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12.03.2010

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Rückschau: Job-Gefahr

Die Automobilbranche nach der Abwrackprämie 

 

Neuwagen (Bild: dpa) Bild vergrößern Bildunterschrift: Experten gehen davon aus, dass jedes. 4. Autohaus vor dem Aus steht. ]
(© BR) Mit der Detroit Motor Show läuft derzeit die erste große Automobilmesse des Jahres. Nach dem Krisenjahr 2009 erhoffen sich die Hersteller in aller Welt nun wieder steigende Verkaufszahlen. In Deutschland gab es die schon im vergangenen Jahr. Der Grund dafür: die Abwrackprämie, die allerdings den Steuerzahlern Milliarden kostete. Um rund 23 Prozent ging die Zahl der Neuzulassungen in Deutschland nach oben und zwar auf 3,81 Millionen. Solche Zahlen werden in diesem Jahr kaum mehr drin sein. Im Gegenteil: So mancher Autohändler und Zulieferer dürfte die nächsten Monate nicht überleben. So wie das Autohaus Nowak in Verl. Im Juni 2009 kam hier die komplette Firma unter den Hammer: Von der Werkstatteinrichtung über Ersatzteile bis hin zu Gebraucht- und Neuwagen. Der alteingesessene Opel-Händler mit 15 Mitarbeitern musste aufgeben. Um zu retten, was zu retten ist, hatte sich die Eigentümerfamilie entschieden, das ganze Unternehmen zu versteigern. Der Andrang damals: riesengroß.

Heute - sechs Monate später - sieht es auf dem Gelände trist aus. Ein Großteil der Geschäftsräume steht leer. Und das Schlimmste: Viele der Mitarbeiter haben noch immer keinen neuen Job. Trauriger Alltag - nicht nur hier.
Überall in Deutschland müssen immer mehr Autohäuser schließen. In Düsseldorf zum Beispiel steht inzwischen fast schon die halbe Automeile leer. Wo früher geschäftiges Treiben herrschte, ist heute gähnende Leere.

Dabei, so die Einschätzung von Experten, kommt das dicke Ende erst noch:
Die düstere Prognose für 2010: In Deutschland werden in den kommenden Monaten rund 25 Prozent aller Autohäuser wohl für immer ihre Tore schließen.
Dazu Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen:
"2010 wird nach unserer Einschätzung das schwierigste Jahr für die Autohändler seit dem Zweiten Weltkrieg. Durch die Abwrackprämie ist der Markt leer, es sind keine Neuwagenkäufer mehr vorhanden. Die Rabatte gehen hoch, das bedeutet für die Händler, dass die Gewinne noch schlechter werden pro Fahrzeug. Und es gibt sogenannte Leasingrückläufer, die belasten ebenfalls die Bilanz."

Doch nicht nur die Händler leiden. Auch die Auto-Hersteller. Den deutschen Autobauern haben die Milliarden aus der Abwrackprämie kaum etwas gebracht. Während zum Beispiel Fiat und Hyundai bei den Neuzulassungen um rund 80 Prozent zulegen konnten, gingen bei Mercedes, Audi und BMW die Zahlen spürbar ins Minus. Nun wird gespart, wo es geht. Massenentlassungen konnten bis jetzt zwar durch den Einsatz der Kurzarbeit vermieden werden. Doch das geht nicht auf Dauer. Und eine Besserung auf dem deutschen Markt ist nicht in Sicht: Für 2010 soll die Zahl der Neuzulassungen bundesweit um rund eine Million zurückgehen. Die Folge: Immer mehr Hersteller verlagern Teile der Produktion dahin, wo künftig mit mehr Wachstum gerechnet wird. So will zum Beispiel Mercedes einen Teil der C-Klasse-Produktion ins Ausland verlagern.

"Man muss sich in der Automobilindustrie damit abfinden", so Ferdinand Dudenhöffer, "dass die Arbeitsplätze in der Produktion längst ihren Höhepunkt erreicht bzw. überschritten haben. Da werden in den nächsten Jahren Arbeitsplätze abgebaut. Erstens, weil in den Märkten produziert werden muss, in denen verkauft wird, das sind die neuen Märkte, und zum Zweiten weil bei uns die Produktivität jedes Jahr steigt, mit mehr Robotern und mit weniger Menschen mehr Fahrzeuge gebaut werden."
Zahlreiche Experten befürchten: In der Autoindustrie werden bald schon 100.000 Jobs wegfallen - viele davon bei den Zulieferbetrieben.
Dort ist die Lage in vielen Betrieben besonders kritisch so die Erfahrung von Insolvenzverwalter Bruno Kübler. Er ist zur Zeit beim Wuppertaler Automobilzulieferer Happich aktiv. Das Traditionsunternehmen wurde von der Wirtschaftskrise voll getroffen - trotz innovativer Produkte. Die Auftragszahlen brachen im vergangenen Jahr rapide ein. Dazu kamen immer größere Liquiditätsengpässe. Typisch für die Branche. Denn viele Lieferanten wollen sofort Geld, die Auftraggeber aber, also die Autohersteller, zahlen immer später – und die Banken weigern sich häufig, die Zwischenfinanzierung zu übernehmen. "Für viele Unternehmen das sichere Ende", erklärt Dr. Bruno M. Kübler: "Ich glaube schon, und auch viele Experten glauben, dass die nächsten Monate zu einer weiteren Zunahme der Insolvenzen gerade im Bereich der Zulieferindustrie führen werden. Man spricht von 20 Prozent der Zulieferunternehmen, die in die Insolvenz gehen könnten."

Zurück zum Handel. Wie hier in einem Münchner Autohaus warten die Verkäufer derzeit vielerorts auf Kundschaft. Doch nicht nur die Kaufzurückhaltung macht den deutschen Autohäusern zu schaffen. Ähnlich wie bei den Zulieferbetrieben sind es auch hier oft die Banken, die einfach den Geldhahn zudrehen, meint Zoran Dreznjak von der Renault Retail Group München GmbH. "Wenn die Banken nämlich die Autohäuser nicht refinanzieren, wird es Schwierigkeiten geben, den Verpflichtungen nachzukommen und es wird weiterhin zu Insolvenzen kommen."

Verstärkt wird dies durch den immer härteren Preiskampf, der inzwischen auch von Internethändlern angeheizt wird. Wurden bis vor kurzem fast nur gebrauchte Fahrzeuge im Internet gehandelt, gibt es nun auch immer mehr Neuwagen im Netz. Und die mit hohen Rabatten. So gibt es bei einigen Modellen derzeit Nachlässe deutlich über 20 Prozent. Wohlgemerkt für Autos, die man sich nach eigenen Wünschen zusammenstellen kann. Preisnachlässe also wie noch nie! Und das sei erst der Anfang, meint Ferdinand Dudenhöffer: "Im Jahr 2010 werden wir nach unserer Einschätzung die höchsten Rabatte haben, die wir im Automobilbereich in Deutschland je erlebt haben. Für die Käufer ist das Weihnachten und Ostern gleichzeitig."
Demgegenüber herrscht bei vielen Unternehmen Endzeitstimmung. Die Angst geht um in einer Branche, die bisher als ein wichtiges deutsches Standbein galt. Bedrückende Aussichten.

Bericht: Martina Schuster, Johannes Thürmer
Stand: Mitte Januar 2010

Weiterführende Links

Informationszentrale für die europäische Automobilwirtschaft

Bundesverband freier KFZ-Händler

Kraftfahrzeugbundesamt Statistiken

Verband der Autoindustrie

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 12.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
Di, 12.01.10 | 21:50 Uhr

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