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20.03.2010

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Rückschau: Energiewende

Kohlekraftwerke - nein danke 

Autorin: Alexa Höber 

Blick über Rapsfelder auf Windräder des Städtchens Dardesheim, Foto: Matthias Bein, dpa-Report Bild vergrößern Bildunterschrift: Blick über Rapsfelder auf Windräder des Städtchens Dardesheim ]
(© NDR) Die Kleinstadt Dardesheim in Sachsen-Anhalt ist ihrer Zeit immer etwas voraus. Schon heute produziert ein riesiger Windpark vierzigmal mehr Strom, als die Stadt braucht, berichtet Thomas Radach. Er ist der technische Leiter des Windparks Druiberg und hat schon das nächste Ziel vor Augen: Die gesamte Harz-Region soll in Zukunft mit erneuerbarer Energie versorgt werden.

Anpassung der Stromnachfrage

In Dardesheim dreht man die Logik der bisherigen Stromversorgung um. Die Stromnachfrage soll an das Angebot angepasst werden. Dabei werden in Zukunft programmierbare Haushaltsgeräte helfen. Mit intelligenten Stromzählern wird erfasst, wann besonders viel Strom im Netz vorhanden ist. Dann werden zum Beispiel die Wasch- oder Spülmaschine automatisch gestartet. So hilft der Verbraucher die Netze gleichmäßig und effektiv zu nutzen und spart dabei auch noch Geld. Denn wenn er Strom nicht zu den Spitzenzeiten abnimmt, erhält er ihn besonders günstig, erklärt Martin Jahn, einer der Mitarbeiter des Pilotprojekts "Regenerative Modellregion Harz".

Ein weiterer Baustein für die Wende in der Energieversorgung: Elektroautos könnten in Zukunft wie ein riesiger Energiespeicher genutzt werden. Wird gerade besonders viel Wind- oder Solarstrom produziert, laden sie ihre Batterien auf. Fehlt Strom im Netz, geben die Elektroautos nicht benötigte Energie wieder ins Netz zurück. Navigationsgeräte werden so programmiert, dass immer genügend Strom für die nächste Fahrt vorhanden ist.

Das regenerative Kombikraftwerk

Am Fraunhofer Institut in Kassel ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer sauberen Energieversorgung gelungen. Forscher haben Windparks, Biogasanlagen, Solaranlagen und Wasserpumpkraftwerke virtuell so miteinander verbunden, dass immer ausreichend saubere Energie erzeugt wird. Genau das konnte bis jetzt, wenn nur eine regenerative Quelle genutzt wird, nicht gewährleistet werden. Erst die intelligente Kombination macht die ständige Verfügbarkeit erneuerbarer Energie möglich, auch wenn gerade Windstille herrscht oder Wolken die Sonne verdecken. Was in der Simulation gelungen ist, soll jetzt in Dardesheim Realität werden. Aus Windpark, Solaranlagen, Biogasanlagen und einem Wasserpumpkraftwerk entsteht ein sogenanntes Kombikraftwerk. Das könnte die Energiewende einläuten und fossile Kraftwerke überflüssig machen.

Verpasste Energiewende

Beispielbild Kohlekraftwerk, Foto: Michael Urban/ddp Bild vergrößern Bildunterschrift: Beispielbild Kohlekraftwerk ]
Doch die großen Energieversorger halten an der schmutzigen Stromerzeugung fest. Mehr als 20 neue Kohlekraftwerke befinden sich im Bau oder in der Planung. Sie würden jährlich Millionen Tonnen CO2 produzieren. Man müsste den Bau von Kohlekraftwerken verbieten, findet Olav Hohmeyer. Er ist Professor für Energie- und Umweltmanagement an der Universität in Flensburg, war Mitglied im Weltklimarat, erhielt den Friedensnobelpreis und berät als Sachverständiger für Umweltfragen die Bundesregierung. Der geplante Neubau so vieler Kohlekraftwerke gefährde den Klimaschutz. Deshalb sei die Regierung gefordert, so Prof. Hohmeyer, denn Kohlekraftwerke liefen 50 Jahre lang. Heutige Investitionsentscheidungen beeinflussen also den CO2-Ausstoß der nächsten Jahrzehnte.

