Rückschau: Partnervermittlung
Spätes Glück?
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Samstag, 17. Oktober 2009
Bildunterschrift: ]
von Jochen Taßler
Ingrid Kohnke ist seit über zehn Jahren allein. Die 72-Jährige hat zwei Männer verloren und nach dem Tod ihres letzten Ehemanns kein neues Glück mehr gefunden. Sie ist einsam, das fühlt sie mal stärker, mal schwächer. Zwar hat sie Kinder, die sich um sie kümmern. Aber die will sie auch nicht immer anrufen, wenn sie sich alleine fühlt. „Das ist einem irgendwann auch peinlich“, sagt sie.
Immer mal wieder hat sie schon die Seiten mit den Kontaktanzeigen in ihrem Wochenblatt durchgesehen. Sie hat sich nie getraut anzurufen, aber diesmal ist etwas anders. Sie sieht eine Anzeige von einem Herrn Mitte 70, die ihr gefällt. „Der Text war irgendwie nett geschrieben“, sagt sie. Sie traut sich und ruft an. Am anderen Ende der Leitung ist eine Dame von einer Partnervermittlung. Sie bietet ihr an, eine Mitarbeiterin zu einem Gespräch vorbeizuschicken - ganz unverbindlich, erinnert sich Ingrid Kohnke. Sie stimmt zu.
Hausbesuch der Partnervermittlung
Bildunterschrift: In der Zeitung fand Ingrid Kohnke eine Anzeige, die ihr sympathisch erschien. ]
Schon am nächsten Tag steht die Dame von der Partnervermittlung vor der Tür, im Gepäck ein bisschen Kuchen, viel Geduld und die Kontakte möglicher Partner. Ingrid Kohnke erzählt, dass sie die Dame nett fand. Dass sie aber gleich das Gefühl hatte, dass sie unbedingt etwas verkaufen wollte. Die Dame wirbt mit einem speziellen Angebot, das besonders gebildete Männer vermittelt. Ingrid Kohnke ist interessiert. Eigentlich will sie aber nicht sofort zusagen, sagt sie. Sie möchte Bedenkzeit, mit ihrer Tochter darüber sprechen. Aber die Dame lässt nicht locker.
Irgendwann wird Ingrid Kohnke das alles zu viel. Sie unterschreibt einen Auftrag. Vor allem, um die Dame endlich loszuwerden, betont sie heute. Für acht Kontakte soll sie fast 6.000 Euro zahlen. Ein stolzer Preis. Die Dame von der Partneragentur hat das EC-Karten-Lesegerät gleich dabei. 1.500 Euro nimmt sie sofort als Anzahlung, den Restbetrag lässt sie sich noch in Ingrid Kohnkes Wohnung auf einem Überweisungsträger ausfüllen.
Die Reue nach der Unterschrift
Als die Dame weg ist, merkt Ingrid Kohnke, dass sie einen Fehler gemacht hat. Sie ruft ihre Tochter an. Die versucht auf der Stelle, den Auftrag rückgängig zu machen, aber das lehnt die Partnervermittlung ab. Wie viele andere, die Partnervermittlungsaufträge unterschreiben, hat Ingrid Kohnke nun ein Problem. Sie hat einen zumindest auf dem Papier absolut rechtskräftigen Auftrag unterschrieben. Der Partnervermittlung steht das Geld zu. Allerdings gibt es unter bestimmten Umständen Möglichkeiten, solche Verträge zu lösen.
Widerrufsrecht für Haustürgeschäfte
Bildunterschrift: Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Partnervermittlung. ]
Geschäfte, die bei potenziellen Kunden wie Ingrid Kohnke zu Hause stattfinden, können sogenannte Haustürgeschäfte sein. Für sie gelten besondere Widerrufsrechte. Ein Haustürgeschäft liegt vor, wenn:
• der Mitarbeiter der Partnervermittlung entweder einfach so vor der Tür stand und es dann später in der Wohnung zum Vertragsabschluss kam,
• oder wenn er sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen quasi selbst eingeladen hat. Wenn er etwa bei einem Telefongespräch im Vorfeld angekündigt hat, „einfach nur so“, „ganz unverbindlich“ vorbeikommen zu wollen, ohne die genauen Vertragsinhalte und Kosten zu benennen.
Im Fall eines Haustürgeschäfts können Kunden dem Vertrag innerhalb von zwei Wochen widersprechen und das gezahlte Geld zurückfordern. Das sollte in jedem Fall schriftlich erfolgen, am besten als Einschreiben mit Rückschein, um den Eingang beweisen zu können. Außerdem müssen Kunden bei Haustürgeschäften über ihr Widerrufsrecht belehrt werden. Wenn das nicht passiert, können Kunden auch noch nach Ablauf der Zweiwochenfrist widerrufen. Wichtig ist vor allem eins: Niemals sollten Kunden mündlich oder schriftlich erklären, dass Sie den Vermittler ins Haus bestellt haben oder schon im Vorfeld über Vertragsinhalte und Kosten informiert worden sind. Das könnte das Widerrufsrecht gefährden.
Besser im Vorfeld auf einige Dinge achten
Ist ein Vertrag erst einmal abgeschlossen, wird es immer schwer, wieder herauszukommen, weil meist Aussage gegen Aussage steht. Dann helfen am Ende nur der Gang zum Anwalt und die Klage mit ungewissem Ausgang. Am besten ist es, sich gut zu informieren, bevor man sich an eine Partnervermittlung wendet. In den meisten Fällen wird man unangenehme Überraschungen so vermeiden können:
• Wenn möglich, keinen Vertreter zu sich nach Hause lassen. Besser ist es, die Partnervermittlung selbst aufzusuchen. Dann kann man einfach gehen, wenn man kein Interesse hat.
• Niemals unter Druck setzen lassen. Keine seriöse Vermittlung wird sagen, dass man jetzt sofort unterschreiben soll oder muss. Zeit für die Erstberatung und Bedenkzeit nach der Beratung ist Pflicht. Außerdem sollte die erste Beratung ausführlich und kostenlos sein.
• Aufmerksam werden, wenn von „kostenlos“ die Rede ist. Das kann ein Trick sein. Keine seriöse Beratung kann kostenlos arbeiten, keine wird Kunden im Unklaren über Kosten und Leistungen lassen.
• Mit Angehörigen oder Freunden sprechen. Partnersuche ist nichts Peinliches. Tausende von Menschen sind auf der Suche. Also: Lieber mit jemandem darüber sprechen, bevor man sich in einen Vertrag stürzt, den man später nicht will.
Adressen & Links ...
Tipps zum Umgang mit Partnervermittlungen
Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen
Gesamtverband der Ehe- und Partnervermittlungen
(Gilt als seriös. Wirbt mit einer Art Qualitätssiegel. Trotzdem natürlich auch hier nicht blind unterschreiben, sondern aufmerksam sein.)
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 17.10.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

