Die Sudetendeutschen und Hitler (1)
Heim ins Reich
- Sendetermin: Mo, 22.09., 21.00 Uhr
"Jetzt sind wir frei, so haben wir gedacht. Jetzt können wir endlich deutsch sein." Katharina Jaschek erinnert sich noch gut an den September 1938, als das Sudetenland "heim ins Reich" kehrte. "Bei den Deutschen war es eine ungeheure Freude. Das ganze Dorf hat gejubelt und gesungen", erzählt auch Josef Škrábek, Sohn einer Deutschen und eines tschechischen Postbeamten.
Die Škrábeks aber ahnten, was nun passierte. Der Vater verlor seine Stelle, die Familie floh nach Prag. Die Freude der Deutschen steht am Ende, der Jubel der Tschechen am Anfang der ersten Folge der zweiteiligen ARD-Dokumentation.
Die Unterzeichnung des Münchner Abkommens am 29. September 1938 markierte das vorläufige Ende eines uralten Konflikts zwischen Tschechen und Deutschen, dessen kritische Phase 1918 mit dem Zerfall der Donaumonarchie beginnt. Mit einer Revolution gelingt es den Tschechen zusammen mit den Slowaken auf dem Boden der einstigen österreichischen Kronländer "Böhmen und Mähren" die erste Tschechoslowakische Republik zu gründen.
Was für die Tschechen ein Durchbruch war zu einer eigenen Identität, war für die mehrheitlich deutsch sprechende Bevölkerung ein Alptraum. Aus der früher tonangebenden deutsch sprechenden Bevölkerung Böhmens und Mährens ist im neuen Staat Tschechoslowakei eine Minderheit geworden, die verzweifelt um ihr kulturelles und wirtschaftliches Überleben kämpft.
Deutsche Schulen werden reihenweise geschlossen, wie Fritz Hawelka sich erinnert, dessen Vater als deutscher Lehrer arbeitslos wurde. Die Kinder sollen auf tschechische Schulen gehen und Tschechisch, die neue Amtssprache, lernen. Doch für einen Jungen wie Herbert Fleissner in Eger, wo die meisten Deutsch sprechen, kommt das nicht in Frage.
Je heftiger die Deutschen bedrängt werden, Tschechoslowaken zu werden, umso stärker wird ihr Widerstand. Daraufhin besetzen tschechoslowakische Truppen die deutschsprachigen Grenzgebiete zu Deutschland und Österreich, das so genannte Sudetenland. Bei gewalttätigen Protesten gibt es die ersten Toten. 50 Deutschböhmen sterben, als an mehreren Orten Regierungstruppen in die Menge schießen.
Die Repressionen nehmen zu, die Benachteiligungen durch den tschechischen Staat wachsen. Der Schutz für die deutsche Minderheit steht nur noch auf dem Papier. Da sieht ein Mann seine Chance: Beflügelt durch die Machtübernahme Hitlers in Deutschland, gründet 1933 der Sudetendeutsche Konrad Henlein eine Sammlungsbewegung, die sich Autonomie und Selbstbestimmung der Deutschen auf die Fahnen schreibt. Je radikaler ihre Parolen werden, umso mehr Zulauf erhält sie.
Die Tschechen erleben, wie aus ihren deutschen Nachbarn überzeugte Nazis werden. Nicht alle Sudetendeutschen unterstützen Henlein. Der Sozialdemokrat Lorenz Knorr etwa gehört zu jenen, die sich heftige Saalschlachten mit den Henlein-Leuten liefern und er schmuggelt politisches Aufklärungsmaterial über die deutsche Grenze. Doch auch er kann nicht verhindern, dass die Mehrheit sich immer klarer auf Seiten der Nazis stellt.
Was dies insbesondere für die jüdischen Sudetendeutschen bedeutet, erzählt Eva Mändel-Roubicková: "Da war jeden Montag am Abend eine Hitlerrede und da sind die Leute brüllend auf die Straße und haben uns Steine in die Fenster geworfen und haben gebrüllt 'Juden raus', also das war wirklich unerträglich." Gezielt und mit tatkräftiger Unterstützung Hitlers provoziert die Henlein-Partei Unruhen und versucht, die Krise so anzuheizen, dass ein Krieg unvermeidlich scheint.
Die Tschechen machen mobil und sind überzeugt, Hitler militärisch aufhalten zu können: aus eigener Kraft und mit Unterstützung der Verbündeten England und Frankreich. Doch der Kampf bleibt aus. Zu groß ist die Friedenssehnsucht in Europa, der Wunsch, nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg einen neuen Krieg auf alle Fälle zu verhindern.
Die Alliierten unterzeichnen das Münchner Abkommen. Den Preis zahlen die Tschechen. Ihre gut gerüstete Armee muss kampflos zusehen, wie das Land zerstückelt wird. "Damals habe ich überhaupt nicht verstanden, warum wir nicht kämpfen. Ich war völlig überzeugt davon: Auf unserer Seite ist das Recht, wir müssen doch siegen", erinnert sich Lumír Tucek. Die Macht aber lag jetzt in den Händen der Deutschen. Und sie nutzten sie umgehend, um sich an ihren Gegnern zu rächen.
Film von Henning Burk und Pavel Schnabel





