Rückschau: Säuren und Basen
Alles im Gleichgewicht?
Sendeanstalt und Sendedatum: BR, Sonntag, 31. Januar 2010
Von Erschöpfung und Depressionen ist die Rede, ebenso wie von Gicht, Asthma, Allergien, Hautkrankheiten oder gar Krebs. Wer jetzt Panik bekommt, der findet bei Heilpraktikern Rat. Sie versprechen schnelle Hilfe auf dem Weg zur optimalen Säure-Basen-Balance und nennen Tipps und Rezepte zum "richtigen" Entsäuern. Hartgesottene Schulmediziner streiten vehement ab, dass sich durch einen ernährungsbedingten Säureüberschuss Beschwerden oder Erkrankungen entwickeln können. Ihnen zufolge hat der Körper potente Puffersysteme, die einen plötzlichen Säureüberschuss neutralisieren.
"Die Behauptung, dass wir alle zu sauer sind, ist zu plakativ und so nicht zu treffen. Auch die Behauptung, dass man mit Nahrungsmitteln und Pülverchen derartige Säure-Basen-Haushalts-Situationen gezielt beeinflussen kann, ist sehr hypothetisch formuliert. Wir sind allerdings mit der Forschung auch noch nicht soweit, dass wir einen Zusammenhang ausschließen können. Ganz im Gegenteil: Eigentlich wirft die Säure-Basen-Hypothese interessante Fragen auf, denen man nachgehen müsste. Wir müssen zu diesem Thema mehr Wissenschaft betreiben, um ein klares Bild zu bekommen." PD Dr. med. Dieter Melchart, Leiter des Zentrums für naturheilkundliche Forschung der Technischen Universität München
Säuren und Basen sind wichtig für unseren Körper
Säuren und Basen spielen eine wichtige Rolle in unserem Körper. Unser Blut ist leicht basisch. Der pH-Wert liegt in einem engen Bereich um 7,4. Auch unser Dünndarm ist basisch (7,5 - 8,0). Andere Organe dagegen, wie der Magen, müssen sauer sein. Er kann nur bei einem sauren pH-Wert (2,0 - 4,0) unsere Nahrung aufspalten. Außerdem bietet die Säure im Magen einen effizienten Schutz vor eindringenden Erregern. Auch unsere Haut ist sauer (4,0 - 6,5). Hier wehrt der sogenannte Säureschutzmantel die meisten Bakterien ab, denn die vermehren sich lieber im neutralen bis leicht basischen Milieu. Die Behauptung, Säure sei generell gefährlich oder schädlich für den Körper, stimmt also nicht.
Ein ausgeklügeltes Puffersystem
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Um den Blut-pH konstant zu halten, ist unser Körper mit verschiedenen Puffersystemen ausgestattet. Diese Puffer binden überschüssige Säuren und schleusen sie über Lunge oder Nieren wieder aus dem Körper. Etwa zwei Drittel der so "eingefangenen" Säuren atmen wir über die Lungen ab, den Rest scheidet die Niere mit dem Urin aus dem Körper.
Akute Azidose – ein Fall für die Intensivstation
In einigen wenigen Fällen kann der Körper die Säuren-Basen-Balance tatsächlich nicht mehr im Gleichgewicht halten. Bei akutem Nierenversagen, einer schlecht oder gar nicht eingestellten Diabetes sind die körpereigenen Puffersysteme überfordert. Mediziner sprechen dann von einer akuten Azidose. Diese Art der Übersäuerung ist lebensgefährlich. Der Patient muss sofort ins Krankenhaus. Schulmediziner und Vertreter der Säure-Basen-Theorie stimmen darüber überein, dass eine akute Azidose des Blutes nur sehr selten eintritt.
Den Urin-pH-Test können Sie sich sparen
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Fakt ist: Fleischesser haben sauren Urin, Vegetarier pinkeln eher basisch. Es ist relativ einfach, den pH-Wert im Harn zu messen. Dazu gibt es spezielles Indikatorpapier in Apotheken zu kaufen. Doch einen Rückschluss auf den pH-Wert im Blut oder im Gewebe erlaubt diese Messung in keinem Fall. Dazu kommt, dass der Urin-pH-Wert im Laufe des Tages ständig schwankt. Ist der Urin-pH-Wert tatsächlich sauer, sagt das eigentlich nur, dass das "Puffersystem Niere" arbeitet. Im übrigen hemmt ein sauerer Harn das Wachstum von Krankheitserregern und mindert das Risiko, an Blasenentzündungen oder Harnwegsinfekten zu erkranken. Soll im Kontext der Säuren-Basen-Balance der pH-Wert des Körpers ermittelt werden, dann bringt eine pH-Bestimmung des arteriellen Blutes die besten Ergebnisse.
Mit Ernährung die Säure-Basen-Balance beeinflussen?
Im Internet und in Ratgebern finden sich zahlreiche Tabellen von "basisch und sauer wirkenden" Nahrungsmitteln. Säuernd und damit schlecht für die Gesundheit sind Fleisch, Wurst, Getreide-, Teig- und Milchprodukte. Basisch und damit gesund sind Obst, Gemüse, Tee und Fruchtsaft.
"Ich denke, dass die Nahrung grundsätzlich einen Einfluss auf alles hat, was wir im Körper haben. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Ernährung einen Einfluss auf den Säuren-Basen-Haushalt hat. Dennoch gibt es kaum eine gelenkte, gezielte Beeinflussung durch bestimmte Nahrungsmittel. Prinzipiell ist die Menge der Nahrungsmittel, die wir zu uns führen oft falsch - und nicht nur die Zusammensetzung. Das macht uns in der Tat krank. Nicht umsonst ist jeder Zweite übergewichtig und jeder Fünfte fettleibig. Also macht uns eine ernährungsphysiologisch falsche Ernährung mittelfristig oder langfristig krank, aber das hat andere Ursachen als den Säure-Basen Haushalt."
PD Dr. med. Dieter Melchart
Basenpulver und Tabletten
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Über einen enormen Absatz erfreuen sich die Hersteller von basischen Nahrungsergänzungsmitteln in Pulver oder Tablettenform. Das darin enthaltene Bikarbonat soll den Körper bei Säureattacken unterstützen. Dr. Melchart ist kritisch: "Basenpulver, wenn sie in Maßen eingenommen werden, werden vielleicht die Menschen nicht schädigen. Aber bislang wurde kein Wirksamkeitsnachweis erbracht. Insofern ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis sehr unglücklich und ich würde es nicht empfehlen. Manche Kollegen oder Heilpraktiker spritzen gar Bikarbonat in die Vene, geben richtige Infusionen. Das halte ich förmlich für schädlich."
Ernährungsempfehlungen
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Naturheilkundliche Mediziner wie Dr. Melchart halten es nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft für eher unwahrscheinlich, dass sich durch eine gezielte Beeinflussung des Säure-Basen-Haushalts Krankheiten vermeiden oder gar heilen lassen. In einem Punkt sind sich aber sowohl Anhänger als auch Gegner der Säure-Basen-Hypothese einig. Die Ernährungsempfehlung – wenig Fleisch, viel Obst und Gemüse, viel trinken, wenig Stress und ausreichend Bewegung – trägt auf jeden Fall zu einer besseren Gesundheit bei.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 31.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

