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09.02.2012

Fernsehen zum Anklicken
Das Sudetenland, Ostpreußen und die verlorene Heimat
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Hintergrund

Ist über Flucht und Vertreibung im deutschen Fernsehen nicht längst alles erzählt worden? Ja, vieles. Es gibt aber bislang keine Dokumentationen, die die Vorgeschichte dessen, was Sudetendeutsche und Ostpreußen erleiden mussten, derart aufschlussreich und gewissenhaft darstellen.

Und Geschichte erklärt sich eben am besten aus ihrer Vorgeschichte. Man muss deshalb nicht bis zu Adam und Eva zurückgehen. Die Ergebnisse des Ersten Weltkrieges und der Versailler Vertrag sind sicher die einschneidenden Daten, um bei der Darstellung zu beginnen. Der Vertrag hat Ostpreußen durch den so genannten "polnischen Korridor" vom Reich getrennt.

Diese Maßnahme schürte Ressentiments gegen die polnischen Nachbarn. Und die Entstehung der Tschechoslowakei beflügelte ein tschechisches Nationalbewusstsein, wodurch sich viele Sudetendeutsche als neue Minderheit benachteiligt fühlten. Diese Gefühle der Benachteiligung haben die Nationalsozialisten bewusst verstärkt und für ihre Zwecke instrumentalisiert. So ist erklärbar, weshalb Ostpreußen und auch das Sudetenland zu Hochburgen der NSDAP wurden. Und deshalb verweist man in Tschechien zu Recht darauf, dass viele Landsleute Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts die ersten Vertreibungsopfer dieser Region waren.

Von sudetendeutschen Nazis verjagt ins tschechische Landesinnere. Dies und eine Reihe von Gräueltaten der "deutschen Besatzer" bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs erklären zu einem wesentlichen Teil, weshalb die überragende Mehrheit der Tschechen mit den meisten Deutschen anschließend kurzen Prozess machte und sie aus dem Land warf.

Als ehemaliger Korrespondent der ARD in Prag weiß ich sehr gut, wie sehr Flüchtlingen, Vertriebenen und "Vertreibern" daran gelegen ist, ihre jeweiligen Vorgeschichten zu erzählen. Nur dann, so bemerken sie, werde Geschichte vollständig und "gerecht" dargestellt.

Unsere Dokumentationen kommen diesem Wunsch auf eindrucksvolle Weise nach. Bemerkenswert ist, dass die Dokumentationen "Die Sudetendeutschen und Hitler" sowie "Damals in Ostpreußen" dabei auf gängige Schuldzuweisungen und gegenseitige Aufrechnungen verzichten. Stattdessen stehen die Erinnerungen der Menschen im Mittelpunkt, die selbst Teil dieser Tragödie waren – gerade im Falle der Sudetendeutschen vielfach als Mittäter und Opfer in einer Person.

Rechtzeitig zum 70. Jahrestag des verhängnisvollen
"Münchner Abkommens" dokumentiert Das Erste eine in fatale Gewalt mündende Reiz-Reaktions-Kette – die Wunden sind bis heute nicht restlos verheilt.

Dem kundigen Publikum mag dieses Thema auch Anlass geben, darüber nachzudenken, wie man mit heutigen Diktatoren, die schamlos Vernichtung ankündigen, umgehen soll.

Thomas Baumann
ARD-Chefredakteur


ARD-Chefredakteur Thomas Baumann (Bild: ARD/Wolfgang Groeger-Meier) Bildunterschrift: Thomas Baumann, ARD-Chefredakteur ]




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