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Erdgas wird über weite Strecken durch Pipelines befördert.
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(© WDR) von Michael Houben
Durch die Wirtschaftskrise stürzte der Ölpreis vor einem Jahr dramatisch ab. Der Gaspreis folgte mit den üblichen sechs Monaten Verspätung, denn der Gaspreis in Deutschland ist seit eh und je an den Ölpreis gekoppelt. In diesem Jahr ist der Preis für Rohöl aber kontinuierlich wieder gestiegen und liegt inzwischen wieder rund doppelt so hoch wie noch vor einem Jahr. Da wundert sich kaum ein Erdgaskunde, wenn nun landauf landab die Gasversorger auch steigende Erdgaspreise ankündigen. Merkwürdig aber ist: An der Leipziger Energiebörse sind die Erdgaspreise noch immer im Keller. Wer dort als Industriekunde oder als Stadtwerk für nächstes Jahr Erdgas kauft, zahlt weniger als etwa für Lieferungen in 2009.
Heiko Lohmann, ein unabhängiger Energieexperte verfolgt im Auftrag des Branchendienstes Energate seit vielen Jahren die Preisnotierungen an den internationalen Handelsplätzen wie in Leipzig. „Wenn Sie sehen, wie sich die Preise entwickelt haben, ist das ein dramatischer Preisverfall, verglichen mit dem Beginn des Jahres. Wenn Sie auf der anderen Seite sehen, dass die Ölpreise von 40 Dollar pro Barrel auf 80 Dollar pro Barrel gestiegen sind, dann sehen Sie, dass eine massive Veränderung am Gasmarkt stattgefunden hat und die alte Regel, dass die Gaspreise den Ölpreisen folgen, derzeit zumindest so nicht mehr gilt.“
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Auch in den USA wird inzwischen Erdgas gefördert.
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Die Ursache für den Preissturz beim Erdgas liegt nicht allein in der Wirtschaftskrise. Zwar ist die Gasnachfrage gerade bei Industriekunden in diesem Jahr dramatisch eingebrochen. Doch das erklärt noch nicht, warum der Gaspreis sich an den internationalen Märkten so vollkommen anders entwickelt hat, als der Ölpreis.
Der eigentliche Grund dafür liegt in Amerika. Auch dort steigt die Bedeutung von Erdgas als Energieträger. Also begann man, vorhandene eigene Erdgasreserven verstärkt zu fördern – mit ungeahntem Erfolg. Denn in den USA lagern große Mengen Gas nicht in großen unterirdischen Blasen, sondern in porösem Gestein. Dieses Gas konnte bislang nicht gefördert werden. Ein technologischer Durchbruch führt jetzt jedoch dazu, dass auch dieses sogenannte unkonventionelle Gas zu marktfähigen Preisen gefördert werden kann. Seit etwa einem Jahr werden die neuen Fördergebiete nun nach und nach erschlossen, und die USA, die auf dem Weltmarkt bisher als Importeur auftraten, können sich plötzlich selbst mit Erdgas versorgen, teilweise gar zum Exporteur werden. Das beeinflusst auch den europäischen Erdgasmarkt.
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Ab einer Entfernung von 3.000 Kilometern ist der Transport per Schiff wirtschaftlicher.
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Auch wenn die großen deutschen Gasimporteure seit Jahrzehnten auf den Import per Pipeline setzen: Der Rest der Welt forcierte in den vergangenen Jahren den Erdgastransport per Tankschiff. Gas kann direkt an der Quelle durch starke Abkühlung verflüssigt werden. Sein Volumen schrumpft dabei auf ein Sechshundertstel. Dieses Gas heißt dann Liquified Natural Gas, kurz LNG. Und ein einzelnes LNG-Tankschiff kann so viel Erdgas transportieren, wie eine Kleinstadt mit 60.000 Einwohnern in einem Jahr verbraucht. Ab einer Entfernung von 3.000 Kilometern ist das sogar wirtschaftlicher als der Transport per Pipeline. Und weltweit gibt es – vom Eismeer im hohen Norden, bis zu den nordafrikanischen Küsten und arabischen Ländern wie Quatar – eine große Zahl von Erdgasfeldern, deren Gas nun per Tankschiff in die Welt verschickt wird.
Vor allem Japan und die USA hatten sich durch den Bau entsprechender Terminals auf den Import von verflüssigtem Erdgas eingerichtet. Doch wegen der veränderten Situation in den USA und der dort rapide verfallenen Erdgaspreise werden die Tankschiffe nun umgeleitet. Auch in Europa existieren Häfen mit Terminals, an denen LNG angeliefert werden kann, vor allem in England, den Benelux-Staaten und den Mittelmeeranrainern. Und während diese LNG-Terminals noch vor einem halben Jahr nur spärlich ausgelastet waren, stehen hier nun die Tanker Schlange. Die Folge: Der Großhandelspreis ist eingebrochen.