Steinkohlekraftwerk Lubmin

Vor Kurzem sah es noch so aus, als würde in Mecklenburg-Vorpommern, einem Land mit viel Wind und reichlich Sonnenschein, einer Energiewende entgegengesteuert: Am Greifswalder Bodden in Lubmin war der Bau eines riesigen Steinkohlekraftwerks geplant. Nach Einschätzung von Prof. Olav Hohmeyer wäre das eine Fehlinvestition gewesen. Die neuen, intelligenten Energiesysteme benötigten Kraftwerke, die schnell hoch- beziehungsweise heruntergefahren werden können, um das Angebot an erneuerbaren Energien sinnvoll zu ergänzen. Doch große Steinkohlekraftwerke seien dazu nicht in der Lage. Prof. Hohmeyer bezeichnet sie als "Dinosaurier" der Elektrizitätszeit.

Dänischer Staatskonzern als Investor

Bauen wollte das Steinkohlekraftwerk in Lubmin der dänische Staatskonzern Dong Energy. Er ist offizieller Partner des Kopenhagener Klimagipfels und bemüht sich zu Hause um ein grünes Image. Und der Konzern hat eine ehrgeizige Strategie. Die CO2-freisetzende Energieerzeugung soll von derzeit 85 Prozent auf 15 Prozent reduziert werden. Um das zu erreichen, werden dänische Steinkohlekraftwerke umgerüstet oder still gelegt, erklärt Peter Gedbjerg, der Leiter des Projekts in Lubmin gewesen ist. In Dänemark will man also weg von der Kohle. Dort ist dem Konzern das Öko-Image wichtig. Im Norden Deutschlands plante es aber ein Kohlekraftwerk, das mehr CO2 ausstößt als das ganze übrige Land Mecklenburg-Vorpommern.

Falsche Versprechen

Der Konzern baue "schwarz" und rede "grün", so das Fazit von Preben Maegaard, Mitglied im Weltrat für erneuerbare Energien. Er beschäftigt sich in Dänemark seit Jahrzehnten mit den Möglichkeiten einer sauberen, dezentralen Stromversorgung. Er konnte kaum glauben, dass der dänische Staatskonzern Dong Energy in Deutschland tatsächlich den Neubau eines riesigen Steinkohlekraftwerks geplant hatte. Erst am vergangenen Freitag wurde bekannt, dass das Unternehmen seinen Plan zum Bau des Steinkohlekraftwerkes aufgegeben hat. " Der Aufsichtsrat habe einen Schlussstrich gezogen, weil er nicht mehr davon überzeugt war, dass das Projekt den erforderlichen Rückhalt der Landesregierung in Schwerin genieße", berichtet NDR Online.

Dezentrale Energieproduzenten

In Dardesheim wurde die Energiewende schon vor 16 Jahren eingeläutet: Mit dem Bau des ersten Windrads. Jetzt könnte bald der gesamte Harz mit sauberem Strom versorgt werden. Thomas Radach ist stolz auf diese Entwicklung und er weiß, dass in vielen anderen Regionen an ähnlichen Projekten gearbeitet wird.

Klimaschutzziele

Das Ziel der Koalitionsparteien ist klar: Die Reduktion der Treibhausgase um 40 Prozent bis 2020. Doch um das zu erreichen, muss die Regierung den Neubau von Kohlekraftwerken verhindern und dafür sorgen, dass es in Deutschland ganz viele Orte wie Dardesheim geben kann.

Adressen & Links

Projekt: Modellregion Harz

Windpark in Dardesheim

E-Energy - Informationsportal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie
Informationen zu deutschen Modellregionen mit intelligenter Stromversorgung

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 15.12.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
Di, 15.12.09 | 21:50 Uhr

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