Rückschau: Händlerpleiten
Was heißt das für den Kunden?
Sendeanstalt und Sendedatum: SWR, Samstag, 30. Januar 2010
Den Tag muss man einfach auf Foto festhalten. Heidi und Edwin Brader lassen die Gläser klingen. Heute können sie endlich ihr neues Auto - eine Opel Corsa in Silber - abholen. Das Geld haben sie bereits an das Autohaus Kroymans überwiesen. 12.500 Euro - das ist für die Braders viel Geld. 20 Jahre haben Heidi, die Hotelköchin, und Edwin, der Lehrlingsausbilder, darauf gespart. Ihre Kapitalversicherung haben sie dafür aufgelöst. Und jetzt scheint alles klar - die Vorfreude ist groß. Die Jungfernfahrt mit dem neuen Opel Corsa kann beginnen. Ein Traum geht in Erfüllung.
Ein Alptraum beginnt
Von wegen. Ein Alptraum beginnt. Ein Mitarbeiter des Berliner Autohauses steht plötzlich vor ihnen und komplimentiert sie raus aus dem Auto. Noch heute kommt ihnen die Situation von damals völlig unwirklich vor. Heidi Brader erzählt: „Wir sollten aussteigen halt einfach. Wir haben hier 'ne Insolvenz. Wir können Ihnen den Wagen nicht aushändigen. Wir kucken uns an und haben gedacht: Das kann nicht wahr sein. Da sag ich: Was passiert jetzt? Der Wagen ist bezahlt. Wir haben überwiesen und die sagen: Wir kriegen den Wagen nicht. Das Nummernschild ist schon drauf, der ist auf uns gemeldet, die Papiere sind fertig, und wir kriegen ihn nicht.“
Das Problem: die letzten Kundenzahlungen vor der Insolvenz werden nicht mehr weitergeleitet an die Hausbank des Herstellers. Die rückt deshalb das Fahrzeug nicht raus. Und den Händler gibt es nicht mehr. Jetzt regiert hier der Insolvenzverwalter. Die Braders sind erst mal ratlos - aber nicht mutlos. „Da kam so 'ne Wut in mir hoch. Einfach weil ich mir gedacht hab: Die treiben so 'ne Misswirtschaft mit so einer Insolvenz, und der kleine Bürger soll drunter leiden. So 'ne Wut kam in mir hoch, dass ich einfach gesagt hab: Nee, so nicht!“
Auch Traditionsfirmen sind gefährdet
Ein Nervenkrieg beginnt. Der jedem drohen kann, der beim Händler vorab bezahlt oder auch nur eine Anzahlung leistet. Denn wer weiß schon, wie die wirtschaftliche Lage des jeweiligen Autohauses ist? Auch über Traditionsfirmen wie dem Autohaus Klaiber im schwäbischen Michelfeld kreist der Pleitegeier. Einer der ältesten Fiathändler in Deutschland ist insolvent. In den Verkaufsräumen gähnende Leere, die Fiat-Bank hat alle Autos abgeholt.
„Also wir sind jetzt seit 53 Jahren Fiat-Händler, ich bin 25 Jahre beim Konzern. Es ist eine sehr bittere Erfahrung. Wir haben in der Abwrackprämienzeit bis nachts um zehn Verträge geschrieben, den Umsatz verdoppelt, und dann diese leeren Ausstellungshallen sind sicherlich für uns sehr enttäuschend. Wir haben Kunden, die gestern noch gekommen sind und uns 50 Euro vorbeigebracht haben für ganz harte Zeiten. Die Kunden bedienen wir seit 25 Jahren in der Firma, die kommen zu uns und wollen Unterschriften sammeln, also irgendwie ist das eine sehr emotionale Geschichte," sagt Gerd Müller vom Autohaus Klaiber in Michelfeld.
Klaiber hat ein Problem, das viele Händler haben. Mit verführerisch niedrigen Leasingraten hatte der Hersteller versucht, Fahrzeuge in den Markt zu drücken. Dabei wurden die Restwerte viel zu optimistisch angesetzt. Jetzt verliert das Autohaus mit jedem Auto, das zurückkommt, Geld, viel Geld. Gerd Müller berichtet weiter: „Als Beispiel nenne ich einen Alfa 166, den ich von der Herstellerbank für 21.000 Euro zurückkaufen muss, den ich auf dem Gebrauchtwagenmarkt für 15.000 Euro erlösen kann. Somit mach ich schon von vornherein einen Verlust von 6.000 Euro, welcher in der Summe aller für uns verheerende Auswirkungen hat.“
Wenn der Insolvenzverwalter regiert
Jetzt ist der Insolvenzverwalter am Zug. Noch erhält jeder Kunde seinen bestellten Wagen, die Werkstatt läuft weiter, die Gewährleistung greift. Doch wenn der Betrieb zumachen muss, ist sie weg. Hat der Wagen noch Garantie, können die Kunden zwar auch zu anderen Vertragswerkstätten gehen. Doch wenn sich Mängel nicht beseitigen lassen, können sie das Auto nicht mehr zurückgeben. Und Anzahlungen auf Neuwagen drohen in der Insolvenzmasse zu versickern. Keine Zahlung vorab!, raten deshalb Experten.
Klaus Heimgärtner von der juristischen Abteilung des ADAC sagt dazu: „Grundsätzlich ist eine Zug-um-Zug-Zahlung zu bevorzugen, was bedeutet, dass der Kunde mit der einen Hand das Geld hingibt und mit der anderen Hand die Fahrzeug-Papiere bzw. die Fahrzeugschlüssel ausgehändigt bekommt. Sollte das Fahrzeug noch nicht förmlich vorhanden sein, dann wäre es ratsam, wenn man sich nicht nur die Fahrzeugpapiere, sondern zusätzlich auch die Erklärung des Verkäufers übergeben lässt, wonach das Eigentum an dem Fahrzeug an den Kunden übergegangen ist."
Manchmal ist Insolvenz eine Chance
Dass sie dies nicht bedacht haben, wäre die Braders beinahe teuer zu stehen gekommen. Doch die Eheleute kämpften. Schalteten einen Anwalt ein. Und - sie hatten Glück. Nach fünf Wochen rückte die Bank ihren Corsa heraus. Aus Kulanz wohlgemerkt - nicht, weil sie das geltende Recht dazu gezwungen hätte. Und so endete die Sache mit einem Happy End, mit dem die Braders schon kaum mehr gerechnet hatten.
Auch für das Autohaus Klaiber in Michelfeld gibt es ein vorläufiges Happy End. Es wird von einem anderen Fiat-Händler übernommen. Was zeigt: Insolvenz kann manchmal auch eine Chance sein.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 29.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

