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Rückschau: Pflegekosten

Wie kann die Versicherungslücke geschlossen werden

Sendeanstalt und Sendedatum: BR, Samstag, 16. Januar 2010

Versicherung © dpa Bildunterschrift: ]
Die Pflegeversicherung gibt es erst seit Mitte der 90er Jahre. Schon jetzt ist klar, es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sie kann keineswegs die tatsächlichen Kosten decken. Diese Deckungslücke will die neue Regierung heuer schließen mit einer privaten kapitalgedeckten Pflegepflichtversicherung. Wie kann so etwas aussehen, damit tatsächlich der Bürger etwas davon hat?

Die Deckungslücke

Margot Schwarzenbrunner kämpft seit über drei Jahren darum, in eine höhere Pflegestufe zu kommen. Mit diesem Schritt will sie mehr Geld von der Pflegekasse erhalten. Denn die bisherigen Zahlungen der Versicherung reichen nicht aus. Für den ambulanten Pflegedienst, der nur das Nötigste erledigt, zahlt sie jeden Monat drauf. Alles weitere übernimmt ihre Tochter, die sich intensiv um sie kümmert und dafür extra frei nimmt.

Aber nicht alle Angehörigen, wie Walter Bschor, haben Zeit, sich persönlich um Ihre Eltern zu kümmern. Für den ambulanten Pflegedienst seiner 85-jährigen Mutter musste Walter Bschor bei Pflegestufe 1 über 1.500 € pro Monat aus eigener Tasche zusätzlich zahlen. Zum Jahreswechsel kam sie in ein Pflegeheim, jetzt wird es noch teurer. Walter Bschor: "Wir bezahlen monatlich ca. 1.700 Euro zusätzlich zu dem, was die Pflegekasse bezahlt, an das Altersheim. Das bedeutet, dass das Kapital, das sich meine Eltern ein Leben lang vom Munde abgespart haben, bald aufgebraucht sein wird und wir buchstäblich Haus und Hof verkaufen müssen."
Ob ambulant oder im Heim, die Kosten sind deutlich höher als die Leistungen der Pflegekasse. Für die gesamte Pflegezeit einer Person klafft eine Lücke von 40.000 bis 100.000 Euro. Muss ein Kind zum Beispiel für Mutter und Vater aufkommen,
verdoppelt sich diese Summe noch einmal.

Der politische Ansatz

Diese Lücke will Gesundheitsminister Rösler schließen. Jeder soll, anders als jetzt im Umlageverfahren, sich selber absichern. Vereinbart im Koalitionsvertrag will er eine Pflegeversicherung zur Pflicht machen, bei der Kapital angesammelt wird, um damit im Pflegefall die Kosten zu decken. Kommt also heuer nach der Riester-Rente nun der Pflege-Rösler?

Ein Modell

Wie kann so etwas aussehen? Wir haben an der Humboldtuniversität in Berlin den Professor für Versicherungsrecht Hans-Peter Schwintowski und die Mathematikerin Alena Mysickova gebeten, ein einfaches und vor allem verbraucherfreundliches Modell einer Pflegeabsicherung auszuarbeiten. Warum? Wir wollen Eckpfeiler setzen und vorbeugen, dass nicht durch geschickte Lobbyarbeit ein Produkt entsteht, bei dem - wie bei der Riesterrente - am Ende weniger der Bürger sondern vor allem die Versicherungsbranche profitiert. Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski, Humboldt-Universität Berlin: "Das Kernziel des Konzeptes ist eigentlich ganz einfach, wenig einzahlen, lange, viele Jahre stehen lassen, und damit dann den Zinseszinseffekt für sich selbst arbeiten zu lassen, das ist eigentlich die Idee." Der Ansatz des Modells: etwa 60.000 Euro sind nötig, um die Lücke der persönlichen Pflegekosten zu schließen. Jeder soll vorsorgen und diesen Betrag ansparen. Und zwar indem er bereits ab Geburt einen geringen monatlichen Beitrag bis zum Alter von 75 Jahren einzahlt. Doch wo? Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski, Humboldt-Universität Berlin: "Nach meiner Meinung sollte diese Pflegepflichtversicherung von möglichst vielen angeboten werden, damit sich das Risiko auf viele Schultern verteilt, zum Beispiel alle privaten, aber auch alle gesetzlichen Pflegeversicherungsanbieter. Wir brauchen außerdem Kapitalanlagevorschriften, damit der Missbrauch verhindert wird. Und weil es ja ein staatliches Produkt ist, brauchen wir auch einen Kostendeckel, ich würde sagen ein Prozent der insgesamt eingezahlten Beiträge, das genügt für die Kostentragung."

Frau Mysickova hat unter Annahme dieser ein Prozent Kosten und einem Realzins von 4 % ausgerechnet, dass schon eine Monatsprämie von 12,00 Euro ausreicht. Der Vorteil: durch die lange Zeitdauer greift der Zinseszinseffekt sehr gut, also wenn die erwirtschafteten Zinsen wieder angelegt werden.

Die Monatsprämien von 12,00 Euro ergeben nach 75 Jahren gut 10.000 Euro, mit Verzinsung bereits rund 30.000 Euro, doch mit Zinseszins steigt die Summe exponentiell auf gut 60.000 Euro. Danach werden keine Beiträge mehr einbezahlt bis zum Pflegefall, der statistisch gemittelt mit 82 Jahren eintritt. Der Zinseszins vermehrt die Summe aber weiter. Wird die Summe nicht oder nur zum Teil verbraucht, fällt sie nach dem Tod an die Erben. Nur ein sehr kleiner Teil der Summe, so Schwintowski muss in einen Gemeinschaftstopf fließen, um Personen abzusichern, die früher zum Pflegefall werden.
Das Modell könnte sofort für alle Neugeborenen beginnen. Doch was ist mit allen anderen Altersgruppen? Für sie entsteht eine lange Übergangszeit, die geregelt werden muss. Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski, Humboldt-Universität Berlin: "Ich meine, wir brauchen eine Staffelung der Altersstufen, die angemessen und tragbar ist für die Einzelnen. Ich würde sagen, diejenigen, die heute 35 sind, die können dieses Konzept voll fahren und mitmachen. 45-55 Jährige können einen Teil ansparen, sie werden aber nicht alles ansparen können, und die 55-75 Jährigen und älter, die werden wir aus dem System weitgehend herausnehmen müssen. Sie werden einfach das bekommen, was sie heute bekommen."

Heutige Pflegezusatzversicherungen sind oftmals teuer oder leisten nur eingeschränkt. So macht es Sinn auf die neue Pflegepflichtversicherung zu warten.

Bericht: Reinhard Weber
Stand: Mitte Januar 2010

 

Adressen & Links

Das Eckpunktepapier von Prof. Schwintowski für eine ergänzende obligatorische private Pflegeversicherung
pdf-Dokument

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 16.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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