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Rückschau: Zivilcourage

Wer hilft dem Helfer?

Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Samstag, 17. Oktober 2009

Plakat "Zivilcourage zeigen"; Bild: DDP Bildunterschrift: ]
von Thomas G. Becker

Jürgen Probsts von der Polizei in Essen beäugt die aktuelle Diskussion über Zivilcourage misstrauisch. In seinen Augen wird sie mit einem gefährlichen Zungenschlag geführt. „Man sollte die Aufforderung zu Zivilcourage nicht falsch verstehen. Man hilft anderen nicht, indem man selbst Gewalt anwendet“, erklärt der Kriminalhauptkommissar. „Viele wollen dem Opfer helfen, beschäftigen sich aber mit dem Täter. Sie gehen mit ihm in eine körperliche Auseinandersetzung. Damit drehen sie aber selbst an der Gewaltspirale.“

Jürgen Probsts Spezialgebiet ist Gewaltprävention. Täglich tingelt er von Vereinsheim zu Vereinsheim und von Volkshochschule zu Bildungswerk. Auch beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Essen führt er regelmäßig Informationsveranstaltungen zum Thema Gewalt und Zivilcourage durch. Etwa 15 Senioren haben sich an diesem Tag eingefunden. Sie wollen wissen, wie sie sich in schwierigen Situationen verhalten sollen. „Wenden Sie sich dem Opfer statt dem Täter zu“, rät Jürgen Probst. „Verbalisieren Sie Ihre Absicht zu helfen. Wirken Sie beruhigend auf den Täter ein und versuchen Sie, das Opfer aus der Situation zu ziehen. Aber nur dann, wenn Sie sehen, dass der Täter ihnen gegenüber nicht aggressiv ist. Handeln Sie im Zweifel lieber aus der Distanz und rufen Sie die Polizei an.“ Doch das geht eben nicht immer. Manchmal geraten Nothelfer in Situationen, die sie einfach nicht mehr kontrollieren können. So wie Dominik Brunner, der Mann, der in München Kinder vor gewaltbereiten Jugendlichen schützen wollte. Brunner hat seinen Mut mit dem Leben bezahlt.

Hohe finanzelle Schäden

Gewaltopfer in einem Park; Bild: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Wurde Opfer einer Schlägerei bei einem Fußballspiel: Marc-Oliver Güntner. ]
Glücklicherweise geht es für Helfer meistens glimpflicher aus. Marc-Oliver Güntner wollte als Zuschauer bei einem Fußballspiel einem Mann zu Hilfe kommen, der von mehreren Männern angegriffen wurde. Ein dreifacher Jochbeinbruch, ausgeschlagene Zähne und Prellungen am ganzen Körper waren das Resultat seiner Hilfsbemühungen. Doch noch schlimmer als seine Verletzungen: Güntner weiß nicht, wie er die Rechnungen für Ärzte und Operationen bezahlen soll. Der selbstständige Trockenbauer ist nicht krankenversichert. Irgendwann in der Wirtschaftskrise lief sein Unternehmen so schlecht, dass er die Beiträge zur Versicherung einfach nicht mehr zahlen konnte. Ohne Krankenversicherung ist Marc-Oliver Güntner ein sogenannter Selbstzahler: „Ich war schon verzweifelt. Ich habe eine Familie zu ernähren, und jetzt stehe ich mit einem Haufen Schulden für die Behandlungen da.“ Güntner ist als Nothelfer selbst in Not geraten, erst in körperliche, dann in finanzielle. Mehrere Tausend Euro haben die Behandlungen seiner Verletzungen bis heute gekostet. Zivilcourage hat unter Umständen auch einen hohen finanziellen Preis.

Kriminalhauptkommissar Jürgen Probsts; Bild: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Jürgen Probsts ist Kriminalhauptkommissar in Essen und gibt Seminare zum Thema Gewalt und Zivilcourage. ]
Doch den muss in Deutschland niemand selbst tragen. Die erste Anlaufstation für Gewaltopfer ist der Weisse Ring. Ehrenamtliche Mitarbeiter, häufig ehemalige Polizisten, helfen Opfern in den ersten Tagen, mit dem Erlebten klarzukommen. „Uns vom Weissen Ring ist wichtig: Helfer, die selbst zu Opfern werden, stehen in Deutschland nicht alleine da!“, so die Botschaft von Josef Kirchberger. Der ehemalige Kriminalhauptkommissar ist der Nothelfer von Marc-Oliver Güntner. „Wir helfen und beraten, vermitteln auch Fachleute wie zum Beispiel Anwälte, die sich dann auch um finanzielle Fragen kümmern wie hier im Beispiel von Herrn Güntner.“

Sicherungssystem für Gewaltopfer und Nothelfer

Gewaltopfer mit seinem Anwalt und einem Vertreter von Weisser Ring e.V.; Bild: WDR (TV-Bild) Bildunterschrift: Marc-Oliver Güntner erhielt Hilfe von einem Vertreter vom Verein Weisser Ring und einem erfahrenen Anwalt. ]
Kirchberger ahnte von Beginn an, dass der Fall von Marc-Oliver Güntner nicht ohne Anwalt zu regeln war, und dass es aufgrund der finanziellen Situation schnell gehen musste. Also brachte er seinen Schützling mit dem Rechtsanwalt Reinhard Heckmann zusammen. Für Güntner ein Glücksfall, denn Heckmann war früher als Dezernent im Landesversorgungsamt Münster tätig und kennt sich mit der Materie bestens aus: „Wir haben in Deutschland ein gutes Sicherungssystem für Gewaltopfer und speziell auch für Nothelfer. Es gibt das Opferentschädigungsgesetz und die gesetzliche Unfallversicherung. In beiden Fällen gibt es ein umfassendes Repertoire für Heilbehandlungen, und wenn es dauerhafte Schäden sind, auch für Rentenleistungen. Also ein Betroffener, der sich in Gefahr begibt und Hilfe leistet, kann auch wenn es zu Schwierigkeiten kommt, Leistungen vom Staat oder der Unfallversicherung bekommen. Er ist gut abgesichert.“ Heckmann stellte für seinen neuen Mandanten gleich alle notwendigen Anträge.

Anträge nach dem Opferentschädigungsgesetz sind bei den Versorgungsämtern zu stellen. Anträge an die gesetzliche Unfallversicherung bei der Unfallkasse des jeweiligen Bundeslandes. Der Tipp des Experten: Opfer sollten beide Leistungsträger in Anspruch nehmen, denn die Leistungen können sich in einzelnen Punkten durchaus unterscheiden. Und noch ein Grund sieht der Experte, um direkt beide Anträge zu stellen: „Bei zwei Anträgen ist die Chance einfach größer, dass einer von den beiden Kostenträgern schnell entscheidet. Und häufig kommt es ja gerade auf eine schnelle Entscheidung an.“

 

Adressen & Links ...

„Zeichen setzen gegen Gewalt“
Initiative des Vereins Weisser Ring e.V.

Sicherheitstipps zur Zivilcourage
Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 17.10.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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