondern das Haus als Gesamtsystem zu verstehen und genau zielgerichtet dort etwas zu unternehmen, wo Wärme abfließt und sich tatsächlich Einsparungen erzielen lassen.

Fazit: Altbausanierung ist wichtig. Doch nur, wenn die Maßnahmen genau auf das Gebäude abgestimmt und ehrlich durchgerechnet sind, profitieren Hauseigentümer und Umwelt davon.

PLUSMINUS-Tipp: Energiesparen - Sanieren mit Augenmaß
Wie Sie am besten Ihre Energiesparmaßnahmen vorbereiten

Adressen & Links

Energieberatung der Verbraucherzentralen
www.verbraucherzentrale-energieberatung.de

BINE Informationsdienst - Förderungen im Überblick
www.energiefoerderung.info

co2online.de Internetseite der Energieberatungsgesellschaft
mit zahlreichen Projekten und Tipps zum Energiesparen
www.co2online.de

Klima sucht Schutz
Klimaschutzkampagne gefördert vom Bundesumweltministerium
www.klima-sucht-schutz.de

Bund der Energieverbraucher
www.energieverbraucher.de

Literatur

Wärmedämmung
Ratgeber, Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), 2009, 192 Seiten, 9,90 Euro zzgl. Versand
www.ratgeber-verbraucherzentrale.de/UNIQ132196499807445/
SES21388740/waermedaemmung


Gebäude modernisieren - Energie sparen
Ratgeber, Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), 2009, 304 Seiten, 12,90 Euro zzgl. Versand
www.ratgeber-verbraucherzentrale.de/UNIQ132196501707445/
SES21388740/gebaeude_modernisieren___energie_sparen


Heizung und Warmwasser
Ratgeber, Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), 2009, 160 Seiten, 9,90 Euro zzgl. Versand
www.ratgeber-verbraucherzentrale.de/UNIQ132196505307944/
SES21388740/heizung_und_warmwasser


Finanztest Spezial Eigenheim
Stiftung Warentest/Finanztest, 2010, 128 Seiten, 5,- Euro zzgl. Versand
www.test.de/shop/bauen-finanzieren/
finanztest-spezial-eigenheim-fs0047000/

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 23.11.2011. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
Mi, 23.11.11 | 21:45 Uhr

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