Dass dadurch die Situation auf dem Erdgasmarkt grundlegend verändert wird, bestätigt auch die in Paris ansässige Internationale Energieagentur IEA. Deren Chef-Analyst Fatih Birol erklärt im plusminus-Interview: „Wir haben künftig ein Überangebot an Gas in der Größenordnung von 200 Milliarden Kubikmeter pro Jahr bis zum Jahr 2015. Das ist dreimal mehr Überangebot, als wir etwa im Jahr 2007 hatten. Das gibt uns die Chance, die Koppelung an den Ölpreis zu brechen. Denn es gibt einen Druck zur Preissenkung beim Gas und es wird eine Trennung geben zwischen den aktuellen Gaspreisen im Markt und den Preisen aus ölpreisgebundenen Verträgen. Das gibt den gasverbrauchenden Ländern die Chance, die Preisbindung zumindest zu lockern.“
Warum aber erhöhen in einer derartigen Situation viele Anbieter in Deutschland trotzdem die Gaspreise? E.on Ruhrgas, Wingas, aber auch RWE Thyssengas, die den Löwenanteil des in Deutschland verbrauchten Gases importieren, haben ihre Lieferverträge zum größten Teil mit Ölpreisbindung abgeschlossen. Um den Preissturz am Weltmarkt an ihre Kunden weiterzugeben, müssten die Importeure nun mit ihren (vor allem russischen) Lieferanten neue Verträge aushandeln, in denen der Preis für die Lieferung sich stärker am internationalen Marktpreis orientiert. Doch die Bereitschaft dazu scheint gering. Vielleicht auch deswegen, weil zum Beispiel E.on-Ruhrgas direkt am russischen Gasproduzenten Gazprom beteiligt ist und mittlerweile zudem eigene Erdgasförderlizenzen in Russland besitzt. Oder weil Wingas zur Hälfte dem russischen Gaslieferanten Gazprom gehört.
Bei E.on ist nach eigenen Angaben „in den Langfristverträgen mehr als 90 Prozent ölindexiert. Mittelfristig werden vielleicht 10 bis 20 Prozent der Mengen spotindexiert abgewickelt.“ Das heißt, der Konzern will die Ölpreisbindung also auch künftig weitgehend beibehalten. Aber warum? „Die Koppelung gibt die Sicherheit, dass im Pipelinegasgeschäft nicht einer einseitig Marktmacht ausübt und der andere darunter zu leiden hat“, lautet die Antwort von E.on. Und: „Eine Indexierung grundsätzlich aufzugeben, würden wir für sehr gefährlich halten. Wir plädieren eindeutig für die Beibehaltung der Ölpreisbindung.“ Dafür haben die Importeure nach Einschätzung des Analysten Heiko Lohmann auch gute Gründe: „ Weil es relativ gut kalkulierbare Margen gibt und die Margen bei hohen Ölpreisen tendenziell besser sind als bei niedrigen Ölpreisen, ist es natürlich auch von der Gewinnspanne her ein deutlich sichereres Geschäft als ein handelsorientiertes Geschäft.“
Auch die kleineren Stadtwerke können sich seit einigen Jahren von den großen Importeuren unabhängig machen und selbst an den internationalen Energiebörsen Gas einkaufen und dadurch von den zurzeit historisch niedrigen Großhandelspreisen für Erdgas profitieren. Dennoch heben viele zu Jahresbeginn die Preise an. plusminus befragte eine Reihe von Stadtwerken, die demnächst ihre Gaspreise anheben und erhielt rundweg dieselbe Antwort wie vom Kölner Versorger Rheinenergie: „Zur sicheren Belieferung aller Kunden ist ein längerfristiger Einkauf erforderlich. … (Dabei) ist die Ölpreisentwicklung nach wie vor die Hauptbestimmungsgröße unserer Beschaffungskosten.“
Für Analyst Heiko Lohmann ist das eine eher konservative Strategie, „nämlich Vollversorgungsverträge abzuschließen mit an Öl gebundenen Beschaffungspreisen“. Es gebe aber auch Stadtwerke, „die deutlich innovativer sind, ihre Beschaffungsstrategie geändert haben und deutlich stärker auf den Markt als Beschaffungsinstrument setzen“, so Lohmann. Diese Anbieter haben nun einen Vorteil und können ihren Kunden zum Jahresanfang 2010 sogar weiter sinkende Gaspreise bieten.
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So viel lässt sich bei einem Wechsel im Jahr sparen ...
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Immerhin: Endkunden können sich also gegen steigende Gaspreise wehren. Seit rund zwei Jahren gibt es die Möglichkeit, auch für Gas den Anbieter zu wechseln. Bisher war das allerdings für Endkunden nur selten attraktiv. Die meisten alternativen Anbieter orientierten ihre Endkundenpreise an denen des örtlichen Versorgers, boten nur wenige Prozent Preisvorteil. Dadurch war der Anreiz, den Lieferanten zu wechseln vergleichsweise gering. Mittlerweile sind jedoch Anbieter auf dem Markt, die ihre eigenen Gasmengen mit großem Preisvorteil auf dem freien Markt kaufen – und diesen Preisvorteil an die Endkunden weitergeben.
So kann es sich mittlerweile wirklich lohnen, den Anbieter zu wechseln. plusminus hat das für einige Städte überprüft. Selbst wenn man dabei problematische Vertragskonditionen wie Vorkasse oder langfristige Vertragsbindungen meidet, ist eine Ersparnis von teilweise mehr als 20 Prozent möglich. So verlangen die örtlichen Versorger in Ulm, Kassel, Köln, Hannover und Chemnitz selbst in ihrem jeweils billigsten Tarif für den Jahresverbrauch eines Einfamilienhauses (rund 20.000 Kilowattstunden) zwischen 1.226 und 1.317 Euro. In jeder dieser Städte gibt es mittlerweile Alternativangebote die zwischen 195 und 236 Euro niedriger liegen. Die größte Ersparnis ist in Leipzig möglich, wo die örtlichen Stadtwerke für die benannte Menge Gas 1.606 Euro verlangen – und von einem alternativen Anbieter um mehr als 400 Euro unterboten werden.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 24.11.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.