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Kein Rezept für teure Medikamente
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(© SWR) Wenn Sie Kassenpatient sind, haben Sie vielleicht auch schon mal festgestellt: Das Ende eines Quartals ist eher keine so gute Zeit, um zum Arzt zu gehen - vor allem dann nicht, wenn man ein Rezept benötigt. Denn aus Angst, ihr Budget zu überschreiten, verschreiben viele Ärzte Medikamente oder Physiotherapie zum Quartalsende nur zögerlich. Nun ist Sparsamkeit ja nichts Schlechtes, aber inzwischen gibt es Auswüchse, die kaum zu fassen sind.
Zwölf Stunden täglich hängt der kleine Nick an Infusionsschläuchen. Schon das ist für seine Eltern ein kleines Wunder. Wochenlang mussten die Gürtlers nach seiner Geburt um sein Leben bangen. Dabei schien ihr Sohn zunächst völlig gesund.
Schließlich stellte sich heraus: Sein Dünndarm ist verdreht. Ein Großteils des Darms wurde ihm entfernt. Rund 15 Operationen hat Nick inzwischen hinter sich und die Ärzte zweifelten zeitweise an seinen Überlebenschancen.
Sieben Monate verbrachte Nick im Krankenhaus. Bis heute muss er künstlich ernährt werden. Täglich braucht er seine Infusionen. Infusionen, die viel Geld kosten. Und damit beginnt eine Odyssee, mit der seine Eltern nie gerechnet hätten. Als 53 Rezepte benötigt wurden, ließ die Kinderärztin ausrichten, dass Nick zu teuer sei, ihr Budget sprenge und sie keine Rezepte mehr ausstelle, berichten die Eltern.
Erst nach mehreren Absagen, finden sie schließlich eine Ärztin, die bereit ist, Nick zu behandeln. Der Kampf um die Medikamente für ihr Kind aber geht weiter. Denn auch diese Ärztin fürchtet, dass der neue Patient ihr Budget sprengt.
Wie kann es sein, dass schwerkranke Patienten vom Arzt abgelehnt werden? Wir fragen nach bei der zuständigen kassenärztlichen Vereinigung und erfahren, dass viele Ärzte Regreßforderungen der Krankenkasse befürchten. Damit sollen die Mediziner diszipliniert werden. Die Versorgung soll ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein wird gefordert.
In Zaberfeld in der Nähe von Heilbronn arbeitet Odilo Schnabel seit rund 20 Jahren als Hausarzt. Wegen seiner vielen Verschreibungen gilt er als einer der teuersten Ärzte Baden-Württembergs. Etliche seiner Patienten leiden unter mehreren Krankheiten, nehmen viele Medikamente, wie das Ehepaar Vogel. Wenn er bei Frau Vogel aufs Budget schauen würde, dann müsste er sie zu anderen Ärzten schicken. So erhält sie ihren Vierteljahresbedarf an Medikamenten aus einer Hand und muss sie nicht bei vielen Ärzten einsammeln. Das wäre für sie besonders schwierig, weil sie auf dem Land wohnt und für die Arztbesuche in die Stadt fahren müsste.
Die Wege zu Fachärzten sind so weit, dass viele seiner Patienten sie kaum schaffen würden. Deshalb stellt Odilo Schnabel die Rezepte aus.
Die Prüfstelle wirft ihm vor: Sein Verordnungsverhalten sei nicht wirtschaftlich. Mittlerweile hat er Regressforderungen aus fünf Jahren. Er soll aus seinem Privatvermögen mehr als 400.000,- Euro zahlen.
Je nach Fachrichtung haben die Ärzte für jeden Patienten einen bestimmten Betrag für Medikamentenverordnungen. Die Höhe isr je nach Bundesland unterschiedlich. Liegen die Ärzte deutlich darüber, müssen sie die Mehrkosten tragen.
Rechtsanwalt Michael Wüstefeld vertritt rund 500 Ärzte - auch Odilo Schnabel. Er kritisiert den Vergleich mit Durchschnittswerten.
Und: Die Regressangst macht Ärzte erfinderisch. Um Rezepte zu vermeiden, werden Patienten an Fachärzte überwiesen. Oder: Es werden Patienten einbestellt, die keine oder günstige Medikamente benötigen. Sie sollen die teuren Patienten ausgleichen. Geld wird so aber nicht gespart.
Odilo Schnabel macht noch regelmäßig Hausbesuche. Müsste er die volle Summe bezahlen, wäre er pleite, müsste die Praxis schließen. Sein Verordnungsverhalten will er dennoch nicht ändern. Gegen die Regressbescheide hat er Widerspruch eingelegt.
Dass die Verschreibungen der Ärzte überprüft werden, daran will niemand rütteln. Auch Prof. Ferdinand Gerlach vom Sachverständigenrat nicht. Darunter dürfe aber nicht die Versorgung der Patienten leiden. Wirtschaftlichkeitskontrollen müssten sein, aber es dürfe nicht dazu führen, dass Ärzte die Therapie ihrer Patienten bezahlen müssten.
Im Bundesgesundheitsministerium weiß man noch nicht einmal, wie viele Ärzte mit Regressforderungen konfrontiert sind. Aber zumindest will man dort jetzt die extremsten Auswüchse durch Gesetzesänderungen abmildern.
Für Familie Gürtler haben die kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkasse inzwischen eine Sondervereinbarung geschlossen, so dass die Medikamente für Nick nicht mehr ins Budget der Ärztin fallen. Doch dafür mussten seine Eltern fast ein halbes Jahr kämpfen.
Ratgeber der Verbraucherzentralen
Ihr gutes Recht als Patient
www.ratgeber-verbraucherzentrale.de/UNIQ130614805230717/
ihr_gutes_recht_als_patient
Unabhängige Patientenberatung Deutschland
Bundesweites Beratungstelefon
Tel. 0800 0 11 77 22 kostenfrei, Mobilfunktarife abweichend
Mo bis Fr 10.00 bis 18.00 Uhr, Do bis 20 Uhr
www.unabhaengige-patientenberatung.de
Patientenrechte in Deutschland
Leitfaden des Bundesgesundheitsministeriums
www.bundesgesundheitsministerium.de/uploads/publications/
BMG-G-G407-Patientenrechte-Deutschland.pdf
Patientenrechte in Deutschland heute
Kassenärztliche Vereinigung
www.kbv.de/patienteninformation/103.html
Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen und -Initiativen
www.gesundheits.de/bagp/bagp_beratung.html
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 25.01.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.